ICH und KontaktAbbrüche?

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die auf der Suche sind nach sich selbst, die sich also die Frage stellen:

Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Wer bin ich nicht?

So wie neulich Eva, die in ihrer ersten Einzelstunde feststellte, dass sie gar nicht sie selbst ist, dass sie gar nicht in sich selbst ist, dass sie von der tatsächlichen Eva getrennt ist.

Ich fragte sie, wo sie denn dann wäre, wer sie denn dann wäre, wenn nicht die Eva, die mir gegenüber sitzt.

„Ich bin dann irgendwie viel jünger, kleiner, auch schwächer. Irgendwie total unterlegen. Ich finde mich dann auch nicht hübsch. Dann weiß ich auch gar nicht, was ich anziehen soll. Ich weiß schon so vom Kopf her, dass mit mir alles ganz normal ist, dass es die erwachsene Eva gibt.  Die ist völlig in Ordnung ist, aber in der bin ich nicht.“

Warum? Ich meinte zu Eva, dass es dafür einen Grund geben muss, warum sie nicht in sich drinnen ist.

Eva erzählt mir daraufhin ihren verschiedenen Aufstellungen, die sie bereits gemacht hat, ohne dass sich daran etwas geändert hätte: Es gibt diese erwachsene kompetente junge Frau, die sie eigentlich wäre, aber nicht ist. Und es gibt diese unterlegene, kleine und schwache Eva, die sie zu sein scheint, aber eigentlich nicht ist. (Ich frage nach, ob sich durch die Aufstellungen tatsächlich nichts geändert hat, also nichts besser oder schlechter geworden ist. Eva schüttelt den Kopf und meint, da hat sich nichts geändert, sonst hat sich schon einiges getan.)

Eva wurde sehr wahrscheinlich mit 12 während einer Klavierstunde sexuell traumatisiert. Was niemand in ihrer Umgebung wissen wollte. Auch nicht ihre Eltern. Denn der potentielle Täter ist eine stadtbekannte Persönlichkeit, mit dem sich bis heute niemand  auseinandersetzen will. Auch nicht ihre Eltern. Unmittelbar nach dem Gewalterlebnis hörte Eva abrupt auf mit dem Klavierspielen und entwickelte eine Essstörung. Sie magerte derart ab, dass sie in eine Klinik zwangseingewiesen und dort zwangsernährt wurde.

Seitdem hat Eva fürchterliche Angst, dass jemand bemerken könnte, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Dass ihr jemand die Magersucht ihrer Jugend ansehen könnte. (In Wirklichkeit ist Eva eine normal schlanke junge Frau, der die überwundene Magersucht nicht anzusehen ist.)

Und so darf auch niemand wissen, dass sie wegen diesem Thema zu mir oder zu jemand anderem geht. Davor habe sie panische Angst, genauso, wie wenn jemand ihr ansehen könne, dass sie Magersucht hatte.

Warum? Warum ängstigt Eva das so sehr?

„Dann würde meine Mutter sagen: ‚Oh Gott, sie hat es immer noch nicht überwunden!‘ und das ist ganz schlimm für mich.“

In der folgenden Einzelarbeit wollte Eva etwas für sie völlig Neues ausprobieren, nach dem sie einige Gruppenseminare in der letzten Monaten machte: Sie will sich mit der „verdeckten KissenAufstellung“ sich auf die Suche nach ihrem eigentlichen ICH machen.

„Ich bin in mir und mir geht es gut mit mir.“

Es zeigt sich tatsächlich, dass die Mutter und deren (un)ausgesprochene Forderung „Du musst so  sein, als wäre nichts passiert!“ für Eva unaushaltbar ist. Und so spürte Eva dem Mutter-Kissen (ohne dass sie wusste, dass es das Mutter-Kissen) gegenüber Wut.  (Ich war sehr überrascht, habe ich doch von allen möglichen Gefühlen bei Eva noch nie Wut miterlebt.) Nach dem Eva einige Minuten ihre Wut spürte, nahm sie das Kissen und warf es mit Kraft in die Ecke:

