ICH und das Nichtwissen und Wissen

Auf einem meiner letzten Seminare fragte ich eine Frau nach ihrem Anliegen. Sie besuchte vor einigen Jahren regelmäßig meine Aufstellungsseminare. Zunächst seufzte sie tief auf und meinte dann mit resignierter Stimme: „Im Grunde genommen ist es immer noch das gleiche Anliegen. Ich will wissen und fühlen, was mir passiert ist als Kind. Ich tu mich halt immer noch sehr schwer mit Aufstellungen und mit anderen derartigen Methoden.“

Warum?

„Einfach weil ich das, was sich da immer zeigt, entweder wieder vergesse oder einfach nicht glauben oder überhaupt nicht ernst nehmen kann.“

Wieso?

„Ganz einfach, ich nehme eine Beobachterposition ein und höre mir an, was die Stellvertreter sagen und ausdrücken. Und das ziehe ich dann immer in Zweifel oder mache mich lustig darüber. Weißt Du, so im Sinne von „Was hat das Ganze hier mit mir zu tun?“, „Die sind doch im eigenen Film.“, „Das kann ja gar nicht sein!“ oder „Jetzt übertreiben und dramatisieren sie aber ganz schön!“ Das ist immer schon sehr schwierig für mich mit den Aufstellungen, bei wem auch immer ich aufgestellt habe.“

Aha.

Nun, diese Frau spricht ein grundsätzliches Dilemma an: Die Methode an sich lebt von der Annahme, dass Menschen als Resonanzkörper spüren, fühlen und denken können, wozu andere Menschen aufgrund ihrer Schutzmechanismen keinen Zugang haben, wovor sie sich schützen müssen. Aufstellungen sind so betrachtet ein therapeutischer Trick, Dissoziationen/Spaltungen der Menschen zu überwinden, mit dem Zweck sie wieder mit sich selbst und der Realität ihrer Lebenserfahrungen in Kontakt zu bringen. Offenbar klappt das nicht immer:  Nicht immer lassen sich Menschen von ihren Aufstellungen berühren.

Was nun?

Was mache ich mit Menschen, die diese prinzipielle Annahme bezweifeln? Wie gehe ich mit derart ungläubigen, widerspenstigen Menschen um? Sind sie noch nicht so weit? Können oder wollen nicht hinsehen? Müssen sie einfach geduldig so lange Aufstellungen machen, bis es klappt? Stimmt die Methode nicht? Mitnichten. Ein überlebenswichtiger Schutz – eben im buchstäblichen Sinne ein Überlebensmechanismus – wäre ein lausiger Schutz, ließe er sich durch einen methodischen Trick einfach überrumpeln und aushebeln.

In diesem Zusammenhang denke ich immer wieder an Johanna, eine meiner ersten Klientinnen, die ich regelmäßig bis heute ausschließlich im Einzelsetting begleite. Johanna ist eine 61 jährige Psychotherapeutin. Ich bat sie, ihre Erfahrungen mit Aufstellungen, insbesondere mit den „Kissenaufstellungen“ für meine monatlichen Blog-Überlegungen ehrlich und ungeschönt aufzuschreiben. Dankenswerter Weise kam sie meiner Bitte nach:

„Im Vorfeld – und das dauerte viele Jahre – war ich einerseits angezogen von der Möglichkeit, über die systemische Familienaufstellung konkrete Fakten über ein in mir vermutetes Trauma zu erfahren, andererseits aber ausgebremst durch die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der so möglichen Informationen. Hinzu kam, dass ich regelrecht abgestoßen war durch das, was ich von und über Bert Hellinger las und von Teilnehmern seiner Aufstellungen erfuhr. Eine enge Freundin von mir besuchte seit langem die „Mittwochsveranstaltungen“ von (…) und war tief beeindruckt. Wir beschlossen, gemeinsam die Weiterbildung zu machen. Nach drei Monaten brach ich das Unternehmen ab. Ich spürte, dass ich mich dort weder physisch noch psychisch bewegen konnte, ich saß fest und beim Erinnern halte ich den Atem an… . Die Hauptursache war wohl, dass ich eine Art Bemächtigung fürchtete. Dass Fremdbestimmung eines meiner Hauptthemen ist, wusste ich damals schon. Fremdbestimmung erlebte ich einmal durch die vorgegebenen Sätze, die der Aufstellende nachzusprechen hatte, aber auch durch das Eigene, was die Stellvertreter in die Aufstellung mit einbrachten. Meine ursprüngliche Befürchtung war gewesen, dass mir die Traumavermutung als gegenstandslos aus der Hand genommen würde, nach dem Motto meiner Familie und der Aussage der vielen Therapeuten, die ich schon aufgesucht hatte: „Da war nichts… .“ Was ich bei den Aufstellungen der anderen Ausbildungsteilnehmer erlebte, war aber das direkte Gegenteil davon: Gewalt, Verrat und Missbrauch in jeder nur erdenklichen Form und das war womöglich noch schlimmer, denn ich hatte Angst, mir am Ende selbst nicht mehr glauben zu können und so endete mein erster Annäherungsversuch.

Im Sommer erlebte ich einen körperlichen Zusammenbruch, Herzrhythmus und Blutdruck entgleisten, ich wurde von Sanitätern in die Notaufnahme einer Klinik gebracht. Weder dort noch später in konnte eine körperliche Ursache gefunden werden. Glücklicherweise machte mich wenig später meine damalige Supervisorin darauf aufmerksam, dass es sich bei dieser „vegetativen Dysregulation“ um das Flashback eines frühen Traumas handeln könne. Das gab mir den starken Impuls, nun konsequent und gezielt nach diesem Trauma zu suchen. Ich hatte dich, Christina, von einer Aufstellung als Stellvertreterin in Erinnerung und kam deswegen zum ersten Mal in deine Praxis. Es entwickelte sich ein Prozess mit zunehmend regelmäßigen Terminen (DANKE!). Nach etwa drei Monaten, in denen ich mit mir selbst um Legitimation für meine Gefühle kämpfte, begann die Stellvertreterarbeit: Du gingst in meine Rolle. Damit ging es mir zwiespältig, teils fühlte ich mich befreit, teils auch mit meinem verächtlichen Vater identifiziert.

Ich erinnere mich noch sehr gut an diese ersten Termine: Johanna zweifelte an ‚Aufstellungen‘ und ich war begeistert von ‚Aufstellungen‘. Das war ein spannendes Zusammentreffen. Sollte ich Johanna versuchen zu überzeugen von meiner hilfreichen Methode? Das klappte nicht: Ich ging zwar in Stellvertreterrollen, weil das Methoden immanent ist. Johanna war misstrauisch und ich fühlte mich zutiefst unwohl. Was mache ich hier? Wie kann ich sinnvoll arbeiten? Sicher nicht mit meinem bisherigen Methodenverständnis, nicht mit dem, was ich bis dahin gelernt hatte. So wartete ich bis ich eine neue Idee bekam, bis ich neue Impulse fand:

In dieser Zeit hatte ich für mich ein Anliegen, das für mich sehr heikel war. Ich schämte mich, mich damit in einer Gruppe zu öffnen. Ich vereinbarte einen Einzeltermin bei Martina Wittmann. Mit ihr lernte ich eine für mich gänzlich neue Art der Aufstellung – die ‚verdeckte Kissenaufstellung‘ – kennen: Die Bestandteile meiner Aufstellung wurden auf Zettel geschrieben und gefaltet. Diese sollte ich, ohne zu wissen, was jeweils darauf steht, in Kissenbezüge tun, diese im Raum verteilen und mich schließlich daraufstellen und fühlen und spüren, was mit das Kissen zu sagen hat. Ich war völlig überfordert und zugleich überrascht von dieser meiner Reaktion (immerhin war ich persönlich wie fachlich seit über 10 Jahren mit Aufstellungen befasst und nun sogar mit ihnen selbstständig berufstätig):

„Martina, ich kann nicht fühlen und spüren, wenn ich nicht weiß, was in den Kissen ist. Ich muss das wissen, damit ich mich danach richten kann.“

Martina meinte zu mir, dass ich offenbar mein Gefühl kontrollieren wollte. Allerdings. Dem war nichts hinzuzufügen. Es fiel mir unerwartet schwer, meine Kontrolle aufzugeben. Was dann dabei herauskam, war sehr stimmig, jedoch nicht das, was ich erfahren und wissen wollte. Ich wollte diesem Anteil von mir nicht begegnen. Ich war mir damals sicher, dass ich diese Christina in einer offenen Aufstellung mit oder ohne menschliche Stellvertreter niemals gezeigt hätte. Das gab mir sehr zu denken, bezogen auf meinen persönlichen Prozess und den Prozess derer, mit denen ich mit Hilfe von Aufstellungen arbeite. Und so begann ich für mich diese erstaunliche Idee von Martina Wittmann aufzugreifen und sie in meine Einzelarbeit einzubauen.

Ein Jahr später symbolisierte ich erstmals Personen und Inhalte durch die Anordnung von Kissen im Raum. Das fühlte sich ungeteilt authentisch an. Und eine Woche später haben wir unsere erste Kissenaufstellung gemacht!

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Was nun begann, war ein eigener Entwicklungsprozess. Ich versuche ihn aus heutiger Sicht nachzuzeichnen. Ich traute meiner Wahrnehmung eher nicht, hatte vor allem Angst, dass es nicht funktionieren würde. Sehr wahrscheinlich filterte ich meine Gedanken und Impulse sowohl bewusst als auch unbewusst. So hatte ich kaum bildliche Assoziationen und eher wenig erkennbare Gefühle, außer Angst vielleicht. Ich hielt mich mehr an Körperempfindungen, nach innen und nach außen gerichtete. Einesteils fasste ich langsam Mut und Vertrauen zu der Methode, auf der anderen Seite hatten sich grundsätzliche Zweifel dauerhaft eingenistet. Ich sagte mir, dass die Stichworte auf den Zetteln so stimmig zu meiner Person und Geschichte gewählt waren, dass sie beliebig meinen Kommentaren zugeordnet immer einen Sinn ergeben würden. Da man davon ausgehen muss, dass die Aufstellung an jedem Punkt auf der Zeitleiste auch ein Abbild der wachsenden inneren Ordnung und Bewusstheit abbildet, sind die ersten Ergebnisse sicherlich holpriger und mit mehr Irrtümern behaftet. Mit der Zeit wurde ich spontaner und mutiger, fühlte mich freier. Deine Haltung Christina hat diese Entwicklung sehr unterstützt. Bis jetzt beeindruckt mich deine kompromisslose Hingabe an die Nachrichten aus dem Unbewussten.

Wenn ich mit Kissen verdeckt arbeite, dann werde ich zu einer Zeugin dessen, was die Menschen allein aus sich heraus wissen. Was sie von sich heraus von diesem inneren Wissen preisgeben und wie sie es ausdrücken. Es ist ein Ausdruck eines tiefen Wissens, der nicht steuerbar, nicht kontrollierbar, nicht manipulierbar ist. Von niemanden: Nicht von den Menschen selber, sie wissen ja nicht, in welches Kissen – in welches Wort – sie gerade spüren, und auch nicht von mir, ich weiß ja ebenfalls nichts. Ich habe meine theoretischen Annahmen und Erfahrungen – meine Arbeitshypothesen, ebenso wie die Menschen ihre eigenen Erklärungsmuster haben, aber treffen diese tatsächlich in dieser Biographie zu? Sind sie wichtig an diesem Punkt eines Prozesses? Manchmal ist das bewusste Wissen der Menschen über sich erstaunlich stimmig und manchmal schmerzhaft unstimmig. Manchmal ist das, was sich ausdrückt, klar und schlüssig und manchmal verwirrend und verschlüsselt. Aber immer ist es der reine Ausdruck der Menschen.

Grundsätzlich kann ich sagen, dass ich bei Beginn der Aufstellung immer eine Art Konzept im Kopf habe, seien es Farben, Texturen und Muster, die Anordnung, die Reihenfolge, wann das eine oder andere Kissen dran kommt. Das nenne ich mal die Komposition. Sie wurde zunehmend komplexer, differenzierter und einfallsreicher. Damit legte ich ja auch immer mehr und eindeutigere Spuren, die in erschütternder Weise ihr stimmiges Pendant in den später aufgedeckten Paarungen von Stichworten und Kommentaren fanden und finden. So besiegte schließlich die Evidenz der Aufstellungen meine partielle Ungläubigkeit.

