ICH und die „Horrorfilme“ der Eltern

Immer wieder höre ich die Redewendung „Ich bin gar nicht bei mir!“ oder „Der ist ganz außer sich.“ oder „Die ist ja ganz aus dem Häuschen!“, aber auch „Hallo, ist da jemand zuhause?“.

Aber wo sind wir dann, wenn wir nicht in uns sind? Außer uns sind? Wenn wir nicht zuhause sind?

Manchmal sind wir dann wie im „falschen Film“. Dann sind wir nicht im realen Leben, sondern wie in einem Film. Wir sind in einem fiktiven, von einem Autor oder einer Regisseurin erschaffenen Werk, und noch dazu in einem falschen Film, in einem fremden Film.

Ich erlebe immer wieder Kinder, die unvermittelt und plötzlich aus ihrem Zuhause – ihrem Körper, ihren Gefühlen und Gedanken, aus ihrem eigenen ICH, aus ihrer Identität rutschen, hinein in fremde Filme, hinein in Szenen von Schrecken, Horror und Terror.

Dieses ‚Verrutschen‘ der Kinder in fremde Filme, in fremde Identitäten, und die entsprechenden Reaktionen der betroffenen Mütter und Väter beschäftigen mich sehr.

Robin und sein Vater Tom und Julie und ihre Mutter Anna (Name und persönliche Daten jeweils geändert) sind Beispiele für diese befremdlichen und mitunter verstörenden Dynamiken zwischen Kindern und Eltern.

Der dreijährige Robin sagt plötzlich mit befremdlicher, roboterhafter Stimme: „Ich will nicht nach Italien fahren. Italien ist nicht gut.“ Seine Eltern Tom und Hannah sind ziemlich irritiert, weil sie bis jetzt weder in Italien waren, noch in nächster Zeit irgendeinen Urlaub geplant hatten. „Italien“ ist so gar kein Thema in der Familie. Tom, Robins Vater, lacht zunächst und meint, Robin spinne sich etwas zusammen und hätte eben seine phantastische Phase. Die hätte er als Kind ja auch sehr ausgeprägt gehabt. Da war Knox, sein bester Freund, der war für Tom sehr real war, aber für alle anderen nicht, die konnten Knox nicht sehen… Erst als Robin immer und immer wieder zu allen möglichen und unmöglichen Zeitpunkten genau diesen Satz – „Ich will nicht nach Italien fahren. Italien ist nicht gut.“ – sagt, wird Tom zunehmend ärgerlicher und aggressiver. „Robin, hör auf!!! Halt Deinen Mund!!! Hör‘ endlich auf mit dem Schmarrn! Sonst – …“

Julie verkündet beim Abendessen, sie möchte trotz ihrer 5 Jahre wieder eine Windel in der Nacht tragen. Auf die Frage ihrer Mutter Anna, warum, meint sie: „Dann muss ich nicht auf’s Klo gehen. Und wenn ich eine Windel hab‘, dann brauch ich auch nicht mehr auf’s Klo gehen.“ Anna spürt für einen Sekundenbruchteil einen Hauch eines tiefen und dumpfen Schmerzes – und beginnt dann einfach ein Lied zu singen: „Komm, Julie, sing mit! Das ist so ein schönes Lied! Da kann man auch schön tanzen!“ So singen und tanzen Anna und Julie durch die Wohnung. Ein paar Tage später fragt Julie wieder nach einer Windel, um gleich selbst zu lachen zu beginnen, so als sei das wie ein Spiel: „Komm Mama, singen und tanzen wir…“

Es sind Situationen aus dem normalen, alltäglichen Leben, die mir Tom und Anna beiläufig berichten. Beide kommen wegen ganz anderen Themen immer wieder zu Einzelsitzungen. Für mich sind diese Aussagen der Kinder irritierend und durchaus auch verstörend.

Ich frage nach, möchte mehr wissen von dem, was die Kinder wie und wann sagen.

Dieses Nachfragen meinerseits ist für Tom und Anna ihrerseits nun irritierend. Es scheint, als wäre es Anna und Tom fast unangenehm.

