ICH und objektive und subjektive Wahrheiten

Vor ein paar Wochen bekam ich völlig überraschend Post von der Kriminalpolizei. Eine Vorladung. Ich sollte eine  Zeugenaussage  bezüglich „sexuellen Missbrauchs“ machen.

Die Grundlage für diese Zeugenbefragung waren Gespräche, die ich vor 10-15 Jahren noch größtenteils während meines Studiums führte. Ich hatte große Mühe, mich überhaupt daran zu erinnern.

Ich war irritiert: Was soll ich machen? Eine Zeugenaussage? Das kann und will ich überhaupt nicht machen. Doch (leider) stellte sich die Frage gar nicht:

„Ich muss Sie darüber aufklären, dass Sie keine Angaben zur Sache machen müssen, wenn Sie mit dem Betroffenen verwandt oder verschwägert sind. Weiterhin können Sie die Antwort auf solche Fragen verweigern, deren Beantwortung Sie selbst oder einen nahen Angehörigen in die Gefahr bringen würde, wegen einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit verfolgt zu werden.“

Danach wurde ich zwar freundlich, aber bestimmt belehrt:

„Wenn Sie Angaben zur Sache machen können, sind Sie gehalten die Wahrheit zu sagen,
andernfalls könnten Sie sich strafbar machen. Haben Sie die Belehrung verstanden?“
Ja, das hatte ich. Allerdings. Aber was ist Wahrheit?
Im Duden steht, dass die Wahrheit „das Wahr sein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit“ sei und zudem sei sie ein „wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand“.
„Können Sie Angaben zur Sache machen?“
Nein, das konnte ich nicht wirklich:  Ich konnte nicht sagen, wann, was, wie oft und durch wen passiert ist. Ich konnte nur sagen, dass wir damals über „sexuellen Missbrauch“ gesprochen hätten; und ich konnte sagen, dass ich mir durchaus vorstellen könnte, dass etwas passiert ist. Aber was?
Der Kripobeamte meinte, es ginge hier nicht um subjektive Annahmen und Wahrheiten, sondern um gesicherte Angaben. Was wurde mir gesagt bezüglich: Wann ist der sexuelle Missbrauch passiert? Was genau wurde gemacht? Wie oft ist es geschehen? Wurde der Täter benannt?
Meine Vernehmung endete damit, dass ich nichts strafrechtlich Relevantes aussagen konnte.
Das, was ich zu diesem Fall (und zu vielen anderen Fällen) zu sagen habe, ist im Sinne der Strafverfolgung nicht relevant.
Das gibt mir sehr zu denken:
Denn  in meiner täglichen Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sichtlich an ihren Lebenserfahrungen leiden, sich aber nicht daran erinnern können. Sie suchen nach der Wahrheit ihrer Kindheit. Und sie finden sie durchaus im Laufe ihres therapeutischen Prozesses: Es ist die emotionale, körperliche und sexuelle Gewalt durch (nahe und geliebte) Menschen, die sie zutiefst verletzte und an deren Langzeitfolgen sie leiden. So wie Emil.
Emil ist ein 47 jähriger Mann, der sein Leben lang auf der Suche nach dem ist, was ihm in der Kindheit widerfahren ist. Mit 18 Jahren ist er wegen einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme gekommen. Das letzte woran er sich noch erinnern konnte, ist, dass plötzlich in ihm ein Film ablief, in dem er seinen Vater sah und sich als Kind. Er weiß nicht mehr, was er da vor seinen inneren Augen gesehen hatte, nur dass er gleichermaßen erleichtert wie erschrocken war. Stunden später fand er sich in der Notaufnahme wieder. Emil ist sich sicher, dass er damals tatsächlich etwas wieder erlebte, was er tatsächlich als Kind erlebte. Seitdem versucht er, sich mit den verschiedensten therapeutischen Methoden wieder zu erinnern. Und so ist er irgendwann auch auf mich und meine Aufstellungsarbeit gestoßen:
Immer wieder lautete sein Anliegen: „Was ist mir mit meinem Vater passiert?“
In den einzelnen Aufstellungen zeigten sich die verschiedensten Gewaltszenarien: Demütigung und Verachtung, verbale Gewalt, körperliche Gewalt und schließlich auch eine brutale Vergewaltigung:
Emils Vater kam sturzbetrunken von einer Kneipentour zurück, legte sich zu Emil ins Bett und vergewaltigte ihn irgendwann in der Nacht. Emils Mutter war bei einer Freundin über Nacht. Das machte sie immer wieder, wenn er zum Saufen ging.
Nach dieser Kissenaufstellung meinte Emil zu mir: „Das ist das, wonach ich gesucht habe. Das ist mir passiert. Jetzt weiß ich wieder.“
Einige Tage danach erzählte mir Emil, dass er sich danach wieder hemmungslos betrunken hatte. So wie damals.