Nun beschäftigt mich die Frage, warum ich dann immer noch eine so große emotionale Distanz (mit minimalen Ausnahmen) zu den Aufstellungen habe, obwohl ich sie als Manifestationen meines Unbewussten anerkenne – … . Ich glaube, dass unter der offensichtlichen Schicht von Überzeugung und Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Kissenaufstellungen noch eine andere Schicht liegt, die des gleichzeitigen Wissens und Nichtwissens. Ich sage dazu bewusst nicht Ambivalenz oder Dissoziation. Ich glaube, es ist ein subtiles Gleichgewicht aus zwei grundsätzlich unvereinbaren Gegensätzen, ein hochwichtiges funktionales Konstrukt. Ich glaube sogar, dass ich diesem Gefüge mein seelisches und wahrscheinlich auch körperliches Überleben verdanke. Denn je mehr ich mich auf meine Gedanken einlasse, desto mehr finde ich dieses Gleichgewicht auf allen relevanten Problembereichen meines Lebens. Wenn auch nur annähernd wahr ist, was wir in dem ganzen Therapieprozess über mein Leben herausgefunden haben, dann muss dieses Gleichgewichtskonstrukt unbegrenzt haltbar und widerstandsfähig sein… es musste dem Mörder, Vergewaltiger, der feigen Verräterin und wie ich seit neuestem ahne, Mephisto selbst die Stirn bieten. Wenn es überhaupt gelingen kann, dieses System aufzulösen, was ich sehr hoffe, dann wird es noch viel viel Mühen und viele Schmerzen kosten… Wenn es überhaupt gelingen kann, dann mit dir und dafür danke ich dir, Christina.“

Darin liegt meine Aufgabe, einen Raum zu öffnen, indem das bewusste Nichtwissen zu Wissen werden kann und immer länger im Bewusstsein bleiben kann. Wenn das gelingt, dann nähern sich unbewusste und bewusste Wissensebenen an und bilden ein Gleichgewicht. Wohin führt dieses Gleichgewicht? Welches Leben eröffnet sich aus dem bewussten Wissen?

Ich weiß es nicht.

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ICH und die Menschlichkeit

In einer Einzelstunde erzählte mir Paula einen Traum, der mich seitdem sehr beschäftigt:

„Im Traum war ich auf irgendeinem Kongress, an dem Menschen und Playmobil-Figuren teilnahmen. Ich schaute alle an und wusste komischerweise sofort, wer traumatisiert ist und wer nicht: Die Playmobil-Figuren waren alle traumatisiert und die Menschen nicht. Es war mir irgendwie ganz wichtig, das zu wissen und ganz genau zu unterscheiden.  Und ich wunderte mich sehr, warum denn keiner der Menschen den armen Playmobil-Figuren hilft. Wundern ist eigentlich zu schwach. Ich war richtig empört. Niemand kümmerte sich um sie, niemand tröstete sie, niemand umarmte sie. Die Playmobil-Figuren standen ganz allein und verlassen rum.“

 

 

Warum beschäftigt mich dieser Traum über den Einzeltermin hinaus?

Zum einen wegen des für mich überaschenden und sehr interessanten Traum-Bildes für Traumatisierungen: Playmobil-Figuren können sich nicht selbst bewegen, sind starr, liegen oder stehen da rum, wo sie zurückgelassen werden. Sie werden sozusagen von außen gelebt – auf sie werden die unterschiedlichsten Geschichten und Erlebnisse projiziert. Sie sind zum Objekt gemacht, sind buchstäblich „entmenschlicht“ – eben Spiel-Figuren aus Plastik, und als solche werden sie benützt.

Zum anderen wegen der Rolle, welche den umstehenden Menschen in diesem Traum zukommt: Sie kümmern sich nicht wirklich um die traumatisierten Playmobil-Figuren, beachten sie nur von weiten. Sie reden nicht mit ihnen, sondern sprechen über sie. Ich fragte Paula, warum denn niemand den Playmobil-Figuren half:

„Die Menschen da im Traum waren alle mit sich beschäftigt, bemerkten aber schon, dass es den Figuren schlecht ging. Sie überlegten sich sogar, welche Konsequenzen es für sie haben könnte, wenn sie ihnen helfen würden; ob sie einen Fehler machen könnten, ob sie dann deswegen belangt werden könnten, ob sie gar als übergriffig bezeichnet werden könnten, wenn sie sie zum Beispiel in den Arm nehmen würden.“

Dann blieben die Playmobil-Figuren in ihrem Leid und in ihrem Schmerzen ja völlig allein.

„Ja, sie wurden völlig allein gelassen, im Stich gelassen. Verlassen und allein.“ Verlassen. Allein gelassen. Allein. So wie Paula als sehr kleines Kind.

Ich erlebe immer wieder die Lebensgeschichte von Menschen, die in eines meiner Seminare oder zu einem Einzeltermin kommen. Es sind zutiefst traurige, erschreckende und schmerzhafte Erfahrungen, die sie zu mir kommen lassen. Manchmal sind diese Erfahrungen derart geschützt (tief in Spaltungen versteckt), dass es ihre eigene Zeit braucht, bis sich zutiefst verletzte Menschen in ihrer größten Not zeigen können. Doch über kurz oder lang zeigen sie sich, auf ihre eigene Art und Weise. Gerade in meinen Einzelterminen habe ich die Zeit und Ruhe, diese Not meines Gegenüber wahrzunehmen – zu sehen und zu hören, zu fühlen und zu spüren. Und nachzufragen. Und an diesem Punkt tauchen unter anderem in mir immer wieder Fragen nach der Rolle der Menschen auf – der  ‚innocent bystanders‘, wie sie das Englische so treffend bezeichnet :

„Was ist dann passiert? Wie ist Dein Umfeld mit Dir danach umgegangen?“

Die Antworten, die ich auf Fragen dieser Art bekomme, sind für mich in gewisser Weise noch schlimmer als die fürchterlichen Erlebnisse der Menschen. So meinte Paula irritiert und mit fast empörten Kopfschütteln:

„Ja, nichts ist passiert. Was soll schon passiert sein? Irgendwann bin ich wieder aufgestanden und hab‘ mich irgendwie eingesammelt. Ich bin nächsten Tag auch wieder in die Schule gegangen.“

„Hm. Angesichts dessen, was Du mir vorhin unter Tränen erzählt hast und was Du auch gemalt hast, warst Du ja seelisch und körperlich sichtlich verletzt. Du hast geblutet und du hast geweint und geschrien. Auf Deiner Kleidung war Blut, vielleicht war sie sogar zerrissen. Du warst sicher sehr verstört angesichts dessen, was da ein Erwachsener Dir angetan hat. Das war zu sehen und zu hören. Das konnte Deine Familie, die Nachbarn,  das konnte auch Deine Lehrerin mitbekommen.“

„Nein, nein. Die wussten nichts davon. Das habe ich alleine geregelt. Das habe ich versteckt. Das habe ich ganz alleine mit mir ausgemacht. Das mache ich bis heute alles mit mir alleine aus.“

Hm. Kann das sein? Ich zweifelte. Nicht daran, dass Paula ihre Not und Verletzungen zu verstecken versuchte, sondern daran, dass nichts zu sehen, zu hören und zu bemerken war.

„Jetzt fällt mir ein Satz ein: ‚Was Dich nicht umbringt, macht Dich noch härter!‘. Den Satz habe ich immer wieder in meiner Familie und auch so in meinem Leben öfters gehört.“ Paula begann leise zu weinen. Nach Minuten der Stille meinte sie zu mir: „Christina, ich war völlig allein gelassen und verlassen. Es scherte sich niemand um mich.“

„Ja, so war das. Ein erwachsener Mann verprügelte Dich derart, dass Dein Körper sehr, sehr verletzt wurde. Deine Nase hat geblutet und Dein Trommefell ist zerplatzt. Und nach dieser schrecklichen Tat ist niemand zu Dir gekommen, hat niemand nach Dir geschaut, hat niemand Deinen Körper versorgt, hat niemand Dich getröstet, hat niemand Dir erklärt, was überhaupt passiert ist, und hat niemand gesagt hat, das das, was Dir passiert ist, schlimmes Unrecht ist. Ja, Paula, Du warst tatsächlich allein und verlassen. So war das und so blieb es lange Jahre Deines Lebens.“

In diesem Erleben nach einem schrecklichen Trauma liegt meines Erachtens der Schlüssel, ob aus einer Traumaerfahrung ein lebenslängliches Leiden an den Folgen wird. Das, was mir widerfahren ist, ist mir widerfahren. Das ist nicht mehr zu ändern, nicht ungeschehen zu machen. Auch nicht unmittelbar danach. Das ist das eine, aber das vielleicht noch entscheidendere scheint zu sein, wie darauf fremde und nahe Menschen reagieren, wie sie mir danach begegnen:

Werde ich gesehen in meinem Leid und in meiner Not? Werde ich bestätigt und anerkannt in meinen Schmerzen? Darf ich ich mich so zeigen, wie mir zumute ist? Darf ich weinen, schreien, zittern, schweigen, mich erbrechen, stottern, mich verstecken, mich verkriechen und zurückziehen, …? Bin ich auch in meinem Leid gewollt und geliebt? Werde ich dann geschützt, dass so etwas Schreckliches nie wieder passiert?

Oder bleibe ich zurückgelassen, allein und verlassen?

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Darin sehe ich die Bedeutung von Beratung, Begleitung und Therapie:

Bietet sie mir die Möglichkeit – oft Jahrzehnte nach dem Schrecken – endlich einem Menschen zu begegnen, der menschlich zu mir ist? Für mich heißt menschlich sein zunächst: über Entsetzliches entsetzt sein, über Trauriges traurig sein, über Empörendes empört sein, über Unsagbares sprachlos zu sein, über Frohes froh sein, über Hoffnungsvolles hoffnungsvoll zu sein, über Lustiges zu lachen …

Und darüber hinaus ist noch etwas wichtig, einem Menschen zu begegnen, der aus der Distanz des Schreckens klar bleibt. Klar meint in diesem Sinne: Für mich Worte zu finden, für das, was ich bisher nicht aussprechen kann, mir diese Worte anzubieten, solange bis ich in meiner Sprache für mich sprechen kann. Klar meint weiterhin auch, das, was mir passiert ist zu bewerten, als schlimm, als unrecht, als verbrecherisch, als …

Letztendlich: Kann ich mich – so weit mir möglich ist – mit meiner Geschichte erfassen, mit allem was mir widerfahren ist? Kann ich mich (noch einmal) mit meinem Allein sein und Verlassen sein einem Menschen zeigen?

Das ist meine Idee von wirklicher, professioneller Hilfe – ein menschliches Beistehen, weniger ein Tun für etwas oder gegen etwas, sondern ein liebevolles und klares Mittragen der bisher unaushaltbaren und nicht gesehenen schrecklichen Lebenserfahrungen.

 

 

 

 

 

ICH und ein Schrecken in der Liebe

Kürzlich fragten der Professor und ich in einem Prüfungsgespräch nach den Gefühlen von Menschen während einer Traumasituation. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie Todesangst, Scham, Verlassenheit, Ohnmacht, Schmerz fügte eine Studentin Liebe hinzu. Ich war überrascht. Wieso Liebe? Nein, verbesserte sie sich sofort, sie meine eigentlich die fehlende Liebe, also wenn die Liebe fehlt, wenn zu wenig Liebe für ein Kind da ist. Nein, nein, meinte ich, das könne schon stimmen mit der Liebe, wenn… Ich hätte diesen Gedanken gerne weiterverfolgt, aber da kam schon die nächste Frage – wir befanden uns ja in einer Prüfung.

Kann Liebe ein Traumagefühl sein? Kann sie die gleiche psychische Sprengkraft haben wie Todesangst oder Scham?

Ich mache durch einen geliebten Menschen eine Erfahrung, die mich traumatisiert. Soweit war mir das bis dato klar.

Aber kann mich Liebe zu einem Menschen derart überfordern und überwältigen, dass ich existentiell bedroht bin? Dass ich meine Integrität aufgeben muss, um zu überleben?

Darüber dachte ich nicht nach. Bis vor ein paar Wochen war ich nur mit dem beschäftigt, was geliebte Menschen, getan oder nicht getan haben.

Bis mich die Begleitung dreier unterschiedlicher Menschen genau dahin führten.

„Ich liebe die Mörder.“ Das ist der Satz, der mir in der Arbeit mit Daniela, einer 61-jährigen Internistin, immer wieder begegnete. Daniela berichtete mir bereits in einer der ersten Einzelstunden, dass sie tief bewegt sei von dem Kinofilm „Dead Man Walking“ mit Susan Sarandon und Sean Penn. (Eine Ordensfrau besucht im Todestrakt einen Häftling, der wegen Mordes an einem jugendlichen Paar zum Tode verurteilt auf die Hinrichtung wartet. Sie begleitet ihn bis zu seiner Hinrichtung.) Auf meine Frage, was sie am Film so nachhaltig bewegte, meinte sie:

„Ich fühle mit dem Mörder mit, mehr als mit den Opfern. Ich liebe die Mörder! Ich weiß gar nicht, was der überhaupt getan hat. Das kommt doch gar nicht vor im Film vor, oder?“ Ich war überascht, sah ich doch die Rückblenden auf die Tatnacht deutlich vor mir.: „Doch, schon. Sehr deutlich sogar.“   „Aha, das muss ich wohl ganz ausgeblendet haben. Für mich ging es nur um die Beziehung, um die Liebe der Nonne zu dem Mörder.“

Im Laufe des mehrjährigen intensiven Prozesses setzte sich Daniela intensiv mit ihrer Traumabiographie auseinander: mit der emotionalen und körperlichen Gewalt ihrer Eltern und der sexuellen Gewalt durch ihren Vater und dem Wegschauen und Nicht Schützen durch die Mutter, mit den erschreckenden und qualvollen Reinszenierungen dieser Gewalt in ihrer Ehe und in ihren verschiedenen Psychotherapien. Dazwischen tauchte immer wieder die Frage nach einer eigenen Täterschaft auf: „Was habe ich an meine drei Kinder weitergegeben? Bin ich auch Täterin geworden?“

Einzelstunde für Einzelstunde, Aufstellung für Aufstellung entstand über Jahre hinweg ein klares Bild – einer Kindheit in Angst und Schrecken vor den unberechenbaren sadistischen Eltern, in unvorstellbaren Schmerzen durch die körperlichen Quälereien der Eltern, voller vernichtender Scham, ein „böses Kind mit einem schwarzen Herzen“ geheißen, behaftet mit unauflösbarer Schuld. Es zeigte sich, wie Daniela diese Kindheit bis heute überlebte, und wie eben diese Erfahrung trotz aller Therapien und Bemühungen ihr Leben bis heute nachhaltig beeinflussen. Es zeigte sich aber auch, wie sie sich selbst Schritt für Schritt ihr Leben erschafft.