„Dich brauche ich nicht mehr. Du bist mir keine Hilfe. Im Gegenteil.“

Davon ausgehend klärte sich erschreckend klar, warum Eva nicht die erwachsene Eva sein kann, warum sie nicht in sich sein kann:

Das, was Eva erlitten hat, das darf in den Augen ihrer Mutter und der restlichen erwachsenen Welt nicht so sein, wie es ist: nämlich eine schlimme Gewalterfahrung, die bis heute für Eva leidvoll spürbar ist. Wenn es sie überhaupt gibt, dann nur als etwas, was nicht so schlimm war, schon lang vorbei ist, … . Und so meint Eva zu dem Kissen ’sexuelle Gewalt‘ (wieder ohne zu wissen) auch: „Das ist etwas Unbedeutendes. Das ist unwichtig. Das hier ist nicht der Rede wert.“

Wenn dem so ist, wenn also das, was ich erlebt habe, nicht sein darf, wie es war und wie es ist, dann kann ich nicht ICH sein. Dann kann ich nicht mein ICH leben, nicht in meiner Identität leben. Mit Identität meine ich, die Summe aller Lebenserfahrungen eines Menschen.

Daher führt eine Auseinandersetzung mit dem ICH, mit der eigenen Identität unweigerlich auch zu einer Auseinandersetzung mit der Qualität der Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen:

Wie ist mein Kontakt zu mir selbst? Kann ich, darf ich und will ich da sein, mit alle dem, was ich erlebt habe?

Wie ist der Kontakt zu anderen Menschen? Zu meinen Eltern? Zu meinen Geschwistern? Zu meinen Partnern und Partnerinnen? Zu meinen erwachsenen Kindern? Zu Freunden und Freundinnen? Zu Therapeuten und Therapeutinnen? Zu Kollegen und Kolleginnen? Kann ich, darf ich und will ich da sein, mit alle dem, was ich erlebt habe?

Was bedeutet das, wenn ich nicht da sein kann, darf oder will?

Eva schaut auf das Mutter-Kissen, das sie eine halbe Stunde zuvor voller Wut in die Ecke schmiss:

„Ja, das ist tatsächlich so. Sie war und ist mir keine Hilfe da mit mir. Im Gegenteil. Es wirft mich immer wieder zurück, wenn ich mit ihr rede, hab ich das Gefühl. Hm: Was heißt das für mich jetzt? Darf ich mich von meiner Mutter distanzieren?“

Diese Frage freute mich zutiefst. Nicht, weil ich will, dass sich Eva distanziert und womöglich den Kontakt zu ihrer Mutter abbricht. Nein, ich freue mich, dass in Eva die Idee entstanden ist, dass ein Kontakt, eine Beziehung ihr nicht gut tut, mehr noch: ihr sogar in der Gegenwart schadet. Dass eine Beziehung verändert werden kann, dass sie nicht „für immer und ewig“ bedeutet. Und ich freue mich darüber hinaus, dass in Eva eine Ahnung entstanden ist, dass sie sich überhaupt schützen kann.

Das bedeutet: Eva misst sich selbst einen Wert bei. Sie ist schützenswert. Wenn dem so ist, dann ist Eva doch schon etwas in sich. Es ist ihr gesundes ICH, das weiß: wenn ich mich mit meinen traumatischen Erlebnissen Dir nicht zeigen darf, dann tut der Kontakt zu dir mir nicht gut.

Eva beendet ihre Einzelstunde mit der Feststellung: „Ich kann und darf mich von meiner Mutter distanzieren.“

Wie wird das konkret ausschauen? Wird Eva den Kontakt zu ihrer Mutter einschränken? Wird sie ihn abbrechen? Wird sie vielleicht mit ihr nicht mehr über sich und ihre Verletzungen sprechen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie in ihrer Arbeit für sich spüren und fühlen konnte, dass ihr die Beziehung zu ihrer Mutter unter der Bedingung „Du sollst wieder normal sein, als wäre nichts passiert!“ schadet.

Soll Eva den Kontakt zu ihrer Mutter einschränken? Soll sie ihn abbrechen?