Tom meint erstaunt: „Ja, nimmst Du denn das alles so wörtlich und ernst, was Robin da sagt?! Robin plappert ja die ganze Zeit vor sich hin und die Kindergärtnerin meinte ja auch, er hätte eine ausgeprägte Phantasie, was etwas sehr Wertvolles sei…“

Und Anna, die Mutter von Julie, schüttelt grinsend den Kopf: „Ach geh‘, so wichtig ist das nun auch wieder nicht… Oder?“

„Doch, schon…“ Für mich ist das, was Kinder sagen und ausdrücken, durchaus ernst zu nehmen. Insbesondere dann, wenn Erwachsene, Lehrer, Erzieherinnen, wenn Eltern darauf entsprechend bemerkenswert reagieren:

Anna lenkt sich und Julie von dem Gesagten und dem inneren Schmerz ab, in dem sie zu singen und zu tanzen beginnt. Tom schreit seinen Sohn Robin an, den Mund zu halten und droht ihm mit Schlägen, wenn er nicht aufhört diesen Schmarrn zu reden.

Diese befremdlichen Reaktionen auf das Gesagte der Kinder sind für mich ein Hinweis weisen darauf hin, dass Robin und Julie eben nicht etwas Belangloses und Unsinniges aussprechen.

Danach änderte sich die Atmosphäre in meinem Therapieraum spürbar: Mir ist, als hätte ich etwas gesagt, was ich nicht hätte bemerken und schon gar nicht hätte aussprechen sollen.

Tom schweigt zunächst und schaut mich ernst an:

„Also, wenn das kein Quatsch ist, was Robin da immer sagt, dann wird mir gerade sehr kalt und auch übel. Da könnte ich fast kotzen. Die Kälte und Übelkeit in mir wird immer schlimmer.“ Nach einigen Minuten meint Tom traurig: „Nein, das ist offenbar kein Quatsch.“

Was bedeutet „nach Italien fahren“? „Nichts Gutes. Gar nichts Gutes!“

Anna hingegen beginnt zu weinen:

„Das ist echt schlimm. Ich weiß nicht warum, aber das mit der Toilette ist wirklich schlimm. Ich will mich damit nicht beschäftigen, aber ich muss.“ Warum? „Weil ja sonst Julie in dieser -, in dieser Toilette drin ist, und das ist der blanke Horror für mich! Das geht gar nicht.“

Warum will Julie in der Nacht nicht auf’s Klo gehen? Nicht auf welches Klo gehen? „Ich weiß es nicht. Diese Fragen machen mir Angst!“

Ich erlebe immer wieder, dass Kinder – insbesondere kleinere Kinder – etwas sagen, etwas in Gestik und Mimik ausdrücken, etwas tun, was den Erwachsenen, den Eltern und Großeltern Angst macht. Mehr noch: Sie können offenbar das Gesehene, Gehörte und Gezeigte nicht aushalten. Deswegen reagieren sie auf die Kinder und deren Ausdruck abwehrend, abweisend, ablenkend – mehr oder weniger auffallend, auf jeden Fall nicht der Situation angemessen. Nicht so, wie sie üblicherweise als Erwachsene, Mutter und Vater, Großeltern auf die äußeren und inneren Lebenswelten der Kinder reagieren (wollen).

Was ist da los? Warum verhalten sich Kinder und Eltern so befremdlich?

Ich stelle in meiner Begleitung von Großeltern, Eltern und Kindern seit über zehn Jahren immer und immer wieder fest:

Kinder bringen ihren Eltern den Schrecken, Horror und Terror zurück, den diese niemals wieder erleben wollen. Es ist dieser Schrecken, Horror und Terror, der mit dem Erwachsen werden, mit dem Ausziehen von zu Hause, mit einer festen Partnerschaft, mit der Gründung einer Familie, … – mit dem eigenen Leben vorbei und weg sein soll, vergessen sein soll, aufgewogen und entschädigt sein soll.

Robin wird immer vehementer in seinem „Ich will nicht nach Italien fahren. Italien ist nicht gut.“ und Tom wird immer kälter und übler.