Und doch: Trotz alledem blieb dieser Satz „Ich liebe die Mörder!“ weiterhin präsent, und tauchte wieder und wieder auf. Daniela war unzufrieden, ich auch. Wir waren beide unzufrieden trotz aller Klarheit.

Und so sagte ich zu Daniela: „Mir scheint, Dein Satz ist endlich beim Wort zu nehmen: Du liebst einen Mörder! Du liebst die Mörder! Wer ist der Mörder, den Du liebst? Genauer gesagt, wer sind die Mörder, die Du liebst?“ Daniela antwortet mit erschrockenem Gesichtsausdruck: „Mein Vater ist der Mörder.“

„Aha, Dein Vater ist der Mörder, den Du liebst.“

Daniela erschrickt noch mehr: „Ja, mein Vater ist der Mörder. Nein, ich liebe ihn ganz gewiss nicht. Nein, definitiv nicht.“ „Hm. Aber Dein Satz sagt etwas anderes: ‚Ich liebe die Mörder!‘ “

Daniela setzte sich danach noch einmal und zum wiederholten Male intensiv mit ihrem Vater auseinander, recherchierte in Familienakten und überprüfte für sich die tradierte Familiengeschichte auf ihre Evidenz und fand dabei Unstimmigkeiten und Widersprüche. Zusammen mit ihren detaillierten Aufzeichnungen über 40 Jahre ihres Lebens und ihrer Therapie ergab sich für Daniela eine neue bis dahin ungeahnte Traumaebene:

Ihr Vater ist tatsächlich ein Mörder, und zwar nicht, wie zunächst angenommen, im Zweiten Weltkrieg, sondern nach seiner Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangen-schaft:

Laut Familiengeschichte wurde seine Familie – seine 2- und 4-jährigen Söhne, seine Ehefrau und seine Schwiegermutter – von russischen Sodaten „geschändet“. Aufgrund dieser Schande hätten sie einen fremden Mann gebeten, sie alle gemeinsam zu erschießen, um sie von dieser „Schande“ zu erlösen. Für Daniela hat es nun allerdings den Anschein, dass ihr kriegstraumatisierter Vater aus Schmerz und Verzweiflung, aus Wut, aus … , seine psychisch und körperlich zerstörte Familie zunächst erschoss, um sich selbst danach zu richten, was er aber nicht schaffte.

Zwei Monate nach deren Beerdigung lernte er Danielas Mutter kennen. Sie verliebten sich und heiraten. Kurze Zeit später kommt Daniela zu Welt. Danielas Mutter liebt ihren Mann über alles. Im Tagebuch schreibt sie noch einige Jahre nach der Geburt, wenn sie sich zwischen ihrem Mann und ihrer Tochter entscheiden müsste, würde sie sich für ihren Mann entscheiden.

Ihre Mutter liebt einen Mörder „abgöttisch“, wie es Daniela immer wieder ausdrückt, ist mit ihm verheiratet. Es gibt einige Hinweise, die darauf hindeuten, dass Danielas Mutter durchaus wusste, aber nichts machte, weil sie ihn offenbar liebte. Daniela ist das Kind eines verzweifelten Mörders und einer diesen über alles – auch über seine Taten und auch über ihre Tochter – liebenden Frau. Auch Daniela liebt: Es ist die offene und bedingungslose Liebe eines Kindes an seine Eltern.

Was bedeutet es, einen Vater zu lieben, der andere Menschen umgebracht hat? Was bedeutet es einen Mutter zu lieben, dessen Liebe zu einem Mörder derart unerschütterlich ist, dass sie ihr eigene Wertvorstellungen, ihre eigene Menschlichkei dafür opfert?

Tobias, ein 51 jähriger Schreiner, ist der Sohn eines Erziehers in einem Heim für Schwererziehbare Kinder und Jugendliche in der DDR. Während eines (sexuellen?) Gewaltexzesses tötete dieser ein Kind, was von den Behörden vertuscht wurde. In seiner Aufstellung  „Mein Vater ist ein Mörder.“ drückt ein Stellvertreter genau dies aus: „Warum hat er denn nicht mir so was angetan? Warum hat er mich am Leben gelassen und das Kind nicht? Ich bin in einer so großen Not, das kannst du Dir gar nicht vorstellen. Ich bin so allein damit. Mein Vater -, mein Vater hat so etwas getan! Ich liebe ihn ja und ich bin so gerne mit ihm zusammen. Es ist ja mein Vater, der das getan hat. Bin ich auch so wie er? Es ist furchtbar. Ich wünsche mir wirklich er hätte mir noch viel schlimmere Sachen angetan, alle schlimmen Sachen der Welt hätte er mir antun sollen. Ich wünschte, er hätte mich getötet. Ich weiß nicht, wie ich damit leben kann. Mein Vater ist ein Mörder. Mein Vater! Ich kann kein Sohn eines Mörders sein!“ Daraufhin beginnt Tobias bitterlich zu weinen. „Genauso fühl ich mich. Das ist noch schlimmer für mich, als seine Schläge…“

Mir scheint, das ist der Schrecken in der Liebe. Ein Schrecken, den ich bis dahin noch nicht wirklich erfasste. Ein Schrecken in der Liebe, noch vor den emotionalen, körperlichen und sexuellen Traumatisierungen, die immer wieder darauf folgen. Auch bei Sonja lag der Fokus ihrer bisherigen Aufstellungen und Einzelstunden auf dem, was ihr von wem konkret angetan wurde:

Nachdem Sonja jahrelang unterschiedlichste Aufstellungen für sich machte, sogar eine Fortbildung dazu absolvierte, dabei alle möglichen Traumatisierungen ihrer selbst, ihrer Eltern und Großeltern aufdeckte und bearbeitete, rief sie mich an und meinte sie würde jetzt genug haben von der Vergangenheit und sich ab jetzt wirklich Sinnvollem zuwenden. Auf meine Nachfrage hin meinte sie, sie würde mit all ihrem Traumawissen sich in einem Flüchtlingshelferkreis engagieren. Ich war überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet: „Wie kommst du denn darauf?“ „Ich hatte plötzlich die Idee, dass es meine Aufgabe, meine Bestimmung im Leben ist, Täter, also die, die schlimme Sachen gemacht haben, zu lieben, denn dann werden sie zu besseren Menschen. Mir kam so, dass ich da etwas Gutes für die Menschen bewirken kann.“ Aha, dachte ich mir, von ihrer Begründung noch mehr überrascht. Demnach ist in den ganzen Aufstellungen in meinen und anderweitigen Seminaren mit den verschiedenen Tätern, Opfern und Taten das Wesentliche noch nicht oder nicht gänzlich verstanden und angekommen.

Einige Monate später geriet Sonja mit ihrer Bestimmung, Täter zu lieben und mit ihrer Liebe zu heilen, in massive emotionale Verstrickungen mit einem Flüchtling: Er wurde nach seiner Selbstanzeige mit großem Polizeiaufgebot festgenommen und kam in Untersuchungshaft wegen Verbrechen, die er in seinem Heimatland begangen hatte. Diese Vorgänge verminderten ihre Liebe nicht, im Gegenteil, sie verstärkte sich noch. Sie begann für ihn in der Öffentlichkeit einzustehen, organisierte und finanzierte ihm einen sehr guten Anwalt, und besuchte ihn immer wieder in der U-Haft. Sie kämpfte für ihn und begann sich über sich zu wundern.

Sonja sieht sich gezwungen – ähnlich wie Daniela – sich erneut mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen: „Wer ist Täter in meiner Familie?“ „Um welchen Täter geht es da wirklich?“ „Wen will ich da mit meiner Liebe vor seinem Täter sein bewahren?“

Kürzlich erfuhr sie, dass in einigen Monaten der Prozess stattfinden soll und dass sie als Zeugin aussagen soll. Trotz all ihrer Bemühungen, ihrer Anstrengungen, ihrer Liebe zu ihm – er ist ein Täter, der sich einem Gericht zu verantworten hat.

„Ja, auch wenn es furchtbar wird. Ich werde da hin fahren und mir die 12 Verhandlungstage antun. Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, was er gemacht hat. Ich will sein Täter sein nicht mehr ausblenden, seine Schuld nicht mehr weg-lieben. “

Doch, die Liebe kann durchaus ein Traumagefühl sein – dann wenn wir erkennen, dass wir einen Menschen lieben, der schreckliche Taten begangen hat. Dann ist ein Schrecken in der Liebe, der nur auszuhalten ist, wenn wir das Täter sein des geliebten Menschen abspalten, und ihn noch mehr lieben…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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ICH – von „Die muss weg!“ bis „Ich will weg!“

In diesem Beitrag schreibe ich über die 13 jährige Tina und über Maria, in deren Familie Tina seit zehn Jahren als Pflegekind lebt. Ich schreibe deswegen über sie, weil mich ihrer beider Geschichte seitdem ich als Traumaberaterin arbeite immer wieder und zuletzt vermehrt beschäftigt – mehr noch: Ich bin traurig und wütend, und zugleich sehr beeindruckt und hoffnungsvoll.

Maria kam 2010 in eines meiner ersten Aufstellungsseminare mit dem Anliegen: „Was ist nur mit Tina los?“ Das sechsjährige Mädchen ist verbal extrem ausfällig und körperlich sehr aggressiv gegenüber Maria, ihrem Lebensgefährten Martin und auch gegenüber Eva, der leiblichen Tochter Marias: Je mehr Maria ihr eine liebevolle Familie ermöglichen will, desto mehr reagiert Tina mit Hass, Zerstörung und Gewalt. Und desto mehr fordert Marias Familie, Tina müsse weg, sie sei unertragbar, sie zerstöre die Familie. Maria ist sehr verzweifelt, sie will Tina nicht weggeben und doch weiß sie sich nicht zu helfen.

Der folgende Aufstellungsprozess zeigte deutlich eine völlige Überforderung Marias mit der sichtlich schwer traumatisierten Tina und eine – für mich – erschreckend radikale und grundsätzliche Ablehnung und Abwertung durch das gesamte familiäre Umfeld.

Im Laufe dieser und weiterer Aufstellungen und Beratungsgespräche offenbarte sich zusehends: Tina inszeniert immer und immer wieder das Traumageschehen ihrer ersten drei Lebensjahre. Maria hingegen ist nahezu grenzenlos bemüht, Tina als Pflegekind weiterhin behalten zu können. Sie will einen erneuten Bindungsabbruch unbedingt vermeiden.

Aber was musste Tina tatsächlich in ihrer Herkunftsfamilie erleiden? Maria weiß nahezu nichts über die Gründe für die Inobhutnahme. Aus Datenschutzgründen gewährt ihr das Jugendamt keine Akteneinsicht.

Ich war – und bin es immer noch – entsetzt und empört. Denn: Ohne Wissen über den Traumahintergrund und dessen nachhaltigen Konsequenzen auf das gegenwärtige Leben ist eine heilsame Begleitung Tinas unmöglich (schon gar nicht in einer fremden Familie). Im Gegenteil: Es kommt immer wieder zu unheilvollen Reinszenierungen von Gewalt und Beziehungsabbrüchen. Meines Erachtens ist dieses Vorgehen der Jugendamtsmitarbeiter grob fahrlässig und gefährdend für alle Beteiligten und bedeutet nicht zuletzt für Tina eine erneut drohende Kindeswohlgefährung.

Maria ist sichtlich betroffen über meine direkte Aussage. Damit konfrontierte sie die Jugendamtsmitarbeiterin, die ihr inoffizell Akteneinsicht gewährt:

Tina wurde 2004 mit sechs Monaten wegen akuter Kindeswohlgefährung aus der Familie genommen: Ihre Mutter ist an Schizophrenie erkrankt. Ihr Vater ist drogenabhängig. Beide kümmerten sich nicht oder nur unzureichend um den Säugling. Die Versorgung übernahm weitestgehend ihre sechsjährige Schwester Doris. Wie das möglich war, ist mir unvorstellbar, aber Tina überlebte.

