ICH und das Wegschauen und Hinschauen

 

Es war ein Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung vom 9.Februar 2018 über (sexuelle) Gewalt und Machtmissbrauch im österreichischen Skiverband, der mich einmal mehr über das Wegschauen nachdenken ließ. Das Wegschauen so vieler beteiligter Menschen, die wussten oder zumindest ahnten, die hätten wissen können, die hätten nachfragen können, … . Was wäre, wenn nicht weggeschaut worden wäre? Wenn nicht weggeschaut wird?

Und da fällt mir Tom ein.

Tom ist ein 48 jähriger Mann, der seit einem Jahr einmal im Monat zu einer Einzelstunde kommt. Tom lernte mich auf einem Aufstellungsseminar kennen. Einige Jahre später rief er mich an. Gleich zu Beginn fragte er mich:

„Kann ich zu Dir zu Einzelstunde kommen und muss ich da unbedingt Aufstellungen mit und ohne Anliegensatz machen?“

Ich war sehr verwundert. Denn Tom ist immer wieder bei Aufstellungsseminaren dabei. Ich habe ihn dabei als einen sehr einfühlsamen Stellvertreter und einen durchaus begeisterten Verfechter der ‚Identitätsorientierten Psychotraumatheorie‘ von Franz Ruppert erlebt.

„Nein, natürlich nicht. Wir können auch Gespräche auf der Basis der Psychotraumatheorie führen. Je nachdem, wie Du die Einzelstunde für Dich nützen möchtest.“

Und so vereinbarten wir einen ersten Termin.

Ich frage nach Toms bisherigen Leben und Tom antwortet mir unaufgeregt. Ich fühle seinen Antworten nach und frage nach, ob ich ihn richtig verstanden habe. Tom antwortet immer genauer auf mein Nachfragen. Ich erschrecke über seine Antworten, worüber nun Tom seinerseits erschrickt:

„Weißt Du, für mich ist das normal. So war das halt. So ist das halt. Ich habe dem bis heute keinen besonderen Wert beigemessen. Und sonst auch niemand. Mit mir war ja immer soweit alles ganz normal. Was sollte ich schon haben?“

„Nein, das ist nicht normal.“

Und so zeigt sich mit jedem Gespräch mehr, in welchem Schrecken Tom aufwachsen musste, welchem Terror er hilflos ausgeliefert war: Tom wurde regelmäßig die ganze Kindheit hindurch schwer misshandelt. Sein Körper war immer wieder deutlich sichtbar gezeichnet von der brutalen Gewalt, die er erlitten hatte. Es war seine Mutter, die ihn mit ihren Fäusten und Füßen, mit allem, was sie in ihre Hände bekam, niederschlug und auf ihn einprügelte. Sein Vater schaute weg.

Tom ist in einem kleinen Dorf in der Nähe einer Kleinstadt aufgewachsen – in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem man von einander weiß. Und so wusste das Dorf, dass Toms Mutter jähzornig und unberechenbar ist und immer wieder ausfällig wird und ausrastet, wenn man nicht ihrer Meinung ist. Aber das Dorf hat seinen Umgang mit ihr gefunden: Es geht ihr aus dem Weg und legt sich mit ihr nicht an. Es vermeidet jedwede Auseinandersetzung mit ihr. Von Toms Vater wusste das Dorf, dass der ein ganz armer Mann ist, dass er einem wegen dieser Frau leidtun muss, oder dass er gar kein richtiger Mann ist, weil er seine Frau nicht im Griff hat.

Und auch von Tom und seinem geschundenen Körper wusste das Dorf auch:

In einem der Gespräche frage ich Tom, wie das möglich ist, eine derartige Gewalt zu erleben, ohne dass das jemandem aufgefallen ist, ohne dass jemand etwas unternommen hätte.