Danach nimmt Tom seinen Sohn auf den Arm und sagt: „Wir fahren nicht nach Italien. Du musst nie wieder – . Nein, nein, wir fahren nicht nach Italien! Hörst du?!“ Robin hört stumm und sehr aufmerksam zu.

Tom hingegen wird nun so übel, dass er sich regelrecht übergeben muss. Als er von der Toilette zurückkommt, klammert sich Robin an seine Beine, laut schreiend „Nein! Nein! Nein!“. Robin gerät völlig außer sich schreiend und nach Luft schnappend wirft er den Stuhl um und schmeißt seine Spielsachen durch die Gegend.

Tom bricht nun völlig zusammen. Er sitzt am Boden hält sich die Ohren zu, die Tränen laufen ihm über die Wangen.

Als Hannah vom Einkaufen nach Hause kommt ist sie zutiefst schockiert: Ihr Sohn Robin tobt wutentbrannt und ihr Mann Tom sitzt weinend am Boden und murmelt vor sich hin: „Ich will nicht nach Italien fahren. Italien ist scheiße.“

Nach dieser Eskalation kommt Tom mit Hannah zu einer Einzelsitzung. Tom will wissen, was da los ist mit ihm und Italien. Er will eine Selbstbegegnung mit Kissen machen. Dabei sucht er sich einen Kissenbezug für sich selbst aus, sein ICH, dann eines für ITALIEN und dann noch einen für die KÄLTE und ÜBELKEIT.

„Ich beginne mit Italien.“ Tom stellt sich auf den Kissenbezug und beginnt sogleich zu sprechen:

„Nach Italien fahren. Für ein paar Tage. „Italien – du magst doch Italien so gerne.“ Ja, ich mochte das Meer so gerne, das Eis und die Vergnügungsparks dort. Aber da wollte ich nicht. Nein! Nein!“

Tom beginnt am ganzen Körper zu zittern.

„Ich soll mit Papa nach Italien fahren. Alleine! Wo ist Mama? Was ist mit Mama?!

Tom beginnt sichtlich zu schwanken.

„Ich muss mich hinsetzen. Mir ist ganz schwindelig. Mir wird richtig schwarz vor den Augen.“

Einige Minuten lang sitzt Tom schweigend und leise weinend.

„Ich weiß nicht, was da mit Mama war. Ich weiß es einfach nicht. Da ist immer nur Nein! Nein! Nein! Ich will nicht nach Italien fahren!“

Tom steht wieder auf und schnauft tief durch: „Naja, und danach war sie ja weg. Sie ist ja gestorben. Ich war auch weg mit Papa. Ich weiß aber nicht, ob wir wirklich nach Italien gefahren sind. Ich war jedenfalls weg und Mama war dann auch weg.“

Tom stellt sich neben das Kissen und schaut es eindringlich an: „Nach langer schwerer Krankheit gestorben – Hat sie es jetzt geschafft?“

Tom ist sechs Jahre alt, als seine Mutter gestorben ist. Sie war schon lange körperlich und psychisch krank. Einfach leidend. Zuletzt hieß es, sie hätte Depressionen. In einem Gespräch mit seiner älteren Schwester erfährt Tom, dass er tatsächlich „danach“ mit seinem Vater weggefahren ist. Von „Italien“ weiß sie nichts. Er sollte nichts davon mitbekommen. Man wollte wenigstens ihn schonen. Als Tom nachfragt, was seine Schwester mit „danach“ meint, schüttelt diese den Kopf und beginnt zu weinen. „Ich weiß es nicht, es hieß sie hätte etwas mit dem Herzen gehabt. Ich sollte das ja auch sagen, wenn mich jemand fragt.“ Tom schüttelt den Kopf. Ihm ist wieder so kalt und übel. „Nein, das glaub‘ ich nicht. Mama ist nicht einfach so gestorben.“

Robin brachte seinem Vater wieder in den Horror des „danach“, den er jahrzehntelang aus dem Bewusstsein halten konnte.