Tina kam in eine Bereitschaftspflege, die Mutter in die Psychiatrie und der Vater in das Gefängnis. Nach einem Jahr schien es der Mutter besser zu gehen: Sie ist medikamentös sehr gut eingestellt und lebt mit ihrem neuen Partner zusammen in einer gemeinsamen Wohnung. Das Jugendamt entschied sich zu einer Rückführung: Tina wurde aus der Pflegefamilie genommen und wieder ihrer Mutter übergeben. Doch kurze Zeit später eskalierte die Situation erneut: Der Lebensgefährte der Mutter erweist sich als alkoholabhängig und sehr gewalttätig. Tina musste immer wieder miterleben, wie ihre Mutter massiv bedroht und körperlich verletzt wurde. Darüber hinaus ist anzunehmen, dass auch Tina selbst körperliche Gewalt erfahren hat. Die Mutter konnte weder sich noch ihrer kleine Tochter schützen. Als die Mutter wieder einen psychotischen Schub erlitt und in die Psychiatrie eingeliefert wurde, wurde Tina erneut vom Jugendamt in Obhut genommen. Die dreijährige Tina kam zunächst in eine Einrichtung der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Dort allerdings störte Tina mit ihren massiven Aggressionsausbrüchen das Gruppengeschehen derart, dass der Träger froh war, in Maria eine Pflegemutter für Tina gefunden zu haben.

Mit diesen wichtigen Informationen gelang es Maria zusehends zu verstehen, warum sich Tina insbesondere ihr gegenüber, aber auch anderen Menschen gegenüber derart aggressiv verhielt. Zusätzlich begann Maria mithilfe von Aufstellungen und Gesprächen ihre eigene Traumalandschaft zu entdecken – eine Welt voller Kälte, Ablehnung und Gewalt.

„Ja, mir muss es wohl ähnlich ergangen sein, vielleicht nicht ganz so krass wie bei Tina. Vielleicht gebe ich sie deswegen nicht zurück, auch wenn alle das von mir erwarten oder fordern!“

Je bewusster sich Maria ihrer Traumageschichte war, desto entspannter wurde der Umgang zwischen beiden. Tina gelang es immer mehr, die Not von Tina in der Tiefe wahrzunehmen und dennoch immer standhafter Grenzen zu ziehen und sich in Momenten der Gewaltausbrüche zu schützen.

Zu diesem Zeitpunkt lernte ich Tina kennen: Maria nahm sie einmal mit in eine Einzelstunde. Sie sollte mich nur einmal sehen und etwas kennen lernen. Doch Tina wollte überaschend eine Kissenaufstellung machen.

Sie fragte mich: „Kann ich da herausfinden, was mir, als ich noch bei meiner richtigen Mama gewohnt habe, passiert ist?“ Ich antwortete ihr: „Das ist durchaus möglich, wenn Deine Psyche einverstanden ist. Wenn sie Dich nicht mehr vor den schlimmen Erinnerungen schützen muss.“ Tina nickte sehr ernst: „Das ist sie. Ich muss das wissen. Ich träume doch sowieso immer von den schlimmen Sachen. Außerdem weiß ich dann endlich, warum ich so bin wie ich bin.“

Ich habe mit Tina verdeckt gearbeitet – sie wusste also nicht auf welchem Kissen, sie jeweils selbst stand – und es zeigte sich in voller Klarheit eine Klima voller Gewalt und entsprechender ständiger Todesangst. Tina hatte fürchterliche Angst vor dem Lebensgefährten, dass er die Mama umbringt, dass er auch ihr selbst etwas Schlimmes antut. Tina hatte aber auch fürchterliche Angst vor ihrer Mutter, dass auch sie ihr etwas Schlimmes antun könnte.

„Dann stimmt es also, was ich immer schon wusste. Nicht nur er, auch die Mama hat mir was angetan. Das ist hart für mich. Ganz hart.“

Ich nickte: „Ja, das ist hart, sehr hart für Dich. Aber so ist es gewesen. Und deswegen kannst Du bis heute nicht bei Deiner Mama wohnen, sondern musst bei der Maria leben. Und deswegen rastest Du manchmal aus, wenn Dich etwas an diese schlimme Zeit der Angst und Gewalt erinnert. Oder wenn Du so gerne bei Deiner wirklichen Mama sein würdest und es geht nicht.“

In einem nachfolgenden Gespräch wollte Tina wissen, wie sie es verhindern kann, dass sie so aggressiv zu anderen Menschen ist, vor allem auch in der Schule. Sie musste schon mehrmals die Schule wechseln, weil Lehrer und Mitschüler und deren Eltern der Meinung waren, Tina sei untragbar.

„Ich muss das wissen, weil ich dann nicht immer weg muss, von der Schule oder auch weg von der Maria.“

Erstaunt fragte ich nach: „Ich weiß, dass Du in der Schule immer wieder große Probleme hast mit Lehrern und Mitschülern. Aber weg von der Maria? Das ist mir neu.“

„Naja, wenn ich immer so schlimm bin zu ihr, dann kann sie es mit mir nicht mehr aushalten und dann gibt sie mich zurück. Und es sagt auch manchmal der Martin, ihr Lebensgefährte, oder die Eva, ihre echte Tochter, dass ich weg muss!“

Maria begann zu weinen, und meinte: „Das stimmt wirklich. Es sagen alle, es wäre besser Tina zurückzugeben. Und, wenn ich ehrlich bin, wenn es gerade wieder ganz schlimm ist, dann denke ich das im ersten Moment auch. Aber eigentlich will ich das gar nicht.“

dreigliedriges Gehirn

 

Ich begann Tina das dreigliedrige Gehirn zu erklären, wie das emotionale Katzengehirn Alarm schlägt und dann sofort das Krokodil zuschnappt und sich verteidigt, ohne dass der intelligente Professor überhaupt eine Chance hat zu überprüfen, ob das sinnvoll ist oder nicht. Wenn sie also derart aggressiv ausrastet, ist ihr „Professor“ ausgeknockt, und das Krokodil beißt wild um sich, weil es sich in größter Gefahr wähnt. Es glaubt, dass es wieder so ist wie damals bei Mama.

 

„Also, muss ich schauen, dass mein Professor der Chef bleibt und das Krokodil unter Kontrolle hat, wenn meine Katze Angst bekommt.“

Im folgenden entwickelte Tina für sich einige Ideen, wie sie frühzeitig bemerkt, wann sie getriggert wird, wann ihre lebensbedrohliche Angst wieder aufsteigt in ihr, und was sie tun kann, damit sie nicht ausrastet.

„Das werde ich meiner Lehrerin erklären, wie das mit meinem Professor und meinem Krokodil ist.“

Tina erklärte unmittelbar nach unserem Gespräch ihrer Lehrerin in einem Brief das dreigliedrige Gehirn; weiter, dass die großen Pausen für sie derart ängstigend sind, dass sie deswegen irgendwann immer ausrastet und andere Kinder beleidigt und schlägt. Und dass sie deswegen in der Pause, wenn es wieder einmal zu überfordernd für sie ist, gerne Klavierspielen will, damit sie sich selber steuern und kontrollieren kann.

Ich war sehr beeindruckt über Tinas Klarheit und über ihren Mut sich selbst derart auszudrücken – und ich war sehr entsetzt über die Reaktion der Lehrerin. Diese meinte zu Maria: „Nein, das geht nicht. Das kann ich nicht zulassen. Da kann ja dann jeder machen was er will. Tina muss lernen, sich einzuordnen, wenn sie das nicht kann, ist sie hier fehl am Platz.“ Gegenüber Tina reagierte die Lehrerin nicht. Selbst als Maria die Schule über den Traumahintergrund von Tina informierte, änderte das nichts daran. Entweder Tina verhält sich normal oder sie muss weg.

Seit diesem Jahr fand Maria endlich eine Schule, in der sich Tina tatsächlich willkommen fühlt. Trotz ihrer zuweilen auftretenden Reinszenierungen ihrer Traumaerfahrungen bleibt sie willkommen, wird sie gemocht. Trotzdem es weiterhin immer wieder eine Herausforderung für alle Beteiligten ist, kam es an der Schule nicht mehr zum „Tina muss weg.“ Es ist ihr tatsächlich gelungen, ihr Krokodil einigermaßen zu zähmen. Auf meine Frage, wie sie das geschafft habe, meinte sie schulterzuckend: „Keine Ahnung. Es bringt mir ja nichts. Ich will hier unbedingt bleiben.“ Warum? „Weil ich irgendwie das Gefühl hab, die Frau Maier und die Frau Weber mögen mich. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier das blöde Pflegekind mit der verrückten Mama bin.“ Das war für mich ein wunderschöner Moment: Tina ist über ihre Traumaerfahrungen hinaus gewachsen. Und sie konnte das, weil ihr die Lehrer in einer grundlegend wertschätzenden und liebevollen Haltung entgegengetreten sind. Tina erlebt hier an dieser Schule mitfühlende Menschen.

Meine Freude und Erleichterung währte nicht lange: Während sich die Schulsituation relativ entspannte, eskalierte die Situation in der Pflegefamilie. Eva, die drei Jahre ältere Tochter Marias, wurde zunehmend zum Sprachrohr der Ablehnung und Abwertung Tinas in Marias engerer und weiterer Familie. „Tina muss weg. Entweder sie geht oder Ich!“ Dies endete in einer extrem gewaltätigen Auseinandersetzung zwischen beiden, bei der Eva Tina beinahe umgebracht hätte, und Tina sich extrem zur Wehr setzte.

Kurze Zeit später meinte Tina in einer Einzelstunde zu mir, sie sei extrem erschrocken, über das, was Eva ihr antat, aber auch darüber, wie sie selbst reagiert hat. Ich fragte Tina, wie sie ihre Beziehungen in der Pflegefamilie empfindet. Daraufhin nahm Tina für jedes wichtige Familienmitglied ein Kissen und beschrieb, wie es ihr mit demjenigen oder derjenigen erging und was sie ihnen gerne sagen möchte.

Es zeigte sich eine katastrophale Bilanz: Bis auf Maria schienen alle Familienmitglieder von Anfang an Tina abzulehnen und für alles Negative in der Familie verantwortlich zu machen. „Das würde ich gerne jedem einzelnen direkt sagen. Ich würde ihnen alle gerne sagen, wie es mir mit ihnen geht, wie ich mich in dieser Familie fühle.“

Einige Tage später berief Maria ihre Familie tatsächlich ein. Sie wollte sich bezüglich dem, was alles passiert ist, positionieren: Sie wollte feststellen, dass es kein „Tina muss weg!“ für sie gibt. Dass alle familiären Probleme, weniger mit Tina an sich zu tun haben, denn mit dem, was jeder in dieser Familie erlebte. Die Familienmitglieder reagierten unwirsch und ablehnend. Dann ergriff Tina von sich aus das Wort und sprach all das, was sie zuvor zu meinen Kissenbezügen gesagt hatte, direkt und klar zu den einzelnen Menschen. Sie sprach über ihre Erlebnisse in der frühesten Kindheit, über ihre Zustände bis heute. Und sie sprach darüber, wie sie sich gegenüber den einzelnen Familienmitgliedern fühlte. Sie sprach davon, was es heißt, immer zu hören „Du musst weg!“

Ich war zutiefst erstaunt und perplex – ich wüsste nicht, ob ich dies könnte, schon gar nicht mit 14 Jahren.

Die Reaktionen der einzelnen Familienmitglieder entsprachen genau der vorausgegangenen Kissenarbeit:

„Immer entschuldigst Du alles mit Trauma.“, „Das ist auch keine Entschuldigung für alles. Du tust ja gerade so als ob das ein Freibrief wäre.“, „Du musst Dich schon ändern, so kannst Du hier nicht bleiben, sonst zerstört Du noch mehr unsere Familie.“, „Du musst weg!“ Du bist schuld, dass es so schwierig ist.“

Nach diesem schonungslosen und klaren Blick auf die Pflegefamilie will Tina mit dieser Familie nichts mehr zu tun haben. Sie will zu keinen Familienfeiern mehr mitkommen. Aus dem „Du musst weg!“ ist ein „Ich will weg!“ geworden.

Gestern noch fragte ich Maria, ob das möglich ist, dass Tina sich schützt vor dieser Familie. „Ja, klar. Sie braucht da nicht mehr hin. Nein. Und ich muss mir auch klar werden, inwiefern ich Kontakt haben will mit Menschen, die derart ohne Mitgefühl verurteilen.“

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Ich und meine blinde Flecken

 

Zuweilen erinnert mich das, was mir Menschen in Einzelstunden oder in Seminaren erzählen an mich. Und manchmal nehme ich das auch direkt und bewusst war. Kürzlich war es wieder soweit: Da sitzt mir Toni gegenüber, relativ frisch operiert nach einem schlimmen Radunfall mit mehreren Brüchen. Er berichtet mir von seinem Unfall. Eine schlimme Situation, allein er empfindet sie gar nicht als schlimm. Seine Augen sind so lebendig und froh, wie ich sie bei ihm noch nie wahrgenommen habe. Ich möchte fast sagen, er schaut glücklich aus, zwar verletzt, aber glücklich. Und es dauert nicht lange, da tauchen in mir Zweifel auf: Macht Toni sich was vor? Sekundärer Krankheitsgewinn? Überlebensanteile? Selbstzerstörerische Täteranteile? Retrospektive Überhöhung womöglich mit Dankbarkeit für den Unfall? Und wie es schien, ging es nicht nur mir so.