Auch das weiß ich nicht. Das soll ich auch nicht wissen. Denn das kann nur Eva selbst für sich wissen: Wie will ICH meine Beziehung gestalten? Es ist mir wichtig, dass Menschen es wagen, zu spüren, fühlen und denken, dass Beziehungen so zu gestalten sind, dass sie ihnen gut tun und nicht schaden. Dass sie grundsätzlich dürfen. Denn das ist für mich eines der Kennzeichen eines gesunden ErwachsenenICH, im Unterschied zu einem KinderICH, das natürlicherweise immer auch abhängig ist von der Beziehung zu Mutter, Vater, …

Was weiß ich denn dann überhaupt in meiner Position als Begleitung?

Ich weiß, dass Menschen im gesunden ErwachsenenICH grundsätzlich die Möglichkeit haben, ihre Beziehungen gestalten: ICH kann immer wieder prüfen, ob mir meine Beziehungen und Kontakte zu mir und zu anderen Menschen gut tun. Dementsprechend kann ICH immer wieder korrigierend eingreifen. ICH kann Kontakte intensivieren, sie einschränken, sie abbrechen und sie wieder aufnehmen. Je nach dem.

Und so gibt es für mich keine allgemeingültige Position.  (Mit einer gewichtigen Ausnahme: Menschen, die sich in ihren Beziehungen zu sich und zu anderen akut selbst- und/oder fremdgefährden.)

Und so erlebe ich in meiner Praxis immer wieder ein Ringen, ein Ausbalancieren, um gesunde Beziehungen und Kontakte:

Manchmal erwies sich ein KontaktAbbruch als der entscheidende Schritt in Richtung gesundem ErwachsenenICH, manchmal ist es eine Einschränkung eines Kontaktes, und manchmal sogar die Intensivierung einer Beziehung:

So wie bei Hans, der mir mitteilte, seinen in der Kindheit gewalttätigen Vater jetzt in dessen letzten Monaten intensiv begleiten zu wollen, obwohl er immer wieder verbal extrem  ausfällig wird.  Hans kämpfte jahrelang mit sich, sich von ihm zu abzugrenzen und sich vor der psychischen Gewalt seines Vaters zu schützen. Vor einigen Jahren schaffte Hans es tatsächlich und es ging ihm sehr, sehr gut, ohne Kontakt zu seinem Vater. Und nun eine derartige Kehrtwende.

Ich war völlig überrascht und irritiert, sodass ich zu ihm sagte: „Da bin ich tatsächlich überrascht. Damit hätte ich nicht gerechnet.“

„Du bist dagegen, oder?“

„Nein, ich bin irritiert. Mir ist nicht klar, was Du damit bezweckst, aber etwas wirst Du bezwecken.“

„Stimmt, ich weiß nicht, warum ich das tun werde. Ich weiß nur, dass es wichtig ist für mich.“

Nach der Vater gestorben war, kam Hans wieder zu einem Einzeltermin:

„Ich weiß jetzt, warum ich das tun musste. Es war die Hölle für mich. Es war furchtbar. Aber es war tatsächlich wichtig: Stell Dir vor, einmal als ich ihn im Krankenhaus besuchte, beschimpfte er mich derart, dass die Krankenschwester schon einschritt und ihn mäßigen wollte. Er schrie sie nur an, was einmal gesagt werden muss, muss gesagt werden: ‚Ich hätt‘ Dich damals derschlagen sollen.‘ Und dann stand ich da und wusste plötzlich ganz sicher, es stimmt, was ich immer ahnte und was in den Aufstellungen immer rauskam. Anscheinend musste ich das einmal von ihm hören.“

Ja, offenbar. „Und dann?“

„Dann habe ich zur entsetzten Krankenschwester gesagt, dass es so war und so ist. Und dann hab‘ ich ihn angeschaut, seinen Hass im Gesicht gesehen. ich hab mir nur gedacht, nein, der meint nicht mich, und bin gegangen.“

„Und dann?“

„Dann? Bin ich nach Hause gefahren und habe geweint. Um mich geweint. Und um die Schrecken einer solchen Vater-Sohn-Beziehung.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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