ICH und der Weg vom dramatischen Trauma ins traumatische Drama

Tanja und Peter wollen regelmäßig zu mir kommen, um ihre Beziehung konstruktiv zu gestalten – das bedeutet, diese entweder zu beenden oder anders zu leben.

Sie sind seit 34 Jahren unglücklich verheiratet. Ihre Beziehung war von Anfang an geprägt von einer sehr unheilvollen Dynamik – nicht miteinander und nicht ohne einander leben zu können. Infolgedessen suchten beide für sich und auch gemeinsam immer wieder Hilfe bei Therapeuten unterschiedlichster Fachrichtungen. Mit der Zeit und mit jedem nicht hilfreichen Versuch – sie konnten trotz alledem nicht miteinander und nicht ohne einander leben – wurden ihre Versuche immer verzweifelter und der Leidensdruck immer größer. Zuletzt entdeckten sie die Methode der Aufstellungen für sich. Sie schöpften neue Hoffnung, versprach doch diese Methode nicht auf der Symptomebene – also verhaltenstherapeutisch und lösungsorientiert auf der Paarebene – zu verweilen, sondern in die Tiefe auf die tatsächlichen Ursachen zu schauen.

Und so stellten beide jeder für sich bei verschiedenen Aufstellungsleitern sehr, sehr viele Anliegen und Anliegensätze auf. Dabei zeigten sich in ihren Arbeiten immer wieder bereits bekannte, aber auch unbekannte, erwartete und unerwartete Aspekte und Facetten ihrer beider Kindheiten als Ursache für ihre gegenwärtigen Beziehungsprobleme:

Peter und Tanja sind beide bei Eltern aufgewachsen, die durch Familie und Krieg zutiefst verletzt und verstört worden waren. Sie sind gewissermaßen gezeugt in unendlich tiefes Leid und in unerträglichem Schmerz; und zugleich aber sind sie gezeugt in unendlich großer Hoffnung, dass mit ihnen endlich alles besser, alles gut werden müsse. Für Petrund für Tanja bedeutet dies von Anfang an ein Leben, das geprägt war von Verwechselt werden, Idealisiert werden, Nicht gesehen werden, Missverstanden werden, Missbraucht werden – von Not und Leid, von lebensbedrohlichen emotionalen und körperlichen Schmerzuständen. Ein traumatisierendes Kinderleben mit traumatisierten Eltern, Großeltern und Geschwistern.

Doch trotz all dieser emotional bewegenden und klaren Aufstellungen änderte sich nichts an den bestehenden destruktiven Beziehungsdynamiken:

Tanja und Peter können nicht miteinander leben und auch nicht ohne einander leben. Und so leben sie weiterhin in Wehklagen, in gegenseitigen Anklagen und Vorwürfen, in Streit und Verletzungen, und in wiederkehrenden Rückzügen in ein Leben fern ihrer Ehe, nicht ohne auch diese zu beklagen.

Und so kommen beide sichtlich fix und fertig, zermürbt und resigniert, müde und zerschlagen, und doch nicht ohne Hoffnung bei mir an. Ihr gemeinsames und immer wieder formuliertes Anliegen ist, dass dieser offensichtlich unerträgliche Zustand ein Ende finden möge – in einem gemeinsamen Leben oder in einer Trennung, je nach dem.

„Wenn wir nur endlich Frieden schließen könnten…“

Doch was kann die Arbeit mit mir nach alledem noch bewirken? Was kann sich noch tun nach all den vielen Aufstellungen mit den vielen Anliegensätzen? Ich wusste es nicht.