„Ich traue mich das fast nicht zu sagen: Das ist die beste Zeit meines Lebens. So gut ging es mir eigentlich noch nie. Ja, ich weiß es klingt komisch und verrückt. Aber so ist es. Leider versteht es keiner.“

Doch. Aber vielleicht nur, weil ich just so etwas Ähnliches erlebt habe.

Vor drei Jahren musste ich an der Lendenwirbelsäule operiert werden. Eine Not-Operation. Gegen Mitternacht kam ich von der Intensivstation in mein Zimmer zurück. Und da war mir plötzlich völlig klar: „Jetzt könnt‘ ich mit dem Leben beginnen.“ Was das Leben ist und was es mit ihm auf sich hat, davon hatte ich allerdings keine Ahnung. Dabei empfand ich innwendig ein derart intensives Gefühl, wie ich es bis dato nicht kannte. Ich war tatsächlich glücklich, als ob ich endlich etwas lang Gesuchtes gefunden hätte. Und es war nicht die kurzfristige Erleichterung nach einer geglückten Notoperation und auch nicht die Nachwirkungen von Narkose und Schmerzmittel. Denn es blieb beständig bei mir, bis heute.

Wie kann das sein? Wie kann Toni, wie kann ich in einem derartigen Moment echtes Glück und echte Freude empfinden?

Eine Woche Langlaufen lag vor mir. Eine perfekte Wetterprognose und sehr gute Schneebedingungen. Endlich einmal. Und dennoch schob sich ein komisches Gefühl vor meine Vorfreude. Es begann schon einen Tag zuvor: Ich war mit Andreas langlaufen. Ein wunderschöner Tag, da begann mein Bein zu schmerzen wie bei einer Zerrung, nur dass ich mich nicht gezerrt hatte. Ich konnte mir das nicht erklären. Ich wusste nur, das Bein will mir etwas Wichtiges sagen, aber ich hatte keine Ahnung, was. Überdies wurde ich anscheinend immer merkwürdiger, sodass mich Andreas schließlich fragte: „Magst Du überhaupt fahren? Du musst nicht fort.“ Etwas in mir wollte auch nicht fort, aber warum sollte ich nicht? Ich hatte keinerlei Bezug zu dem, was ich in mir spürte und was Andreas mir sagte.

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(Martin Beck, Installation, Museum Moderner Kunst Wien)

Das war im Nachhinein der Moment, wo ich den Bezug zur Gegenwart verloren habe. Nicht ganz: Ich wusste immerhin, ich sollte etwas bemerken und verstehen, aber nicht was. Langsam rutschte ich in eine andere Zeitebene, in meine Vergangenheit, in das Jahr 1978. Ich musste für eine Woche von zuhause fort, weil meine Mutter im Krankenhaus lag und mein Vater arbeitete. So wie ich damals fort musste, so fuhr ich Anfang Februar 2014 zum Langlaufen: Ein Anteil in mir wollte offenbar nicht fort. Aber warum? Ich verstand diese Christina nicht im geringsten. Dafür konnte sie sehr deutlich spüren. In den folgenden Tagen verschlimmerten sich die Schmerzen im rechten Bein, bis sie plötzlich im linken Bein auftauchten. Von da an konnte ich nur noch 5-6 Schritte gehen, dann musste ich mich setzen. Es schmerzte entsetzlich.  In mir war einzig eine Verzweiflung: „Wenn ich nun nicht mehr gehen, nicht mehr laufen kann? Dann ist es aus.“ Und da war es wieder das Gefühl: Ich sollte etwas verstehen, aber ich verstand nicht. Ich konnte nur diese unerklärliche Angst wahrnehmen, nicht mehr gehen zu können. Meine kognitiven Fähigkeiten standen mir nicht mehr zu Verfügung: So kam ich nicht auf Idee, einen Arzt aufzusuchen. (Andreas war im Schullandheim mit sehr schlechtem Handyempfang, sodass wir uns immer verpassten. So konnte auch er mich nicht in die Realität zurückholen.) Erst eine Physiotherapeutin, bei der ich einen lang schon vereinbarten Termin wahrnahm, sagte ich sollte ins Krankenhaus gehen. Und so fuhr ich nächsten Tag – mittlerweile war ich im 90° -Winkel gebückt nach München ins Krankenhaus in eine Notaufnahme. Dort wurde ich von einer Ärztin im praktischen Jahr untersucht, die mich mit den Worten nach Hause schickte: „Wenn es nach dem Wochenende nicht besser ist, kommen Sie zum MRT. Es besteht ja jetzt keine akute Lebensgefahr bei Ihnen, oder?“ Ich nickte und meinte: „Nein, wohl keine akute Lebensgefahr.“ Ich fuhr mit meinen Schmerzen nach Hause und schleppte meinen Koffer in den fünften Stock hinauf (!), denn, wenn ich nicht mehr gehen kann und ich etwas vom Koffer brauche, dann …

Nun hatte endgültig mein 36 Jahre altes Gewalttrauma (bei dem mein Becken mehrfach gebrochen wurde) mein Bewusstsein geflutet.

Ich hatte fürchterliche Schmerzen, die sich durch kein Iboprofen betäuben ließen. Ich konnte mich fast nicht bewegen. Als ich Andreas endlich erreichte und ich ihm berichtete,  wollte er sofort kommen, aber ich meinte zu ihm: „Nein. Du brauchst nicht zu kommen. Es ist ja alles gut.“ So wie ich am 1978 geschwiegen habe und ich mit gebrochenem Becken zum Auto meines Vaters ging, der mich abholte, so schwieg ich auch jetzt.

Aber wohl nicht ganz: Etwas in mir muss sich mitgeteilt haben. Denn Andreas kam einfach nach Hause und meinte, dass ich am Telefon so komisch gewesen wäre…

Von da an war alles anders, als ich es bisher erlebte: Mir wurde geholfen und ich ließ mir helfen. In der folgenden Operation eines akuten Bandscheibenvorfalls wurde tatsächlich eine drohende Querschnittslähmung verhindert. Während ich aus der Narkose aufwachte, hatte ich einen Flashback meiner erlittenen Gewalt. Ich wollte vom OP-Tisch aufspringen und weglaufen, immer wieder schreiend: „Ich habe Angst!“ Die OP-Schestern und der Chirurg konnten mich nur mir Mühe zurückhalten… Und danach konnte ich mit dem Leben, mit meinem Leben beginnen. Mein Traumamuster war erstmals durchbrochen.

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(Martin Beck, Installation, Museum Moderner Kunst Wien)

So wie es auch Toni gelungen ist, sein Traumamuster zu durchbrechen: „Es ist echt wie in einem Urlaub, auch wenn das vielleicht komisch klingt. Der Unfall war auf eine Art ein Geschenk.“ Wie sehr er damit recht hatte, zeigte seine folgende Aufstellung. „Mein Anliegen ist der Satz ICH WILL MICH. Ich will dem kleinen Toni begegnen, dem etwas Schlimmes passiert ist.“ Bis jetzt konnte sich nur Tonis Körper an die erlittene Gewalt oder aber verschiedene Stellvertreter in einigen Aufstellungen. Toni selber jedoch fand keinen Zugang dazu. Erst mit dieser Aufstellung, körperlich verletzt und sehr eingeschränkt bewegungsfähig, kam er mit dem kleinen Toni in Kontakt, der ihm erzählte, was damals passiert war – und Toni weinte über das, was ihm passiert ist. „Es ist so schlimm, was mir damals passiert ist!“

In diesem Sinne, können Unfälle und dergleichen tatsächlich Lebensgeschenke sein. Auch wenn ich es mir für mich und Toni und viele andere Menschen wünschen würde, wir könnten ohne dergleichen mit unserem Leben beginnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ICH und eine Enttäuschung voller Liebe

Wieder einmal bin ich mit Bruce Springsteen beschäftigt: Nachdem ich vor einigen Monaten seine (selbstgeschriebene) Biographie „Born to run“ las,  höre ich nun, wann immer ich Auto fahre, das Hörbuch dazu – im Orginal von ihm selbst eingelesen. Da spricht ein 68 jähriger Mann darüber, wie er als Kind für sich alleine seinen eigenen Lebenstraum findet: ein Musiker sein; ein sehr, sehr guter, erfolgreicher Gitarrist sein; Songs über sich und seine Welt schreiben; und damit sein Leben unabhängig und eigenverantwortlich bestreiten.

Das ist mehr als eine Bestimmung, eine Berufung: Es ist seine Idee, seine lebenswichtige Vorstellung, wie er seine Kindheit überleben könnte, wie er es aus dem Haus in Freehold, New Jersey herausschaffen könnte.  Und ja, zweifelsohne hat er es geschafft, seinen Traum zu leben. Und dennoch:

„My fathers house shines hard and bright, it stands like a beacon calling me in the night, calling and calling so cold and alone, shining cross this dark highway where our sins lie unatoned.“ (My fathers house, Nebraska, 1982).

Bis heute träumt er fast jede Nacht von diesem Elternhaus – aller Depressionen, allen Erfolges, aller Kontrollzwänge und allen Therapien wie zum Trotz.

„Now those memories come back to haunt me, they haunt me like a curse. Is a dream a lie if it don’t come true or is it something worse, that sends me down to the river though I know the river is dry?“ (The River, The River, 1980)

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Es ist genau dieser Moment der Klarheit, einer Art radikalen Ent-Täuschung, der mir in meiner Arbeit mit Menschen immer wieder begegnet:

Dann, wenn Menschen für sich erkennen, dass ihre Träume, ihre Sehnsüchte, ihre Ziele sie eben nicht vor ihrer Vergangenheit  bewahren; und zwar gänzlich unabhängig davon, ob sich diese erfüllen oder nicht, ob diese erreicht sind oder nicht. Es ist ein Moment voller Verzweiflung, Schmerz und manchmal auch voller Wut. Für mich ist das mitunter kaum auszuhalten, für die Menschen allerdings noch viel weniger. Und doch sind es diese Momente der Klarheit nach den Enttäuschungen, in denen ein neues Gefühl für sich selbst entsteht – die Liebe – ein liebevolles Gefühl zu sich selbst.

„Und da habe ich fast 50 Jahre dafür gekämpft, um endlich davon wegzukommen. Habe alles dafür gegeben, habe Psychologie studiert, habe die Psychotherapieausbildung gemacht, habe mir eine sehr gut gehende Praxis aufgebaut, bin 30 Jahre lang zu den weltweit führenden Therapeuten ganz unterschiedlicher Richtungen gegangen oder besser gesagt geflogen, bin schließlich bei den ‚Aufstellungen mit dem Anliegen‘ oder wie es jetzt heißt, ‚Arbeit mit dem Anliegensatz‘ gelandet. Und jetzt sitze ich hier bei Dir … “

Erika, eine erfolgreiche Psychotherapeutin, hält kurz inne, atmet tief ein, um dann beinahe heraus zu schreien:

„… und Du sagst mir jetzt tatsächlich, dass ich mir nicht entkomme?! Das ist nicht Dein Ernst!“ – „Doch, das ist tatsächlich mein Ernst.“,  antworte ich ihr.

Erika ist das unerwünschte Kind von sehr jungen Eltern. Ihre Mutter war erst 15, als sie in einem One-night-stand mit einem Studenten schwanger wurde. Nach ihrer Geburt wurde Erika in der mütterlichen Verwandschaft von einem zum anderen gegeben, bis ihre Mutter mit 20 entschied, von nun an Mutter sein zu wollen. Erika blieb aber nur solange bei ihrer Mutter, bis diese einen neuen Mann kennenlernte, heiratete und erneut schwanger wurde. Um die Ehe nicht zu belasten, wurde Erika in ein Heim gegeben. Unerwünscht, überflüssig, nutzlos, eine einzige Schande – mit diesen Worten beschreibt Erika ihr Kindergefühl. Dieses quält sie heute.

„Nein, Du kannst Dir nicht entkommen. Nein, du kannst vor der kleinen Erika, die sich so entsetzlich unerwünscht, überflüssig, nutzlos fühlt, nicht fliehen.“

Erika nickt und meint leise: „Nein, das stimmt wohl. Ich entkomme mir nicht. Egal, was ich mache oder nicht mache, immer taucht dieses Scheiß-Gefühl der Kindheit auf. Ich will das nicht mehr. Es soll weg, und zwar endgültig weg. Es stimmt ja nicht mehr,“ und mit bestimmter, etwas lauterer Stimme, „ich bin ja Gott sei Dank heute nicht mehr unerwünscht und nutzlos. Das ist ja längst nicht mehr nicht mehr so.“

„Nein, heute nicht mehr, das stimmt. Aber damals als Kind war das genau so – Du warst ein unerwünschtes, überflüssiges Kind, das niemand wollte, das allen lästig war. Das letztendlich dann von der Mutter in ein Kinderheim gegeben wurde.“

Erika ballt ihre Hände zu Fäusten: „Ja, das weiß ich ja schon längst. Und auch dass, das nicht alles war, das hat meine letzte Aufstellung ja auch gezeigt. “

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Erika nimmt die Eselina – meinen Stofftier-Esel – in ihre Arme, drückt ihn ganz fest und setzt sich hinter den Stuhl in die Ecke. Ich sehe sie nicht mehr und höre nur mehr ihr leises Wimmern.

