ICH und das Jahr der Angst vor der Angst

Ein Jahresrückblick. Ein schwieriges Jahr für mich und für viele Menschen, die ich begleiten durfte. Ein wahrlich besonderes Jahr der Selbstbegegnungen.

dav

Für mich ist dieses Jahr 2020 ein Jahr der Angst:

Angst vor dem Virus, Angst vor zu nahen Kontakten bis hin zu Angst vor Menschen überhaupt, Angst vor den mächtigen Politikern und ihrem Handeln. Angst um mich und meine liebsten Menschen, Angst um die Welt, wie sie war und wie sie sein wird, Angst um die demokratische Grundordnung, Angst vor der Polizei und dem Gesundheitsamt, Angst vor dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Angst um Angst.

Dazu passt ein Lied, das ich dieses Jahr zufällig hörte. Ein Lied, das sich nicht eindeutig interpretieren lässt – handelt es sich um einen amerikanischen Soldaten im Krieg (gegen den Irak?) oder handelt es sich um einen Menschen in einem inneren Kriegszustand?

„I’m just trying to survive. What if what you do to survive, kills the things you love? Fear’s a powerful thing! It can turn your heart black, you can trust. It’ll take your God filled soul and fill it with devils and dust.“

(„Ich versuche nur zu überleben. Aber was ist, wenn das, was mich überleben lässt, genau das tötet, was ich liebe? Angst ist eine mächtige Sache! Es kann Dein Herz schwarz werden lassen, das kannst Du mir glauben! Es wird Deine göttliche Seele ergreifen und sie mit Teufeln und Staub füllen.“)

Zum ersten mal hörte ich es bewusst zu Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr: Ich fuhr nach einem ziemlich anstrengenden Seminar von München aus in die Berge, um allein auf einen Berg hinaufzulaufen; und ich fuhr mit einem gewissen Unbehagen:

Ist es erlaubt, in die Berge zufahren? Werde ich von der Polizei kontrolliert? Wird mein Auto mit Münchner Kennzeichen von den Einheimischen beschädigt? Werde ich verbal aufgefordert „daheim zu bleiben“? Kann ich mich überhaupt unter diesen Umständen in den Bergen wohl fühlen? Bin ich ein egoistischer Mensch – rücksichtslos und verantwortungslos? Soll ich nicht lieber solidarisch daheim bleiben und meinen Beitrag zur Bekämpfung des Virus leisten? Bleibe ich aber daheim, dann wird es wirklich schwierig für mich. Ich bin kein Mensch, der dauerhaft über Wochen in einer Wohnung sitzen und sich nur in der Stadt bewegen kann und will.

Und gerade in diese Gedanken hinein, hörte ich diese Liedzeile:

„Fear’s a powerful thing. It can turn your heart into black!“

Ja, und da sah ich mich tatsächlich dieser Angst gegenüber. Die Verführung, ihr nachzugeben, schien so verlockend und wie mächtig zu sein – daheim zu bleiben und niemanden zu treffen. Doch der Preis dieser Art Sicherheit ist hoch:

„What if what you do to survive, kills the things you love?“

Und so lief ich den Berg hinauf und wieder hinunter.

Es ist tatsächlich diese Angst mit ihren Teufeln und den jede Sicht trübenden brennenden Staub, die mir während dieses Jahres immer wieder ins Gesicht, mir direkt die Augen schaute.

Es ist nicht die Angst vor dem Virus und auch nicht die Angst vor staatlichen Ordnungsmaßnahmen, die mich dieses Jahr derart befasste.

Es ist meine Angst vor dieser Angst: „It can turn your heart black.“

Was bedeutet diese Metapher eines „schwarz gewordenen Herzens“?

Antonia (Name und persönliche Merkmale geändert) ist eine Lehrerin Ende 40. Sie kommt zu mir zu Einzelterminen wegen einer sehr unschönen Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten. Sie möchte für sich einen Abschluss finden können.