In den folgenden Paarsitzungen erschlossen sich Tanja und Peter immer wieder Bezüge und Ereignisse in ihren Biographien, die bisher gar keine oder nur wenig Beachtung fanden. Und so fügte sich Puzzleteil um Puzzleteil zu einem stimmigen Gesamtbild. Dabei zeigte sich immer klarer, dass es ihre (früh)kindlichen Erfahrungen sind, die ihr Miteinander bis in die Gegenwart derart leidvoll werden lassen:

Peter wuchs in der Nachkriegszeit in Bayern auf als Kind von zwei Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland. Seine acht Jahre ältere Schwester erlebte die Vertreibung als drei jähriges Kind. Dieses traumatische Ereignis ‚Vertreibung aus dem Sudetenland 1946 und gewaltsamer Heimatverlust‘ bestimmte deren Leben bis zum Schluss: Die Mutter und deren Mutter, der Vater und seine Mutter und die große Schwester – sie alle lebten nur „körperlich“ in Bayern. Die tatsächliche Heimat war und blieb bis zu deren  Lebensende der mütterliche und väterliche Herkunftsort im Sudetenland. In ihrem neuerrichteten Haus in Bayern lebten diese sozusagen weiter – es wurden die sudetendeutsche Bräuche weitergefeiert, Anekdoten von den Bewohnern erzählt und natürlich im entsprechenden Dialekt gesprochen.

„Ich lebte ja mit lauter Gespenster zusammen. Meine Eltern und meine Schwester, die Großeltern waren ja nicht wirklich lebendig. Und die Menschen, von denen sie immerzu so lebendig und emotional erzählten, waren ja gar nicht mehr am Leben oder zumindest nicht hier in Bayern.  Das hörte sich für mich aber immer so an, als wäre das Sudetenland hier in unserem Haus. Das Haus war überfüllt von sudetendeutschen (Un)toten. Mein eigentlicher Heimatort – das bayerische Dorf mitsamt seinen Bewohnern kam nicht wirklich vor und die beiden sudetendeutschen Dörfer waren allgegenwärtig. Ich hab mich bis zum unserem letzten Termin hier nie wirklich bewusst als ‚bayerischer Bua‘ gesehen, obwohl ich ja in Bayern geboren bin. Ich bin ja nicht heimatvertrieben. Ich nicht – und trotzdem.. Es hieß es ja immer ‚Wir Heimatvertriebene…‘ “

Peter war der „Sonnenschein“ der zutiefst traurigen Familie. Seine Geburt wurde herbeigesehnt gleichermaßen wie sie herbeigefürchtet wurde – verlief doch schon die Schwangerschaft mit einigen Komplikationen und unter ständiger Angst, um das ungeborene Kind. Und so war auch die Geburt geprägt von mehreren dramatischen Umständen. Es war ein Glück, dass sowohl Mutter als auch Peter diese überlebten.  Doch damit noch nicht genug: Im ersten Lebensjahr erkrankte Peter zweimal derart schlimm, dass wieder mit seinem Tod zu rechnen war. Doch dann ging es aufwärts: Peter schien ein fröhlicher und lebendiger Treibauf zu sein, der mit all seinem Kräften versuchte, Leben in das Haus zu bringen. Die Untoten sozusagen wiederzubeleben. Es glückte ihm nicht. Mutter und Vater, die Großeltern und seine Schwester blieben in ihrer tiefen stillen und wortlosen Traurigkeit und Verzweiflung über den Heimatverlust stecken. Und so wuchs in Peter eine unendliche Einsamkeit und Verlassenheit: Er blieb allein mit seiner eigentlichen Lebendigkeit:

„Ich wollte ja spielen und lachen und raufen – aber da war niemand wirklich zuhause – also, sie waren schon da, aber so still, so tot, so unlebendig. Ich hätt‘ so dringend jemanden gebraucht, der mit mir was macht.“

(Dieses Ausmaß an ausschließlicher Identifikation mit der verlorenen Heimat im Sudetenland, dieses bedingungslose Festhalten daran – man könnte fast sagen, das „So weiterleben, als hätte es keine Vertreibung gegeben“, dieser innerliche wortlose und unsagbare Schmerz – erschreckt und berührt mich gleichermaßen. Obgleich ich diese Thematik persönlich aus meiner Familiengeschichte kenne und in einigen Beratungsprozessen kennenlernen durfte, scheint mir diese Radikalität an Realitätsverleugnung in Peters Familie in ihrer Dimension immer wieder gänzlich unvorstellbar.)