Nach einigen Minuten spreche ich aus, was ich die ganze Zeit schon körperlich spüre und emotional fühle: „Es war entsetzlich schlimm für Dich als Kind. Es war nicht auszuhalten und doch hast Du es ausgehalten. Bis heute ausgehalten.“

Erika kommt wieder aus der Ecke hervor und setzt sich mit der Eselina im Arm wieder hin: „Ja. So war das. Und genau deswegen mache ich ja die ganze Arbeit, die ganzen Therapien, die Aufstellungen, dass es der kleinen Erika endlich besser geht. Das hat sie auch verdient, nach dem ganzen Horror in der Kindheit.“

„Der kleinen Erika kann es gar nicht besser gehen. Es braucht ihr auch nicht besser gehen. Das, was Dir als Kind angetan wurde, ist Dir angetan worden. Das ist vorbei. Das ist nicht mehr zu verändern. Dir jetzt kann es besser gehen.“

Erika schüttelt entsetzt ihren Kopf. „Nein, das will ich nicht akzeptieren. Das kann ich nicht akzeptieren.“

(Wie gerne würde ich Erika in ihrer spürbaren Not etwas Tröstliches sagen…) „Das wirst Du akzeptieren müssen. Das ist Deine Kindheit – nicht mehr und nicht weniger – Deine Vergangenheit.“

Erika setzt die Eselina wieder auf ihren Platz zurück. „Hm. Dann kann ich also nichts machen. Ich kann gar nichts mehr daran ändern. Hm.“

„Nein, die Vergangenheit kann niemand verändern. Sie ist als vergangen anzunehmen. Alles andere ist ver-rückt und macht letztendlich verrückt.“

Erika schlingt nun ihre Arme um sich selbst und schließt ihre Augen: „Was bleibt mir dann, wenn ich nicht mehr gegen den Schrecken kämpfe? Wenn ich nicht mehr meine Gegenwart und Zukunft wie ein Bollwerk dagegen aufbaue?“

Ja, was bleibt mir dann, wenn ich nichts, was längst schon geschehen ist, wieder gut machen kann? Noch während ich überlege, ob ich antworten soll, und wenn, was ich antworten sollte, öffnet Erika ihre Augen wieder und schaut mich an:

„Jetzt habe ich mich gleichzeitig als unerwünschtes, nutzloses, überflüssiges Kind und als Therapeutin gesehen. Es war so, wie es war. Es gibt nichts zu tun. Es ist wie es ist.“

Abschließend frage ich Erika noch, mit welchem Gefühl sie jetzt nach Hause geht.

„Mit einer riesengroßen Enttäuschung und einem ebenso großen Gefühl der Liebe für mich.“

 

ICH und das Denken, Fühlen und Spüren

In meinem „ersten Leben“ als begeisterte angehende Germanistin und Geschichtswissenschaftlerin lernte ich, dass hier grundsätzlich jegliche Emotionalität aufgrund von deren Subjektivität nicht erwünscht ist – noch nicht einmal in der Beschäftigung mit Lyrik. Wie ich bereits in einem Blogbeitrag erwähnt hatte, lernte ich wissenschaftliche Arbeiten zu verfassen, ohne dabei das Personalpronomen „Ich“ (und natürlich auch ohne das stilistisch schlechtere „man“) zu verwenden. Doch scheint mir das allerdings nicht zur Gänze gelungen zu sein: In meinem nachfolgenden Referendariat für das Lehramt Gynmnasium wurde mir eben genau meine Emotionalität, Subjektivität und Autonomie zum Verhängnis.

Danach wandte ich mich der Psyche und – nicht ganz freiwillig – der SelbstErfahrung und Psychotherapie zu. Und dort erlebte ich das Gegenteil und doch auch das Gleiche: Ich stellte und stelle immer wieder fest, dass hier der Kopf oftmals nicht sehr geschätzt wird. Denken und Sprechen (als sein bevorzugtes Ausdrucksmittel) genießen offenbar keinen besonders guten Ruf. Im Gegensatz dazu werden Gefühle und seit einiger Zeit auch Körperempfindungen als höher wertig empfunden. So gilt es als erstrebenswert, aus dem Kopf raus und ins Fühlen und ins Spüren zu kommen.

„Du bist ja nur im Kopf…“, „Du musst ins Fühlen kommen!“, „Fühl doch endlich!“, „Hör auf zu reden, spüre lieber was Dir Dein Körper sagt!“, „Schalte Deinen Kopf aus!“…

Aber warum? Warum ist es besser zu fühlen und zu spüren, als zu denken und zu sprechen? Wieso gibt es überhaupt diese Wertungen? Warum dieses „entweder/oder“?

Diese Fragen beschäftigen mich immer wieder. So erlebte ich unlängst, wie eine Frau – ich nenne sie hier Johanna – auf dem Klientenstuhl von ihren wiederkehrenden Beziehungsproblemen berichtete. Zunächst beschrieb sie ihr grundlegendes Muster sehr anschaulich: Immer verliebt sie sich in lebensuntüchtige, hilfsbedürftige Männer. Danach setzte sie an, ihre bisherigen Überlegungen bezüglich der Ursachen zu erklären. Gespannt und neugierig hörte ich ihr zu: Wie erklärt sich Johanna dieses Muster? Doch plötzlich unterbrach sie sich selbst mit einer abwertenden Handbewegung, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte, und meinte entschuldigend:

„Oh, jetzt bin ich schon wieder im Kopf! Tja, das ist halt mein Überlebensmechanismus. Ich rede und denke viel zu viel. Ich will ja ins Fühlen kommen. Ich will nicht denken, sondern fühlen.“ Schnell stand Johanna auf und schrieb ihren Anliegensatz auf das Flipchart: „Ich will fühlen, warum ich diese Beziehungsprobleme habe.“

Ich war gänzlich überascht und ziemlich überrumpelt: Ohne im Kopf zu sein – also quasi kopflos – ohne Kognition, ohne zu denken und nachfolgend zu benennen, eine Ursache ergründen zu wollen….? Hm. Während ich noch überlegte, ob ich nachfragen sollte, wählte Johanna schon Stellvertreterinnen für ihre Wörter aus. Also fragte ich nicht nach.

Während des Prozesses teilten sich die Stellvertreterinnen in zwei Gruppen auf: Die einen fühlten und spürten sichtlich – sie wurden gänzlich von Schmerz, Wut, Angst, Verlassenheit, Ohnmacht überwältigt. In ihrer Not wandten sie sich immer wieder an Johanna selbst, sie sollte sich doch endlich um sie kümmern. Die anderen versuchten nicht minder verzweifelt zu verstehen und zu erklären, warum es denen da drüben derart schlecht ginge. Doch mit jedem Erklärungsversuch schien sich deren Not nur noch zu vergrößern. Einig waren sich beide nur darin, dass das „Fühlen“ – ein apathisch am Boden liegender Mann – der „Bösewicht“ wäre.

Johanna selbst wandte sich abwechselnd den einen und den anderen zu, ohne wirklich in Kontakt zu kommen. Nach einiger Zeit blieb sie beim „Fühlen“ stehen: Ihr liefen Tränen über ihr Gesicht, sie schluchzte und zitterte am ganzen Körper. Sie bekam immer schlechter Luft. Auf meine Frage hin, was mit ihr los sei, meinte sie: „Keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, was das jetzt ist.“ Langsam beruhigte sich Johanna wieder. Daraufhin beschrieb ich ihr, was ich von Außen wahrgenommen habe: „Für mich schaut es aus, als wärest du zuerst sehr traurig und verzweifelt gewesen, danach aber zunehmend voller Angst. So als wärest du kurz vor einer Panikattacke.“ Mit fragendem Blick zuckte Johanna mit den Schultern.

„Warum bist du denn so verzweifelt und traurig? Was macht dir solche Angst?“

„Keine Ahnung. Ich weiß es nicht.“  Nach einiger Zeit meinte Johanna sichtlich irritiert: „Ich kann Dir ja noch nicht einmal sagen, dass das, was ich da fühle, Trauer oder Angst ist.  Ich weiß das jetzt, weil Du das gesagt hast und auch, weil ich die ganzen Stellvertreter da drüben so in ihren Zuständen sehe.“

„Weißt Du, was mit dem ‚Fühlen‘ los ist? Erinnert Dich das an jemandem oder etwas?“

„Ich habe jetzt einen Blackout. Ich weiß überhaupt nichts mehr. Nein. Ich weiß es nicht.“

Ihrem Anliegensatz nach will Johanna unbedingt „fühlen“ und offenbar nicht mehr nur denken und reden. Wenn sie nur fühlen könnte, dann käme sie ihrem „gesunden ICH“ nahe und würde gesündere Liebesbeziehungen führen können. Offenbar kann sie nicht wirklich fühlen. Ich war überascht. Denn: Johanna war sichtlich in ihren Gefühlen. Es fehlte ihr eben nicht am Fühlen. Im Gegenteil: Sie wird völlig überschwemmt von ihren Gefühlen der Trauer, Verzweiflung und Angst. Sie ist ihnen ohnmächtig ausgeliefert. Woran es ihr tatsächlich fehlt, ist eine kognitive Einordnung und Bewertung dieser Gefühle. Warum bin ich so traurig und verzweifelt? Was verursacht mir eine solche Angst und Panik, dass ich fast keine Luft mehr bekomme? Johanna muss etwas erlebt haben, was sie komplett überfordert hat, was sie „ihren Verstand verlieren“ hat lassen, was sie auch „sprachlos“ hat werden lassen, wie die Alltagssprache ‚Trauma‘ beschreibt. Ein Trauma zu erleiden, bedeutet in der lebensgefährlichen Situation ein VIEL ZU VIEL an FÜHLEN und SPÜREN und ein ZU WENIG an KOGNITIVER VERABEITUNG. Spaltung bedeutet so betrachtet auch eine Trennung zwischen Körperempfinden, Gefühl und Verstand. Fühlen ohne Denken und Spüren. Denken ohne Spüren und Fühlen. Spüren ohne Denken und Fühlen… Ich fühle Trauer, Angst, Scham, Wut und weiß nicht, warum. Ich spüre unsägliche Schmerzen und weiß nicht, warum. Und: Ich weiß, welche Gewalt mir angetan wurde, aber ich fühle und/oder spüre nichts.

Demzufolge meinte ich abschließend zu Johanna: „Dann stimmt es ja gar nicht, dass Du nicht fühlst.“

„Ja, das hab‘ ich auch jetzt auch gemerkt. Eigentlich fühle ich mich immer in meinen Beziehungen so, den ganzen Tag. Aber ich hab halt so meine Überlebensmechanismen damit umzugehen.“

„Und warum fühlst Du Dich den ganzen Tag in Deinen Beziehungen so?“

Johanna schüttelt den Kopf: „Das weiß ich ja eben nicht. Vielleicht sollte ich einmal das Anliegen formulieren, dass ich wissen will, warum ich mich so traurig und verzweifelt fühle. Und was mit dem da am Boden ist. Der macht mich jedenfalls sehr traurig. Ich habe Angst, dass der noch stirbt.“

Es braucht immer alle drei Ebenen – Spüren, Fühlen und Denken, um unser Leben mit all seinen Erfahrungen zu bewältigen. Erst wenn ich körperlich spüren kann, was mir passiert ist, erst wenn ich fühlen kann, wieviel Angst mir das gemacht hat, wieviel Scham und Wut das in mir ausgelöst hat, und erst wenn ich weiß, wer mir wann was angetan hat, wenn ich mir das vorstellen kann, wenn ich es benennen und aussprechen kann, dann werde ich nicht mehr von meinen traumatischen Erfahrungen beherrscht. Dann ist die Spaltung vonSpüren, Fühlen und Denken überwunden.

In einer Einzelstunde einige Monate später gelang es Johanna tatsächlich, alle drei Ebenen miteinander zu verbinden: Johannas geliebter Vater litt unter schweren Depressionen und erzählte ihr immer wieder davon, dass er es nicht mehr aushält und er sich aufhängen wird. Als Johanna sieben Jahre alt war, fand sie ihn tatsächlich erhängt am Speicher. Obwohl sie so auf ihn aufgepasst hat, konnte sie es nicht verhindern. Sie musste ja zur Schule gehen. Schritt für Schritt konnte Johanna die Gefühle der siebenjährigen Johanna – die Trauer über den Verlust des Vaters und die tiefe Verzweiflung es nicht geschafft zu haben. Sie konnte ihre unsäglichen Kopfschmerzen verstehen, als ein Ausdruck ihrer permanenten Überforderung, immer aufzupassen, dass sich der Vater nicht aufhängt. Nicht zuletzt konnte sie begreifen, dass ihre wiederkehrenden Beziehungen mit sehr bedürftigen Männern, Reinszenierungen ihrer traumatischen Vaterbeziehung sind.

„Jetzt ist es gut.“ Mit diesem emotionalen, emfindsamen und klaren begreifenden Blick auf diesen shclimmen und schmerzhaften Teil ihrer Biographie verabschiedete sich Johanna in ihr gegenwärtiges Leben.

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ICH und die reale Wahrheit

In diesem Blog-Artikel geht es mir um das „Große Ganze“ – um die Wahrheit und die Realität. Warum?