Eine Vergewaltigung ist im psychologischen Sinne eine sexuelle Traumatisierung und im juristischen Sinne ein Verbrechen. Ein Sexualdelikt, das bei Bekanntwerden verfolgt und geahndet wird, so wie andere Straftaten auch. In Deutschland ist körperliche Gewalt immer eine Straftat, sexuelle Gewalt fast immer, und emotionale Gewalt zumindest in schweren Fällen. Das bedeutet: Dem Täter oder der Täterin –  manchen Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, … meiner Klienten – droht bei polizeilichen Ermittlungen eine Strafe.
Und ich kann nichts strafrechtlich Relevantes dazu aussagen? Nein, das kann ich nicht.
Zu den Studenten und Studentinnen meines Seminars über sexuelle Gewalt meinte ich kürzlich, dass ich gerade deswegen nicht im Bereich der Strafverfolgung tätig sein wollte.
Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist im Strafgesetzbuch den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ untergeordnet. Es sind überwiegend Verbrechen, die im Stillen und Verborgenen stattfinden. Das hat weitreichende Konsequenzen:
  • Es gibt keine Zeugen: Denn jeder, der Zeuge wird, der also zweifelsfrei gesehen hat, wie ein Kind sexuell traumatisiert wird, ist immer auch ein Mittäter oder eine Mittäterin, müsste sich also selbst belasten. (Es sei denn, er oder sie schreitet ein und hilft dem Kind bzw. verständigt die Polizei.)
  • Es gibt häufig keine Beweise: Denn körperliche Verletzungen und Spermaspuren müssten sofort nach der Tat gesichert werden, so es sie überhaupt gegeben hat. Aber welches Kind wird unmittelbar nach der Tat zum Arzt gebracht? Zudem: Eine Vielzahl sexueller Gewalttaten hinterlässt keine körperlichen Verletzungen und auch keine verwertbaren Spuren.
Und so steht in der Regel in Gerichtsprozessen Aussage gegen Aussage, wenn nicht der Angeklagte geständig ist. Verkürzt ausgedrückt: Es obliegt dem Richter oder der Richterin, wessen Aussage glaubwürdiger bewertet wird. Hinzu kommt noch der Grundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten), wonach im Strafprozess ein Angeklagter nicht verurteilt werden darf, wenn dem Gericht Zweifel an seiner Schuld verbleiben.
Aber wie glaubwürdig erscheint ein Opfer, das sich nicht mehr an den genauen Tathergang erinnert? Das keine anderen Beweismittel vorbringen kann als seine Erinnerung? Das keine genauen Angaben zu Datum, Uhrzeit oder Ort machen kann? Das angibt, sich erst im Rahmen einer Therapie wieder an die sexuelle Gewalt erinnern zu haben? Das unter Traumafolgestörungen, wie Depression, Sucht, Psychosen leidet? Das vielleicht Medikamente nimmt?
Was ist, wenn sich ein Opfer irrt? Wenn es sich nicht um sexuelle Gewalt handelt, sondern um körperliche Gewalt? Wenn der Täter nicht der Vater ist, sondern der Großvater? Wenn die sexuelle Gewalt zwar passiert ist, aber nicht dem Opfer, sondern seiner Mutter? Wenn also die Erinnerung nicht wahr ist?
Aus diesen und noch anderen Gründen birgt der juristische Prozess der Wahrheitssuche für alle Beteiligten mitunter unheilvolle Konsequenzen.
Eine der Studentinnen fragte mich: „Und nun? Was folgt daraus? Was soll man nun machen als Opfer? Sollen Täter und Täterinnen nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden? Das geht doch auch nicht!“
Ich weiß es nicht. Und nun?
Emil konfrontierte seine Eltern einige Monate nach der Aufstellung mit seiner wiedergefundenen Wahrheit: Seine Mutter glaubte ihm nicht. Sie lachte ihn aus und meinte, er wäre wohl verrückt geworden. Das wäre nun das Ergebnis seiner jahrelangen Therapien. Sein Vater schaute ihn hasserfüllt an und sagte nur, er sollte besser mit dem Saufen aufhören und seinen Mund halten.
Ich fragte Emil, was diese Reaktionen seiner Eltern mit ihm gemacht hätten.
„Ich bin zutiefst enttäuscht, vor allem von meiner Mutter. Sie hat mich wieder im Stich gelassen und verraten. Und mein Vater, was soll ich dazu noch sagen? Da erübrigen sich alle Worte. Ich habe für mich meine Wahrheit gefunden. Darüber bin ich sehr, sehr froh. So hart es ist, es ist meine Geschichte. Ich kann jetzt mit meinem Leben beginnen.“

Darum geht es mir, für mich selbst und für die Menschen, die ich in ihrem Prozess begleite: Um das (Wieder)erinnern der eigenen Geschichte. Um das (Wieder)finden der eigenen Wahrheit. Um das eigene Leben.

Es geht mir nicht darum, Anklage zu erheben und Gerechtigkeit zu suchen, indem Täter oder Täterinnen zur Verantwortung gezogen werden und bestraft werden. Denn dadurch verknüpfe ich erneut mein Wohl und Weh mit dem Täter oder der Täterin. Ich bleibe gebunden an mein Gewalttrauma.

Nein, es geht mir darum, in mein eigenes Leben zu finden. So wie Emil. In ein Leben jenseits von OpferHaltungen und TäterHaltungen.

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