Als Anna zuhause wieder von der Windel spricht, fasst Anna all ihren Mut zusammen und fragt Julie: „Warum? Warum willst Du in der Nacht nicht mehr auf’s Klo gehen?“

„Ich will in der Nacht nicht auf’s Klo gehen, weil dort die schwarze Hand aus dem grünen Klo kommt und mich mit sich nimmt.“ Anna spürt wieder diesen tiefen und dumpfen Schmerz – und beginnt diesmal nicht zu singen.

Anna fragt nach: „Wie schaute denn das Klo aus, wo die Hand aus der Kloschüssel kommt?“

„Also, da sind so gelbe oder braune Fliesen am Boden und an der Wand. Es ist kalt. Das Klo ist ganz grün und das Klopapier hat eine weiße Haube auf, ja, und es ist ganz eng und klein. Und da kommt die schwarze Hand aus dem Klo heraus und die will mich nach unten ziehen. Da mag ich nicht hin. Mama! Ich mag nicht auf das Klo gehen!!! Ich will lieber eine Windel.“

Julie beschreibt nicht die Toilette in der Wohnung, in der sie mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder wohnt. Es ist nicht die Toilette, auf die Julie in der Nacht geht.

Julie beschreibt die Toilette aus Annas Kindheit – und zwar mit einer erschreckenden Genauigkeit: Sogar das Häkeldeckchen über den Ersatzklopapierrollen in der Ecke erwähnt sie. Es ist eindeutig die Toilette aus Annas Elternhaus. Doch Julie hat diese Toilette nicht gesehen. Sie war niemals dort, denn die Eltern von Anna sind vor Julies Geburt gestorben.

Überrascht frage ich Anna: „Welche Bedeutung hat diese Toilette mit der grünen Kloschüssel und dem weißen Häkeldeckchen für Dich in Deiner Kindheit?“

„Eine furchtbare… Das ist es ja. Ich hatte so in der Grundschulzeit einen wiederkehrenden Alptraum – der ist so schlimm, dass ich den gar nicht erzählen kann. Und immer wenn ich dann auf’s Klo gegangen bin und die Spülung drückte, das gurgelnde Geräusch hörte und gesehen hab‘, wie das Wasser hinuntergezogen wurde furchtbar. Da dachte ich immer, jetzt passiert das vom Traum. Ich hab da echt geträumt, es kommt eine schwarze Hand, die mich in ein schwarzes Loch hinunterzieht.“

Anna beginnt zu zittern und zu weinen:

„Es ist genauso wie Julia das sagt, nur dass ich nicht auf die Idee mit der Windel gekommen bin. Ich war der schwarzen Hand im Traum und der Kloschüssel im Klo ausgeliefert, weil ich ja auf’s Klo gehen musste.“

Anna hält kurz inne und ruft erstaunt aus:

Kurz bevor das mit Julie und der Windel anfing, hab ich zum ersten Mal seit ich von zuhause ausgezogen bin, diesen Alptraum wieder geträumt! Was macht Julie in meinen Alpträumen?!“

Anna ist in einem Elternhaus aufgewachsen, dass sehr gewalttätig war. Der Umgang ihrer Eltern miteinander und mit den Kindern war geprägt von verbaler und körperlicher Gewalt. Anna hat mehrfach erlebt wie sich Vater und Mutter geprügelt hatten, wie Möbel und Geschirr zerbrochen wurden, wie sie und ihre jüngere Schwester geschlagen wurden. Ich frage Anna, ob sie deswegen diese Alpträume und die Zustände auf der Toilette hat:

„Nein, das ist etwas anderes. In den Alpträumen geht es um das, was ich bis jetzt nicht wahrhaben wollte, ja, und eigentlich auch nicht konnte. Jetzt kann ich zwar immer noch nicht, aber ich will immerhin. Nein, das stimmt auch nicht, wollen tu‘ ich nicht, aber ich sehe mich gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen, weil Julie da mitten drinnen steckt.“

So wie Robin den Horror seines Vaters, so drückt Julie den Terror ihre Mutter aus. Beide bringen ihre Eltern an die Grenze dessen, was sie aushalten können und unerbittlich darüber hinaus.

Wie kann das sein, dass Kinder derart zu Wiedergängern des erlebten Schrecken, Terrors und Horrors der Eltern werden?