„Weißt Du, Christina, in mir ist eine sehr, sehr große Traurigkeit, fast ein Meer von Traurigkeit. Sie bleibt eigentlich immer da. Völlig unberührt, von was wir hier sprechen, was wir hier aufstellen. Ich bin einfach traurig.“

Nun ja, ich bin überrascht. Weder die Kindheit mit einer sehr kalten Mutter und schwierigen Vaterbeziehung, noch deren konflikträchtige Beziehung, noch die die fürchterliche Beziehung zu einem narzistischen Mann schien mit dieser umfassenden Traurigkeit in Verbindung zu sein.

„Was sagt denn die Traurigkeit? Offenbar verstehen wir sie nicht richtig.“, frage ich Antonia.

„Dass sie eigentlich keine Traurigkeit ist, eher ist sie eine Verzweiflung, nein, mehr noch ein Schock.“, antwortet Antonia.

Damit hatte ich nicht gerechnet: „Die Traurigkeit sagt, dass sie eigentlich ein Schock ist. Warum bist Du schockiert? Was schockiert Dich?“

„Dass mein Sohn und seine Freundin den Kontakt zur Welt eingestellt haben: Seine Freundin hat derart viel Angst vor Corona, dass sie niemanden wirklich in der Realität treffen will. Er respektiert dies und so gibt es nur noch Kontakt per Video. Wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, dann fragt er nach Symptomen und hält sehr großen Abstand. Er ist da echt sehr strikt und schroff. Zuvor war er ein recht geselliger Mensch. Seine und auch ihre Freunde verstehen dies nicht. Sie wenden sich fast alle von ihm ab und orientieren sich neu, weil sie diese Angst und die vielen Hygienevorschriften vor und während eines Treffens nicht mehr mitmachen wollen und können.“

„Und Du? Wie geht es Dir damit? Was löst das in Dir aus?“ frage ich Antonia.

„Ich bin ja seine Mutter. Ich kann ja schlecht sagen, Du kannst mich mal und tschüss. Und ich bin ja auch Lehrerin und bin per se mit so vielen Kontakten ein Hochrisikomensch für die beiden. Ich versuche, das ja wirklich zu verstehen und mich fern zu halten. Seit März nur noch zu telefonieren oder Treffen im Freien mit drei Meter Abstand und am besten noch einen Schnelltest. Ja, ich versuche, ihre Angst und Abschottung zu verstehen und zu respektieren.“

„Du versuchst?“, frage ich nach.

„Ja, aber es ist hart und es wird immer härter. Da verändert sich etwas in mir. Ich kann dieses ständige Misstrauen nicht mehr aushalten. Es ist demütigend für mich. Ich passe ja eh auf und bin vorsichtig. Ich bin Lehrerin und ich kann und will nicht zuhause bleiben. Es ist so, als würde sich mit jedem mal mehr etwas in mir verhärten. So als würde etwas in mir kaputt gehen.“

„Fear’s a powerful thing. It can turn your heart into black! It’ll take your God filled soul and fill it with devils and dust.“

Antonia ist für ihren Sohn – zumindest für seine Partnerin – eine große Gefahr. Schon allein deswegen, weil sie Lehrerin ist und dadurch sehr, sehr viele grundsätzlich gefährliche Kontakte zu Menschen hat. Und sie ist es umso mehr, weil sie diese Kontakte zu ihren Schülern – den „normalen Präsenzunterricht und die damit verbundene Beziehungsarbeit – für sehr wichtig erachtet. In Diskussionen äußert sie sich dem entsprechend immer wieder skeptisch und besorgt über Distanzunterricht via digitales Lernen.

Doch was bedeutet es, wenn Antonia mit ihrem ganz „normalen“ Leben als Lehrerin als Gefahr für ihre nächsten Menschen bewertet wird? Wenn sich ihr Sohn und seine Partnerin von ihr distanzieren, weil sie mit ihrem So-sein ein nicht kalkulierbares Risiko zu sein scheint?

Was bedeutet es, wenn ICH mit meinem Leben, meinen Werten und Vorstellungen eine Gefahr für meine nächsten Menschen zu sein scheine? Wenn sie sich mir gegenüber so verhalten, als müssten sie sich vor mir schützen?