„Da wurde ja nichts vertuscht. Nicht von meiner Mutter. Es ist ja gar nicht heimlich passiert.“ Tom schüttelt seinen Kopf und schließt seine Augen: „Einmal, daran erinnere ich mich gerade: Ich sehe mich gerade vor mir, da war ich wohl sieben Jahre alt, da hat sie mich mitten auf der Straße windelweich geprügelt. Sie hat ganz furchtbar geschrien und ich auch. Mitten in aller Öffentlichkeit.“

„Wie? Deine Mutter hat Dich in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen?“

„Ja, das kam öfter vor.“

„Und was ist dann passiert?“

„Nichts. Was soll passiert sein? Die, das mitbekommen haben, sind schnell in ihre Häuser verschwunden und haben die Vorhänge zugezogen.“

„Und Du? Was ist mit dem siebenjährigen Tom und seinem verletzten Körper passiert?“

„Ja, nichts. Der ist halt irgendwann wieder aufgestanden und nach Hause gegangen. Zuhause sagte dann mein Vater zu mir, ich solle die Mutter nicht immer so reizen. Das war’s dann. Bis zum nächsten mal.“

„Und was war am nächsten Morgen. Wie bist Du denn in die Schule gekommen, so verletzt wie Du warst?“

„Das ging schon. Nur, wenn’s zu schlimm war, dann musste ich zu Hause bleiben, auch wenn ich gar nicht zu Hause bleiben wollte.“

Nach einem längeren Moment des Schweigens fragt mich Tom ernsthaft: „Was hätte denn sein können? Was hätte denn passieren können?“

„Es hätte jemand die Polizei und den Krankenwagen rufen müssen. Es hätte jemand einschreiten müssen und Deine Mutter bändigen müssen. Es hätte jemand sich um den verletzten kleinen Jungen kümmern müssen. Es hätte jemand das Jugendamt verständigen müssen. Es hätte jemand Dir erklären müssen, dass das schlimm ist, was Deine Mutter Dir immer wieder antut… . Es hätte viel passieren müssen und nichts von dem ist offenbar passiert.“

Tom schaut mich lange an und fragt mich dann erstaunt: „Wer hätte das denn tun sollen?“

„Dein Vater, deine Lehrerin, die Nachbarn, der Kinderarzt, der Pfarrer, die Dorfleute, die Eltern Deiner Freunde, Deine Großeltern, … . Es hätte jeder tun sollen, der davon wusste.“

Tom beginnt ganz leise und still zu weinen. „Nein, es ist nichts passiert. Nichts davon.“ Und nach längeren Schweigen schaut er mich erschrocken an: „Ich habe ja auch nichts getan. Einmal wurden wir in der Schule untersucht. Und da hat mich der Schularzt dreimal gefragt, woher die vielen blauen Flecken kommen. Ich habe immer gesagt, ich wäre die Treppe hinuntergefallen. Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte traurig zu mir, wenn ich ihm nicht die Wahrheit sagen würde, könnte er mir nicht helfen. Ich habe geschwiegen. Die Lehrerin und die Klasse auch.“

Ein Wegschauen, wie es Tom in seiner Kindheit erlebte, hat weitreichende Konsequenzen für die Opfer der Gewalt, aber auch für die Täter der Gewalt. Denn dann hört die Gewalt nicht auf. Ein Gewaltausbruch folgt dem nächsten Gewaltausbruch. Täter werden dann immer wieder zu Tätern und Opfer werden immer wieder zu Opfern gemacht. Die Gewalt bleibt.

Aber nicht nur das.

Toms Lebensgeschichte lässt mich noch weiter über das Wegschauen nachdenken.

Für mich scheint das Wegschauen ein (un)bewusstes Verneinen dessen zu sein, was Menschen gerade gesehen haben: Ich sehe etwas und schaue weg, schaue an etwas vorbei, schaue über etwas hinweg. Warum mache ich das? Vielleicht deswegen, weil ich mich dann nicht beziehen muss, auf das, was ich gesehen habe. Ich muss dann nicht reagieren, auf das, was ich gesehen habe. Ich sehe und habe doch nicht gesehen. Ich muss nicht einschreiten, helfen, schützen… Das, was ich gesehen habe, hat keine Konsequenz.