Kinder sind manchmal wie „Wiedergänger“ unbewusster, unbewältigter, unverarbeiteter Lebenserfahrungen ihrer Eltern. Sie sind wie „Sprachrohre“, die diese traumatischen Erlebnisse – diesen Schrecken, Horror und Terror der Eltern unerbittlich verkünden.

Traumatische Erfahrungen sind an sich für unsere Psyche, unseren Körper und unsere Gefühle überfordernd und überwältigend. Das bedeutet: Erlebnisse von Schrecken, Horror und Terror, Erlebnisse mit dieser vernichtenden Qualität können nicht normal und gesund erfahren, und entsprechend auch nicht verarbeitet und bewältigt werden. Stattdessen werden sie durch verschiedene Notfallmechanismen so bearbeitet, dass ein Weiterleben, ein Überleben möglich ist. Der Schrecken, der Horror und der Terror wird demnach solange fragmentiert, die grausame Realität solange verändert, bis sie für unsere Psyche ertragbar und aushaltbar ist. Diese manchmal bis zur Unkenntlichkeit veränderten Bruchstücke der Realität werden dann in vor-bewussten Bereichen unseres Gehirn gespeichert.

Deswegen ist der tatsächlich erlebte Schrecken, Horror und Terror den Eltern nicht gänzlich bewusst: Zersplittert und abgespalten, wie weg und nie dagewesen – wie vergessen und gelöscht.

Aber nur scheinbar, denn: Traumatische Erlebnisse sind in unserem Körper gespeichert. Unsere Gefühle von Ohnmacht, Scham, Angst, Ekel, Wut, künden davon. In unseren Gedanken, Worten und Handlungen drücken sie sich aus. Doch wir können diese nicht (gänzlich) verstehen. Das bedeutet: Wir verstehen nicht wirklich, was wir da spüren, fühlen, denken, sprechen und tun.

Deswegen können wir auf traumatische Erlebnisse unserer Biographie nicht bewusst zugreifen, können nicht bewusst mit ihnen umgehen. Im Gegenteil: Diese traumatischen Fragmente greifen zu auf unser Bewusstsein zu und verändern unser Bewusstsein. Sie verfälschen unsere Wahrnehmungen. Sie (zer)stören unsere Identität.

Was bedeutet das? Erlebnisse von Schrecken, Horror und Terror überwältigen immer wieder unser Bewusstsein. Wir werden sozusagen davon gesteuert und gelebt, ohne dass uns dies bewusst ist.

Ich erlebe immer wieder: Kinder fühlen und spüren in ihrer Liebe zu den Eltern und in ihrer alternativlosen Abhängigkeit von den Eltern und deren Befinden, eben diese Splitter von Schrecken, Horror und Terror – und sie bringen diese zum Ausdruck.

Robin und Julie verlieren ihre eigene, ihnen ursprüngliche Identität. Sie verlieren sich selbst und rutschen in Szenen aus der Kindheit von Tom und Anna, tauchen ein in deren Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen. Robin und Julie geraten tatsächlich in einen „falschen Film“ – in einen nicht als Realität anerkannten Schrecken, Horror und Terror. Sie sind in einen „Horrorfilm“, der droht zu einem realen Schrecken, Horror und Terror für die Kinder zu werden.

Was bedeutet das für die Kinder in die Kindheit ihrer Eltern zu rutschen? In die Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen ihrer Eltern zu tauchen? Mitten in diese Horrorfilme der Eltern zu geraten?

Die Kinder erleben sich selbst und ihre Eltern plötzlich in sehr befremdlichen Zuständen, die verwirrend und verstörend sind, die mitunter traumatisierend sind. Sie geraten außer sich, außerhalb ihres gewohnten üblichen Kindseins und sagen etwas, machen etwas, zeigen etwas, das sie selbst und die Eltern zutiefst erschreckt.