Selbst als Peter und Tanja heirateten, blieb dieses „Wir Heimatvertriebene“ bestehen: Peter heiratete als heimatvertriebener Sudetendeutscher in Bayern ein „bayrisches Madl“. Zum tiefen, aber niemals ausgesprochenen Leidwesen seiner Familie heiratete Peter keine Frau aus der Heimat in der Heimat. Tanja war ihnen durchaus nicht unrecht, aber sie war halt keine aus der Heimat… Dafür aber liebte Peter Tanja umso mehr. Endlich – endlich hat er jemanden für sich gefunden, der ihn wirklich wahrnimmt, der mit ihm wirklich zusammenlebt, der mit ihm etwas unternimmt, der ihn einfach lieb hat und da ist…

(Im Laufe der bisherigen Paarsitzungen bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt, wie passgenau die Traumabiographien von Peter und Tanja sich ineinander fügen und gegenseitig verstärken.)

… Tanja ihrerseits wird ebenfalls sehnlichst erhofft und erwartet von ihrer Mutter – einer Frau, die sichtlich traumatisiert ist: Verletzt, verstört und erschüttert durch die Gewalt des Krieges und durch die Gewalt in ihrer Familie, ihr Leben lang bedroht und verfolgt durch die Erinnerungen an diese fürchterliche Vernichtungserlebnisse. Nur wenn sie sich anfänglich körperlich, später dann emotional an ihrer Tochter festhält und festklammert, nur dann fühlt sie sich sicher, nur dann kann sie buchstäblich weiterleben… Dieses Klammern an Tanja, ihrer Tochter, ist ein existentielles Klammern. Sie braucht ihre Tochter, um weiterleben zu können. Zumal Tanjas Vater zwar anwesend ist, sich aber zusehends in die Rolle des Ernährers der Familie zurückzieht. Er arbeitet sehr, sehr viel, um die Familie zu finanzieren. Mit diesem sichtbaren existentiellen Leiden seiner Frau ist er jedoch völlig überfordert. Er kann seiner Frau nicht anders helfen, als zu arbeiten und Geld zu verdienen. Damit allerdings überlässt er Tanja und ihren vier Jahre später geborenen kleinen Bruder den erschreckenden und lebensbedrohlichen Traumazuständen ihrer Mutter.

„Nein, um mich ist es da nie gegangen. Um mich geht es bis heute ja nie. Meine Bedürfnisse waren da nicht existent. Ich war einfach für sie da, ungefragt dazu da, dass sich meine Mutter in ihrer Angst und Verzweiflung an mich klammern konnte. Das war so furchtbar, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen. Deswegen bin ich dann ja nach der Schule, sobald es ging, von zuhause regelrecht geflohen. Es war zuhause nicht auszuhalten mit meiner Mutter in ihren Zuständen und meinem anwesenden und doch nicht anwesenden Vater.“

Immer wenn sich die Mutter an Tanja festhält, wenn Tanja ihre Mutter retten muss, wird sie „vergiftet“ von dieser allumfassenden und allmächtigen, aber nie wirklich kenntlich gemachten, benannten Vernichtungsenergie. Und so wird Tanja zusehends allergisch gegen dieses schädliche Gebraucht und Benützt werden, allergisch gegen das schmerzhafte Nicht gesehen werden und Verwechselt werden. Genau davor ist Tanja geflohen…

… bis sie sich in Peter verliebte, der sie seinerseits existentiell braucht, weil er doch endlich jemanden für sich braucht, der ihn wirklich wahrnimmt, der mit ihm wirklich zusammenlebt, der mit ihm etwas unternimmt, der ihn einfach lieb hat und da ist. Und zudem ist da endlich jemand, der zwar nicht wirklich aus dem Sudetenland kommt, sich aber doch wirklich bemüht in das „Wir Heimatvertriebene“ sich einzufügen…

… eigentlich, denn Tanja ist ein „gebranntes Kind“: Sie kann es nicht mehr aushalten, verwechselt zu werden, auch nicht von Peter. Sie ist es leid, von ihm derart gebraucht zu werden und zugleich angeklagt zu werden, nicht genügend zu geben. Tanja kann nicht mehr. Eigentlich, denn sie bleibt bei Peter, obwohl sie schon 34 Jahre vergeblich versucht, von Peter wirklich wahrgenommen zu werden und nicht nur gebraucht zu werden …

… und auch Peter kann nicht mehr. Er ist es leid mit jemandem zu leben, der sich ihm entzieht, der sich zurückzieht, der – wenn überhaupt – körperlich anwesend ist, der nicht greifbar ist. Peter ist das Allein sein und den Rückzug in der Beziehung zu Tanja leid. Eigentlich, denn er bleibt bei Tanja, obwohl er sie 34 Jahre vergeblich versucht zu erreichen.