Und umgekehrt auch: Was bedeutet es, wenn ICH in jedem Menschen, dem ich begegne eine potentielle Gefahr sehe? Wenn mir mein Gegenüber zum viralen Feind wird? „

„I got my finger on the trigger, but I don’t know who to trust. When I look into your eyes, there’s just devils and dust.“

(Ich habe meinen Finger am Abzug, aber ich weiß nicht, wem ich vertrauen kann. Wenn ich in Deine Augen schaue, sind da nur Teufel und Staub.“)

Tom (Name und persönliche Merkmale geändert) ruft mich Mitte April an, um einen Einzeltermin und eine Selbstbegegnung in der Gruppe abzusagen. Er habe so viel Angst, sich auf dem Weg in meine Praxis anzustecken. Er könne unmöglich kommen. Ein Gruppenseminar ginge schon gar nicht, die vielen Menschen und die Nähe. Er bedauere dies zutiefst. Für einen Moment hörte ich Tom leise, fast stumm Weinen.

Ich bin doch etwas überrascht. Denn Tom bedeuten diese Termine sehr viel. (Wenn ich einen Termin verschiebe, dann ist das nicht einfach für Tom.) Ich frage nach, ob er nicht doch kommen könnte. Mein Raum wäre ja groß genug, wir könnten mit Masken arbeiten und permanent lüften…

„Nein. Die Angst mich anzustecken und ins Krankenhaus zu kommen, ist übermächtig. Die ganzen Leichenberge in Italien. Die Särge und die Intensivstationen. Es geht nicht. Die Angst ist wirklich riesengroß.“

Ich bin erschrocken, ob der Intensität und Dimension der Angst. „Ja, ich kann Deine übermächtige und riesengroße Angst spüren.“ Diese Intensität und Dimension der Angst macht mir tatsächlich Angst: „Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, dieser Angst nachzugeben. Es wird in Zukunft nicht leichter werden, aus dem Haus zu gehen und das zu tun, was Dir wichtig ist, wenn Du dieser Angst nachgibst.“

Tom schweigt lange und meint dann leise: „Ja, ich weiß, aber ich kann nicht anders.“

Ein paar Tage später ruft Tom erneut an, er möchte nun doch kommen. Ich bin erleichtert und freue mich sehr. Von da an kann Tom regelmäßig wieder zu Einzelterminen kommen. Diese Angst vor dem Virus ist das ganze Jahr über immer und immer wieder Thema. Sie lässt sich ursächlich einem Geburtstrauma mit nachfolgender Infektion und längerer Isolation mitsamt Trennung von seiner Mutter zuordnen. Das ist Tom völlig klar und mir auch. Und trotzdem scheint diese Angst stärker zu sein als alle Selbstbegegnungen. Es sind immer wieder die Toten von Italien und den USA, die Särge, die Bilder aus den Intensivstationen, die im Frühjahr in den Nachrichten immer wieder gezeigt wurden, die in Tom auftauchen.

„Christina, Du weißt gar nicht, wie schlimm das wirklich ist. Es ist seit dem Frühjahr die Hölle für mich. Das Virus ist ja unsichtbar. Auch asymptomatische Infizierte können ansteckend sein. Es kann jeder haben, auch Du. Jeder ist für mich gefährlich. Was Du, was das für mich und meine Angst bedeutet?! Wenn ich einkaufen gehe, ist es gefährlich. Wenn die Handwerker kommen, um weiter meine Wohnung zu renovieren, ist es hochgefährlich. Ich verschanze mich regelrecht in meiner Wohnung. Das geht ja mit Homeoffice sehr gut. Niemand darf rein kommen und ich darf nicht rausgehen. Dabei bin ich doch so einsam und allein. Es hilft nichts. Die Angst vor dem Virus und der Intensivstation ist viel stärker als alles andere.“

„I got my finger on the trigger, but I don’t know who to trust. When I look into your eyes, there’s just devils and dust.“

Das stimmt, dass es so schlimm ist, wusste ich bis dato nicht, wollte ich vielleicht auch nicht wissen. Ich dachte, mit dem Herkommen können und den tiefgehenden Selbstbegegnungen zu den traumatischen ersten Lebenswochen wäre diese Angst für Tom zusehends regulierbar geworden. Ich hatte mich offenbar getäuscht. Ich erkannte nicht, dass die Einzeltermine einmal im Monat der einzige Kontakt zu einem Menschen sind, der Tom möglich ist. Der einzige Kontakt, den diese übermächtige Angst zulässt.