Einfach, weil viele Menschen damit befasst sind, sich deswegen Hilfe suchen und Unterstützung erhoffen. So formuliert eine Frau, die ich seit einiger Zeit begleite, für sich immer wieder das gleiche Anliegen in unterschiedlichen Formulierungen:

„Ich will die Wahrheit wissen. Was ist mit mir tatsächlich passiert? Ich kann mich an so wenig erinnern. Ich will die Wahrheit wissen. Deswegen bin ich hier.“

Die grundlegende Aufgabe unserer Psyche ist es, die Realität unseres Lebens – insbesondere unserer Beziehungen zu erfassen und zu bewerten, damit wir uns dementsprechend verhalten können. Wie geht es mir mit mir und mit meinen Mitmenschen? Was kann ich verändern, dass es mir körperlich und emotional besser geht?

Mein Liebelingssänger Bruce Springsteen singt dazu in einem seiner schönsten Liebeslieder: „You and I know what the world can do.“ Doch wissen wir das wirklich?

Nein, nicht immer wissen wir, was uns die Welt – nahe Menschen, denen wir vertrauen, auf die wir angewiesen sind, die wir lieben – im Guten wie noch mehr im Schlechten (an)getan haben und noch (an)tun. Denn diese Fähigkeit, soziale Wirklichkeiten realistisch wahrzunehmen, ist sehr störanfällig: Kann ich die jeweiligen Qualitäten meiner Beziehungen zu mir selbst, zu meiner Familie, zu Partnern, Freunden, … so wahrnehmen wie sie tatsächlich sind? Darf ich das überhaupt? Oder zeichne ich sie viel positiver oder negativer als sie sind?

„Darling, I’ll wait for you, should I fall behind, wait for me…“ Wirklich? Hoffentlich – aber wenn nicht?

Eine realistische Einschätzung ist allerdings zwingend notwendig, denn sonst vertraue ich, wo ich besser misstrauen sollte, und misstraue, wo ich besser vertrauen sollte. Oder ich bleibe, wo ich besser gehen sollte, und gehe, wo ich bleiben könnte. So gesehen ist für mich eine wichtige Zielsetzungen jeglicher Begleitung von Menschen, ihre Befähigung  vergangene und gegenwärtige Lebensrealitäten zu erfassen und im Bewusstsein halten zu können, um sich dann selbst/bewusst und selbst/fürsorglich verhalten zu können.

Dieses „Große Ganze“ – die Suche nach der Wahrheit der Lebenserfahrungen – ist deswegen gewichtig: Menschen suchen rückblickend nach der Wahrheit ihrer Beziehungserfahrungen, suchen nach einer klaren und realistischen Bewertung, damit sie in der Gegenwart und Zukunft gesunde Beziehungen und Kontakte pflegen können. Die Wahrheit dessen, was gewesen ist, ist wichtig und nicht relativ. Es ist eben nicht beliebig, ob wir uns erinnern können und ob wir uns realistisch erinnern können: Stützen wir uns bei der Wahrnehmung und Bewertung unseres Lebens in der Welt auf „alternative facts“ und „fake news“, so täuschen wir uns immer wieder schmerzhaft und täuschen andere immer wieder schmerzhaft.

Peter, ein 48 Jahre alter Familienvater, machte sich vor fünf Jahren auf dem Weg, die belastete Beziehung zu seinen Eltern und Geschwistern, aber auch zu seinen eigenen Söhnen mit Hilfe von Aufstellungen zu klären. Dabei zeigte sich schon in früheren therapeutischen Prozessen, dass Peter als Kind sexuelle Gewalt erfahren hat.

Im Laufe der fünf Jahre mit vielen Aufstellungen in Gruppen und im Einzelsetting verdichtete sich dieses Grundthema „sexuelle Gewalt“: Anfangs zeigten sich in den Arbeiten immer neue, immer schrecklichere Szenarien sexueller Gewalt. Mit jeder Aufstellung in unterschiedlichen Gruppen und unter verschiedenen Leitungen bestätigte sich das Thema. Das Geschehen allerdings wurde zunehmend monströser und unglaublicher. Angsichts dessen schien mir das Thema „sexuelle Gewalt“ als wahr. Was Peter allerdings tatsächlich wann und von wem angetan wurde, blieb mir völlig unklar. Und so war ich ziemlich überascht als Peter meinte, dass es für ihn unglaubhaft ist, dass er sexuell missbraucht wurde.

Erst einige Zeit später meinte Peter in einer Einzelstunde zutiefst betroffen zu mir: „Es ist wohl so, dass es tatsächlich so ist: Ich bin als kleines Kind sexuell missbraucht worden. So ist das gewesen.“ Danach wurde ihm Schritt für Schritt klar, dass seine Mutter ihn vergewaltigt hatte. Von da an konnte er alle Puzzleteil seiner Gewalterlebnisse, die in Aufstellungen auftauchten, mit bewussten Erinnerungen und Körpersymptomen verbinden und dadurch verifizieren.

Ich war beeindruckt von der Klarheit seines Prozesses. Peter hatte seine Wahrheit gefunden. Für mich war das ausreichend genug. Der lange schmerzhafte Prozess schien erfolgreich beendet. Ich freute mich sehr für ihn.

Doch Peter reichte es nicht, die Wahrheit für sich allein gefunden zu haben und in therapeutischen Kontexten vertreten zu können:

Zu meinem Erstaunen informierte Peter zunächst seine Geschwister, dass er von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde; und nicht genug; einige Zeit später teilte er seiner Mutter mit, dass ihm von ihr sexuelle Gewalt angetan wurde, und dass ihn das bis heute sehr beeinträchtigt. Seine Geschwister tun sich schwer mit Peters wiedergefundener Wahrheit über das Trauma seiner Kindheit. Denn diese greift ihre Wahrheit über ihre Kindheit und ihre Mutter an. Sie können ihre Mutter nicht als Täterin sexueller Gewalt wahrhaben. Im Gegensatz dazu bestätigte die Mutter ihre Täterschaft an ihm.

Für mich ist die Arbeit mit Peter sehr bemerkenswert, auch weil sie unterschiedliche Zustände zugleich in mir auslöst:

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So bin ich erschrocken, weil die sexuelle Gewalt Peter zweifelsfrei passiert ist (und ich wünschte, die Aufstellungen und meine Folgerungen wären nicht wahr); aber ich bin auch erleichtert, weil die Ergebnisse der einzelnen Arbeiten valide sind (nicht auszudenken, wenn diese Wahrheit nicht Peters, sondern vielleicht meine eigene wahrgenommene Wahrheit wäre); zudem bin ich zutiefst berührt, weil  Peter seine Familie mit der klaren Realität seiner Kindheit konfrontierte – ohne Anklage, ohne Verharmlosung. Feststellend, was ihm als Kind passiert ist, wie es für ihn gewesen ist, und wie es bis heute für ihn ist; außerdem bin ich auch sehr bewegt, weil zu seiner eigenen realen Wahrheit zu finden und diese zu vertreten, auch bedeuten kann, dadurch die „vorgestellte Wahrheit“ anderer Menschen zu beeinflussen; deswegen ist es durchaus einfacher und sicherer, seine Wahrheit für sich zu behalten; deswegen ist es durchaus einfacher, nur mit einem Familienmitglied zu arbeiten – wie die psychotherapeutischen Richtlinien nahelegen.

Peter wagte für sich die Realität der Wahrheit.

Abschließend meinte Peter zu mir: „Jetzt ist Ruhe und Frieden in mir und sehr viel Schmerz.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ICH und die beste Methode

Seit ich die Methode der Aufstellungen als Studentin der Sozialen Arbeit 2001 bei meinem Psychologieprofessor kennenlernte, fordert mich diese Methode heraus: Sie lässt mich hoffen und dann wieder zweifeln, und ja, durchaus auch schwärmen. Sie fordert meine Positionierung. Dabei veränderte sie sich immer wieder grundlegend; und sie wird sich sicherlich auch weiterhin verändern – je nachdem, welche theoretischen Erkenntnisse der Professor über sich selbst, die Menschen und ihre Biographie gewinnt; wie zuletzt die Konzentration auf die Entwicklung einer eigenen IDENTITÄT, jenseits von Identifikationen und Zuschreibungen, auf ein gesundes ICH. Dementsprechend veränderte sich die Methode wieder grundlegend hin zum „Arbeiten mit dem Anliegensatz“.

Seitdem verändert sich auch etwas in meiner Wahrnehmung der Methode (und der Methoden an sich):

Ich sah in ihr die Lösung meiner Probleme (und darüber hinaus aller Menschen), suchte in ihr die Antworten meiner Fragen (und darüber hinaus aller Menschen), und war begeistert über jede Neuerung der Methode, weil ich mir (und darüber hinaus für alle Menschen) dadurch noch mehr und noch passendere Antworten von ihr erhoffte. Doch nun bin ich immer wieder konfrontiert mit Fragen und Aussagen von Menschen, die sich auf meinen Seminaren selbst begegnen wollen, die bestimmte Aspekte ihrer Biographie für sich klären wollen.

  • „Darf ich jetzt zu Deinem Seminar nicht mehr kommen, wenn ich keinen Anliegensatz aufschreiben will?“ (Hm. Doch, natürlich kannst Du kommen, aber eigentlich –  hat sich ja die Methode geändert, also solltest Du auch…)
  • „Muss ich jetzt bei Dir auch einen Anliegensatz aufschreiben?“ (Ähm. Eigentlich ja, die Methode hat sich ja verändert, … aber nein, natürlich müssen tust Du nicht, aber vielleicht wäre es schon besser ….)
  • „Das ist die beste aller Methoden, alle anderen sind nicht hilfreich, die stärken doch nur die Überlebensmechanismen.“ (Oh, tun sie das? Hm, wenn es doch anders ist, kann ich das wissen…, helfen Aufstellungen wirklich immer? …)
  • „Ich würde gerne zu Deinem Seminar kommen und schauen wie Du arbeitest. Du arbeitest schon genau nach dieser Methode, oder?“ (Äh, ja, schon, aber ich -, ich bin nicht er, doch schon irgendwie … )

Ich konnte nicht mehr wie gewohnt eindeutig antworten. Es vergingen immer einige Sekunden, bis ich meine unmittelbaren innerlichen Reaktionen (oben kursiv und in Klammern) in Wörter verwandelte und tatsächlich antwortete. Die entsprechenden Pausen waren zu lang, verdächtig lang. Ich sollte etwas antworten und wusste jedoch nicht, was ich antworten soll. Ich wusste nur, was ich im Sinne der Methodenveränderung antworten sollte. Einige Zeit nach einer eigenen ‚Arbeit mit dem Anliegensatz‘, die mich in Kontakt mit meinem (nicht wirklich gesunden) ICH brachte, erschien mir die Antwort ganz einfach:

Nicht ICH entscheide, wie sich Menschen begegegnen wollen und können, sondern sie selbst,  und ICH entscheide auch nicht, was für sie hilfreich ist, sondern ebenfalls sie selbst. Demnach antworte ich nicht, sondern frage: Was ist Dein Anliegen? Wie willst Du Deinem Anliegen – also Dir selbst – begegnen?

Und so schreiben manche ihren ganzen Anliegensatz auf das Flipchart, manche nur einzelne Wörter, manche zeichnen etwas, manche können oder wollen gar nicht schreiben. Danach entscheiden sie, was von ihrem Anliegen sie durch Repräsentanten gespiegelt haben wollen.

Ich kann nicht wissen, was für  Menschen und ihr Anliegen hilfreich ist. Ich kann auch nicht wissen, welche Erkenntnisse sie für sich gewinnen. Ich habe dazu meine eigenen begründeten  Annahmen und Vorstellungen. Diese kann ich äußern, um Reaktionen der Menschen hervorzurufen: Durch diese körperliche, emotionale und kognitive Bewertung gewinnt das ICH der Menschen die Deutungshoheit über die eigene Lebensgeschichte (zurück), wodurch sich (wieder) Gestaltungsmöglichkeiten des eigenen Lebens ergeben. Dann entdecken sich Menschen tatsächlich selbst, wer sie sind und sein wollen. Dann verdanken sie es eben nicht der Methode oder der Leitung oder den Stellvertretern.

Manche Menschen wiederum wollen sich gar nicht mit dieser Methode selbst begegegnen. Was dann?

Anja ist eine junge Frau, die sehr unter Panikattacken und verschiedenen Zwangsgedanken leidet. Ihre kognitiven Fähigkeiten scheinen erheblich beeinträchtigt zu sein. Sie leidet unter massiven Konzentrationsschwächen. Anja bekam einen ersten Termin von ihrer Tante zum Geburtstag geschenkt. Die ist von der Wirksamkeit dieser Methode zutiefst überzeugt. Anja formuliert als ihr grundsätzliches Anliegen: „Ich möchte in die Arbeit gehen und in einer eigenen Wohnung leben. Ich möchte ohne Panikattacken leben.“ Ich begann mit Anja so zu arbeiten, wie ich üblicherweise arbeite, bis sie zu Beginn der  zweiten Einzelsitzung verzweifelt ausruft:

„Hör bitte auf, von Anliegensätzen und Aufstellungen und irgendwelchen verschiedenen Anjas zu sprechen, das macht mich noch ganz wahnsinnig. Ich will nichts mehr davon hören.“

Und nun? Wie kann ich mit Anja arbeiten, nachdem ich weder über Trauma und die Konsequenzen sprechen, noch meine bevorzugte Methode anwenden soll?