Ich war tatsächlich erstaunt, wie trotz aller bereits erfolgter Therapien und Aufstellungen, sich jedesmal etwas „Neues“ fand und zusammenfügte. Und entsprechend gespannt war ich, wie sich dies auf die Beziehungsdynamik auswirken würde. An ein „ob“ dachte ich nicht, zu sehr schienen mir die Erkenntnisse evident zu sein.

Doch es hörte nicht auf: Mit jedem weiteren einzelnen Beratungstermin zeigten sich wieder bisher unbekannte bzw. übersehene Traumadetails in beider Kindheitsbiographien, die tatsächlich wichtig sind für das Verstehen der Beziehungsdynamik.

Zuletzt erinnerte sich Tanja daran, dass ihre Eltern immer wieder vehement über die Flüchtlinge schimpften, für die sie nicht nur den sowieso schon knappen Wohnraum teilen mussten sondern auch noch zahlen mussten wegen dem Lastenausgleichsgesetz der BRD.

Peter schüttelt nur noch den Kopf: „Daran hab ich ja noch nie gedacht. Und dann bring‘ ich so eine Schwiegertochter mit nach Hause? Ich hab die alte Heimat, ja eh schon veraten, indem ich keine aus der Heimat mir gesucht habe und dann noch eine, deren Familie gegen uns als Heimatvertriebene negativ eingestellt ist?! Das ist ja Verrat an meiner Familie auf der ganzen Linie.“

Ja, das scheint eine wirklich ganz und gar unmögliche Liebesverbindung zu sein.

Mir wird das zusehends unheimlich. Ich fragte mich, ob das jemals eine Ende hat?

Nach einigen Minuten des Schweigens meint plötzlich Tanja:

„Ich glaube, wir brauchen das Drama. Wir können ohne Drama nicht leben. Wir beide haben an unserem Lebensanfang so viel Drama erlebt, dass wir unser persönliches Leben und unsere Beziehung miteinander mit Drama verwechseln oder umgekehrt. Ohne Drama gibt es uns nicht, nicht alleine und auch nicht als Paar.“

Mit diesen Worten fasste Tanja das jahrzehnte lange gemeinsame Ehedrama zusammen. Peter nickte zustimmend. Und ich völlig überrascht auch – denn diese drei Jahrzente währende Ehe ist mit dem Begriff ‚Drama‘ durchaus treffend beschrieben. Doch ob ich auf diese „Diagnose“ gekommen wäre? Hm, ich weiß es nicht.

Unter diesem Drama-Trauma-Aspekt gewinnen ihre beider Therapien und vor allem auch die insgesamt 81 Aufstellungen eine ganz andere Bedeutung: Mit jeder einzelnen Therapiestunde bzw. Aufstellung wird immer auch das Drama-Bedürfnis gestillt. Und nur im Drama-Trauma – dem Erkennen, dass einem das Lebensnotwendige schon wieder verwehrt wird und verwehrt bleibt – können sich Peter und Tanja selber spüren und nur so können sie als Paar miteinander leben – in einem Zustand, wo es ohne einander und miteinander gleichermaßen nicht geht. So betrachtet sind weder die einzelnen Therapien noch die Aufstellungen als gescheitert zu betrachten – nein, sie haben jeweils ein Weiterleben ermöglicht, ohne Trauma-Drama droht bis heute das entsetzliche Nichts.

„Ich glaube, wir brauchen das Drama!“ Eine Aussage, die in ihrer Klarheit und ihrer entsprechenden Dimension bemerkenswert ist – nicht nur für Tanja und Peter, sondern auch für mich.

 

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