Diese Erkenntnis ist bitter. Tom ließ sich in den letzten Monaten vor dem Virus sichtlich mehr und mehr auf Menschen ein. Er ging offener und gesprächiger auf sie zu. So war es eine Freude für mich zu erleben, wie Tom zuletzt in Gruppen seine Anliegen aufstellte und für andere Teilnehmer als Resonanzgeber sich zur Verfügung stellte. Ich erinnere mich noch an sein Fazit über ein Seminar Ende 2019:

„Ich bekomme langsam eine Ahnung, dass ich den Menschen, der Welt nicht grundsätzlich misstrauen muss. Die Welt ist vielleicht doch nicht durch und durch schlecht.“

Und dann tauchte wenige Monate später das Virus auf und mit ihm die schrecklichen Bilder aus Italien und den USA.

„Wie lange musst Du Dich verschanzen? Was muss passieren, dass Du Dich wieder halbwegs sicher fühlen kannst?“

„Hm. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Also, ja, bis es einen Impfstoff gibt.“

„Also, bis vielleicht Ende 2021, bis genügend Menschen geimpft sind. Dann kannst Du Dich wieder sicher fühlen und kannst Deine Verschanzung aufgeben…“

„Nein, das stimmt nicht. Der Impfstoff ist ja auch nicht sicher, so wie die Grippeimpfung auch nicht wirklich sicher ist. Vielleicht dann, wenn es den Virus gar nicht mehr gibt.“

„Hm. Du kannst Dich also erst dann wieder sicher fühlen, wenn der Virus ausgerottet ist?“

„Nein, nein.“, antwortet Tom schnell, um dann lange zu schweigen. „Wenn dieser Virus weg ist, dann kommt der nächste Virus. Ich kann mich nie wieder sicher fühlen. In mir hat sich etwas verändert, ist irgendwie aus dem Ruder gelaufen.“

„Fear’s a powerful thing. It can turn your heart into black! It’ll take your God filled soul and fill it with devils and dust.“

Toms Angst vor dem Virus und seine entsprechenden Mechanismen den Virus und die Intensivstation zu überleben, hinterlassen Spuren. Selbst dann, wenn der Virus offiziell für besiegt erklärt wird.

Es ist durchaus eine „teuflische“ Angst, die uns in Sicherheiten verführt, die keine wirklichen Sicherheiten sind. Es sind Sicherheiten, die einem gesunden Menschsein zuwiderlaufen. Es ist durchaus eine „staubige“ Angst, die in den Augen brennt und die Sicht trübt.

„I’m just trying to survive. What if what you do to survive, kills the things you love?

Es geht mir nicht um ein Überleben des Virus, das zu zerstören droht, was ich liebe, was mir wichtig ist. Es geht mir um ein Leben mit dem Virus, und alledem was mir wichtig und lieb ist.

dav

Zu meinem gesunden Leben gehört die Bewegung in der Natur, in den Bergen, genauso, wie wirkliche Begegnungen mit Menschen, mit meinen liebsten Menschen, mit meine Klienten und Studenten. Zu meinem gesunden Leben gehört aber auch eine Selbstverantwortung für mich und mein Leben und eine verantwortungsbewusste Risikoeinschätzung von Gefahren meines Lebens. Und so werde ich auch nächstes Jahr weiterhin dieser Angst mit ihren „Devils“ und ihrem „Dust“ in die Augen schauen und in die Berge fahren und Einzeltermine vergeben und Gruppenseminare live anbieten, sofern es mir rechtlich erlaubt ist und ich dies für mich und andere verantworten kann und will.

Und nun zum Schluss für diejenigen, die sich das Video zu „Devils and Dust“ von Bruce Springsteen anhören und anschauen wollen:

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