„Ich möchte weiterhin hierher kommen und mich mit Dir sortieren, aber ohne Aufstellungen und den ganzen Anteilen.“

Also hörte ich ihr zu, hörte ein Jahr lang ihren wiederkehrenden Zwangsthemen zu, immer wieder, ohne jemals mehr über Aufstellungen zu sprechen. Ab und zu erwähnte ich, dass es für ihre Zwänge und Ängste eine konkrete Ursache geben muss. Nach einigen Monaten fragte sie mich, was ich eigentlich damit gemeint hätte, dass ihre fürchterlichen Ängste vor bestimmten Menschen eine konkrete Ursache hätten. Ich antwortete darauf, dass es für mich nicht nachvollziehbar wäre, dass ihr Frau X. und Herr Y. tatsächlich panische Ängste bereiteten. Anja nickte. Ihre Psyche (ein Wort das Anja oftmals verwendet) würde diese Menschen verwechseln, mit einem anderen Menschen, dem sie ohnmächtig und hilflos ausgeliefert gewesen wäre. Sie nickte wieder und schüttelte dann ihren Kopf. Nein, es wären doch Frau Y. und Herr X., die ihr Angst machten. Weitere Einzelstunden vergingen mit ihren Erzählungen von den Zwangsgedanken und den Panikattacken. Bis sie mich nochmals fragte, was ich gemeint hätte, dass es für ihre Panikattacken eine konkrete Ursache gäbe. Und so erklärte ich Anja das Wesen der Reinszenierungen ursprünglicher Traumasituationen. Nein, das träfe bei ihr nicht zu. Es gehe doch nur um Frau X. und Herr Y. Zwei Wochen später meinte sie zu mir, sie müsste mir etwas erklären:

„Ich war in der Disko und hatte ziemlich viel getrunken. Da sprach mich einer an, den kannte ich vom Sehen. Er fragte mich, ob ich mit ihm mitkommen will zu ihm. Ich sagte, ja, obwohl ich ihn gar nicht mag. Dass ich da ja gesagt habe, obwohl ich nein sagen wollte, dass hat mit dem da in meiner Kindheit zu tun. Der war auch viel älter. Das hat mich wohl an das da erinnert. Ich bin freiwillig mitgegangen und hab es über mich ergehen lassen, bis er fertig war. Damals bin ich auch mitgegangen. Seit der Disko da, ist es besonders schlimm geworden mit meinen Ängsten. Das in der Disko hat mich an das in der Kindheit erinnert. Und jetzt hab ich so schlimme Ängste, dass sich meine Psyche da immer voll rein steigert. Das mit der Disko hab ich voll verdrängt.“

Diesesmal war es an mir, ziemlich erstaunt zu nicken: „Dem ist nichts hinzuzufügen.“ Anja ist es gelungen, sich selbst zu begegnen, auf ihre eigene Weise, jenseits von meinen Methoden und Konzepten.

Mir scheint, die beste Methode, ist die Methode, die dem Menschen dient, und nicht die Methode, denen der Mensch dienen soll.

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ICH und die schmerzvollen und leidvollen Reinszenierungen

„Kunst heilt nicht. Kunst reinszeniert immer nur das Trauma.“

Diese Aussage nahm ich mit aus einem anregenden Gespräch beim Mittagessen über unterschiedliche Künstler, die ihr Leben lang ein und dasselbe Thema immer wieder in ihren Werken bearbeiten, ohne dass es anscheinend zu einer heilsamen Auflösung kommt. Während ich nachhause radelte, fiel mir dazu ein Bild von Adolf Frankl, einem Überlebenden von Ausschwitz, ein: Er wollte die wunderschönen Blumen seines Garten malen und malte doch wieder einen Menschen, der aus lauter Pein und Angst in  den elektrischen Stacheldraht von Ausschwitz lief.

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Adolf Fankl, Im Stacheldraht: um 1951, Öl auf Leinweind, 74 x 100 cm, Werknummer ÖH 138

Diese verzweifelten Versuche aus dem Grauen über das Malen herauszufinden und sie zu überwinden – endlich einmal ‚Blumen‘ zu malen –  haben mich nachhaltig berührt. Adolf Frankl schaffte es nicht. Auch Roger Waters von Pink Floyd nicht: Bis heute ist er damit beschäftigt, den Tod seines Vaters im II.Weltkrieg und seine Kindheit ohne Vater (und auch mit einer emotional abwesenden Mutter), in seinen Texten zu verarbeiten. Bis hin zum letzten Pink Floyd-Album mit Waters Beteiligung, „The final cut“ mit dem Untertitel „Requiem for the Post War Dream“, das er seinem gefallenen Vater widmete. Während meiner Überlegungen fallen mir immer mehr Menschen ein, die ihr Leid bewusst und/oder unbewusst künstlerisch ausdrücken – in der Hoffnung, es erträglicher zu machen, es aufzulösen, es zu erlösen, es umzuwandeln…Ich hatte offenbar eine ausgeprägte Vorliebe für schmerzhafte Kunst – Egon Schiele und Bruce Springsteen fanden für sich eine Sprache für das, was in mir selbst unsagbar war. In meinen Seminaren zur ‚Traumaberatung/ Traumapädagogik‘ und ‚Sexueller Gewalt‘ an der FH verwende ich immer wieder Kunst dieser Art, um den StudentInnen ein Gefühl, eine Vorstellung zu vermitteln, was Trauma ist, was es kognitiv, emitional und körperlich bedeutet, traumatisiert zu sein.

„Kunst heilt nicht. Kunst reinszeniert immer das Trauma.“

Zuhause angekommen, ließ mich diese Aussage nicht mehr los: Kunst als quälende Wiederholung – als Reinszenierung schrecklichster Erlebnisse – wie eine Spirale, die immer weiter hinein ins Trauma führt. Warum ist das so? Warum gelingt es nicht, über den künstlerischen Ausdruck den Schrecken zu überwinden? Viel mehr: Warum wird er wieder und wieder neu in Szene gesetzt?

Eine naheliegende Antwort ist: Kunst ist reiner Ausdruck und keine Therapie. Eine Traumabewältigungsstrategie, die ein Überleben des sicher geglaubten Todes ermöglicht, die ein Leben mit unaushaltbaren Gefühlen und körperlichen Zuständen ermöglicht. In diesem Sinne ist Kunst also ein Ausdruck eines „Überlebensanteils“, der in einen längst schon geschehenen Schrecken zurückkehrt und das Unmögliche versucht: nämlich Geschehenes ungeschehen zu machen. Demzufolge ist es naheliegend, einen Ausweg aus Reinszenierungen in Therapien/Traumatherapien/Aufstellungen mit den Anliegen/satz zu erwarten.Doch ist uns damit wirklich der Ausgang gewiss? Mich beschleicht eine Ahnung: Können nicht auch sie zu quälenden Reinszenierungen werden, die immer mehr in den  Schrecken hinein führen, anstatt hinaus?

Ina (Name geändert) besuchte seit über 10 Jahren Aufstellungseminare unterschiedlicher Ausrichtung, absolvierte Fortbildungen, machte parallel dazu Psychotherapien und Körpertherapien, und konsultierte Heilpraktiker und Ostheopathen. Doch trotz alledem leidet sie fast ununterbrochen unter körperlichen Symptomen. Nun will sie unter anderem mit mir herausfinden, was ihr widerfahren ist, weswegen sie die körperlichen Symptome hat: Einzelstunde für Einzelstunde, Aufstellung für Aufstellung führen ihre Anliegen/sätze immer weiter hinein in ihre Traumalandschaft, hinein in ihre Traumabiographie: Schon ihre Zeugung schien ein Gewaltakt gewesen zu sein. Auch die Zeit im Mutterleib war nicht angenehm für Ina, weil ihre Mutter erst sehr spät akzeptieren wollte, dass sie schwanger ist. In mehreren Aufstellungen zeigen sich Abtreibungsversuche an. Mit jeder Arbeit wird deutlicher, wie sehr Ina in ihrer Kindheit unter ihrem schizophrenen Vater und ihrer cholerischen Mutter litt. Ina entdeckt traumatische Erlebnisse, wie körperliche Misshandlungen und emotionale Grausamkeiten, die sie für sich als wahr empfindet. Bemerkenswerter Weise konnte Ina die Ergebnisse ihrer Aufstellungen tatsächlich verifizieren. Das bedeutet: All das, was sich in Aufstellungen zeigte, bestätigte sich in Tagebüchern, Briefen und in Gesprächen.Ich freue mich sehr über diese für mich nicht alltäglichen „glücklichen Umstände“.

Und doch: Etwas irritierte mich mit jeder neu ins Bewusstsein geholten Wahrheit mehr: Nicht nur, dass ihre körperlichen Symptome nahe zu unverändert blieben, sondern auch, dass ihre ‚gesunden Anteile‘ immer schwächer wurden. Inas ICH litt sichtlich unter der regelmäßigen Auseinandersetzung mit den traumatischen Aspekten ihrer Lebensgeschichte. Für mich stellte sich zusehends die Frage: Kann es sein, dass ihre gesamte therapeutische Arbeit in sich ein Überlebensmechanismus ist? Unabhängig von TherapeutInnen und ihren diversen Methoden und Techniken? In der letzten Einzelstunde wollte Ina wider Erwarten nicht aufstellen – bis dahin wollte sie ausschließlich aufstellen und keine reflektierenden und spiegelnden Gespräche führen.Stattdessen wollte sie mir eine Frage stellen, auf die ich ehrlich antworten sollte. Nur zu, meinte ich.

„Kann es sein, dass die ganzen Therapien/Aufstellungen, und jetzt sogar die Arbeit mit dem Anliegen/satz mein Überlebensmechanismus ist?“ Ja, das kann sein.

„Kann es dann auch sein, dass ich damit immer mehr mein Trauma und meine entsprechenden Überzeugungen festige?“  Ja, auch das kann sein.

„Dann erlebe ich praktisch immer wieder, dass ich bis heute keine Chance gegen meine Muter und meinen Vater habe. Dann spiele ich immer wieder ‚wahnsinnigen Vater, schlagende Mutter, ohnmächtiges Kind‘ nach?“ Ja, so scheint es zu sein.

„Ist das sinnvoll? Ist das hilfreich?“ Nein, wohl nicht.

„Was dann?!“ Ja – was dann?

ICH mit mir und meinen Anliegen ALLEIN erschaffe das, was in mir ist. Das ist ist zunächst das, was die meiste Enegie bindet,  was die größte Intensität besitzt: meine Traumaerlebnisse mit den entsprechenden Gedanken, Gefühlen und Empfindungen, sind sie doch zwischen Leben und Tod entstanden. So begann Adolf Frankl immer wieder bunte Ölfarben  für die wunderschön farbigen Blumen seines Gartens aufzutragen und über Nacht, während die Ölfarben trockneten, kamen die Alpträume und mit ihnen die Geschundenen und Toten von Ausschwitz auf seine Leinwände. Inas Anliegen/sätze, wie beispielsweise „Ich bin Ina.“, „Ich will die Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden können.“ führten sie wieder und wieder in ihre traumatische Kindheit zurück.

Vor 2, 3 Jahren ging es mir wie Ina – ICH fuhr gerade aus mit mir und meinen persönlichen und beruflichen Anliegen in eine Sackgasse: Es ging nicht mehr weiter – nicht vor und nicht zurück – rückwärtsfahren kann ich nicht wirklich. Da stand ich und wartete auf – ?. Und da bin auf die Kunst von Petronilla Hohenwarter gestoßen – unglaublich intensive Farben, klar, mitunter grell. Sie sprachen mich emotional und körperlich an. Ich fühlte eine Gleichzeitigkeit von Angst, Trauer, Leid und Schmerz und zugleich aber Freude, Glück, Hoffnung und Liebe. Das war neu für mich. Bis dahin war ich in dem „entweder“ – „oder “ der Traumawelt gefangen.

Das ist es, was ICH persönlich wie beruflich suchte:

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ICH beginne mit mir und meiner Erlebenswelt, die geprägt ist von Leid und Schmerz und Ohnmacht in Vergangenheit und Gegenwart. ICH finde mich darin wieder, lerne mich darin kennen und ausdrücken, zeige mich so ungeschützt und bloß anderen Menschen, aber: ICH bleibe nicht darin hängen. ICH füge neue ‚Farben‘ hinzu: neue andersartige Wahrnehmungen, Gefühle und Empfindungen, die mich über mein Trauma hinaus führen.

Doch das geschieht nicht alleine und auch nicht von alleine. Das liegt in der Verabtwortung unserer gesunden ICHs: Zunächst braucht es dazu, eine Grundhaltung von Zuversicht, Freude und Liebe des therapeutischen/begleitenden ICHs. Ausgehend von diesen zuversichtlichen, freudigen und liebevollen Begegnungen kann ich neue Landschaften jenseits von Trauma erfahren. Es braucht aber auch ein ICH, das den Mut und die Kraft aufbringt, das Traumaland zu verlassen und neue Landschaften zu betreten. Und wieder in das Traumaland zurückzukehren, wenn sich uns traumatisierte Anteile ausdrücken wollen.