Die Eltern wiederum begegnen plötzlich und unvermittelt ihrem unbewussten Schrecken, Horror und Terror der Kindheit. Sie erleben sich existentiell bedroht durch ihre Kinder. Genauer gesagt: Sie fühlen sich in Lebensgefahr durch die Kinder als Inbegriff dessen, was sie erleiden mussten. Sie können die Kinder nicht mehr als Kinder an sich wahrnehmen: Die Kinder verkörpern die Täter, die Opfer, die Gewalttaten von damals. Und dagegen setzen sich die Eltern in empfundener höchster Not zur Wehr: Sie ignorieren, lenken ab, machen lächerlich, drohen und schimpfen, schlagen und verprügeln… und/oder verstecken sich, weinen, betteln um Schonung, versuchen zu verhandeln, sie flüchten und laufen davon,…

Die Kinder sind nun nicht mehr „nur“ in die Horrorfilme ihrer Eltern geraten. Die Horrorfilme werden so für die Kinder zur Realität von Schrecken, Horror und Terror.

Und nun? Hoffnungslos und zwangsläufig vom Horrorfilm zur Horrorrealität?

Nein. Es führt keine Autobahn ohne Ausfahrt in Richtung „Horrorrealität“ als Endstation. Es gibt immer wieder Rastplätze zum Innehalten und Ausfahrten zum Umkehren.

Wie ist das möglich? Es ist eigentlich ganz einfach und doch trotzdem manchmal so unendlich schwer.

Robin und Julie haben diesen Horrorfilm ihrer Eltern immer und immer wieder vorgeführt. Doch die Eltern konnten nicht klar sehen und hören, nicht klar verstehen und bewerten, was ihr Kind da vorführt. Aber Tom und Anna haben in ihrem gesunden Anteilen darüber gesprochen. Sie haben mir zwar beiläufig und wie eine Anekdote davon berichtet: So sollte ich hören und bemerken und zugleich ja nicht hören und bemerken. Aber sie haben gesprochen, haben diese Dynamik öffentlich gemacht. Dadurch eröffnete sich ihnen die Möglichkeit, mit mir, die nicht in dem Schrecken, Horror und Terror gefangen ist und nicht existentiell bedroht ist, wahrzunehmen:

Was sagt mein Kind? Was zeigt mein Kind?

Wie reagiere ich darauf? Was löst das an Gefühlen, Körperempfindungen und Gedanken aus?

Welcher Film, welcher Horrorfilm wird da gerade vorgeführt?

Welche Realität meiner Biographie ist mir noch nicht bewusst oder noch nicht aushaltbar?

Je mehr Antworten ich für mich finde, desto mehr kann meine Psyche, mein ICH wahrnehmen, was gerade passiert, kann wahrnehmen, wenn ein Kind außer sich gerät, hinein in Horrorfilme der Erwachsenen. Je mehr ich weiß über meinen Schrecken, Horror und Terror desto mehr und eher kann ich zuordnen und sortieren.

„Julie, nicht Du willst nicht auf’s Klo gehen in der Nacht! Das bin ich. Ich wollte als Kind nicht aufs Klo gehen, weil ich mich so gefürchtet habt, dass mein Alptraum von der schwarzen Hand in der Nacht am Klo wirklich passiert.“

Julie hört interessiert zu: „Echt, jetzt? Da bin ich aber froh. Aber, Mama, warum hast Du so was geträumt?“

Weil mir als Kind ganz was Schlimmes passiert ist.“

Julie schüttelt den Kopf, steht auf und meint im Gehen noch: „Das mag ich jetzt nicht mehr hören! Das ist mir zu viel.“

Tom beschäftigt sich intensiv mit seiner Ahnung, seine Mutter ist keines natürlichen Todes gestorben, wie offiziell gesagt wurde, sondern seine Mutter habe sich umgebracht. Mehr noch: Womöglich habe Tom etwas mitbekommen, habe sie vielleicht sogar gefunden…

Von da an verkündet Robin zufrieden „Wir fahren nicht nach Italien, weil Italien scheiße ist.“

Ich frage mich, was ich als Kind ungehört und unverstanden über die unverarbeiteten Lebenserfahrungen meiner Eltern gesagt und gezeigt habe… Wie bin ich in den Horrorfilm meiner Eltern geraten? Wann ist er mir zur Realität geworden?

Was hast Du, was haben Sie ungehört und unverstanden gesagt und gezeigt?