Tom wird auf offener Straße unter den Augen einiger Dorfbewohner von seiner Mutter zusammengeschlagen und es erfolgt – nichts. Er steht auf und geht nach Hause. Trotz aller vor den Ohren der ganzen Klasse und der Lehrerin geäußerten Zweifel des Schularztes ob der massiven Blutergüsse erfolgt – nichts. Tom geht Tag für Tag zur Schule, als wäre nichts passiert.

Und so manifestiert sich langsam: Ist denn überhaupt etwas passiert? War da was Schlimmes? Nein, nein. Es war alles ganz normal. Es war nichts.

Aber was ist dann, wenn das nichts oder nicht war, was so oft passiert ist?

Nach einigen Gesprächsterminen möchte Tom mit meinen Kissenbezügen arbeiten: Dabei nähert sich Tom zum ersten Mal seinen massiven körperlichen und emotionalen Schmerzen direkt an. (Zuvor haben wir nur über die erlittene Gewalt gesprochen, wie sie sich für ihn angefühlt haben mag und wie sie sein Leben bis heute beeinflusst.)

Tom kommt in Kontakt mit seinen unaushaltbaren körperlichen Schmerzen, mit seinen unerträglichen Gefühlen von Todesangst und Scham. Und er ahnt zum ersten mal in sich eine riesige Wut auf seine Eltern.

Ich bin sehr berührt und überrascht, wie achtsam Tom mit sich und seiner erlittenen Gewalt in Kontakt gekommen ist. Tom ist sichtlich zufrieden über seine Selbstbegegnung und ich auch. Ich freue mich sehr für ihn.

Doch plötzlich erkenne ich einen Wingsuit in der Art und Weise, wie Tom die Kissenbezüge angeordnet hat. (Das ist ein spezieller Anzug für Fallschirmspringer und Basejumper. Dabei sind die Flächen zwischen den Armen und Beinen wie Flügel.)

DSC_3304

Wingsuit Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Bild von http://www.tonywingsuits.com)

Und ich verstehe endlich:

Einige Termine zuvor erzählte Tom mir von seinem Absturz. Er ist beim Basejumping abgestürzt. Eine Windböe hat ihn gegen einen Felsen gedrückt und dann konnte er offenbar den Fallschirm nicht mehr richtig öffnen. Berglatschen bremsten seinen Aufprall. Wie durch ein Wunder überlebte Tom – allerdings sehr schwer verletzt: Mit einigen inneren Verletzungen und unzähligen Knochenbrüchen. Er wurde mit einem Hubschrauber in ein Unfallkrankenhaus geflogen. Die Polizei kam und ermittelte den Unfallhergang. Die Presse berichtete.

Ich frage Tom, ob er jemals wieder gesprungen ist.

„Nein, das hörte plötzlich auf. Es war gut. Ich war nicht traurig darüber und habe es auch nicht vermisst. Ich habe dann ganz andere Sachen gemacht. Nicht, weil ich mich gefürchtet hab oder weil ich vernünftig geworden wäre. Nein. Es war einfach vorbei und gut so.“

Toms Verletzungen sind sichtbar geworden – das, was Tom immer in sich gefühlt hatte, ist im Außen sichtbar geworden, hat seine Entsprechung im Außen gefunden. Und nicht nur das, sie werden gesehen – von der Familie, von den Ärzten, von der Polizei, sogar von den Dorfbewohnern.

„Viele Jahre später fragte mich einer auf einer beruflichen Fortbildung, von woher ich eigentlich komme. Ihm käme mein Dialekt so bekannt vor. Als ich ihm dem Namen des Dorfes sagte, meinte er, er käme aus dem Nachbardorf. Stell Dir vor, dann fragte er mich, ob das nicht der Ort sei, wo da mal vor vielen Jahren einer beim Basejumpen abgestürzt ist und wie durch ein Wunder überlebt hat. Stell Dir das mal vor, das fragt der mich!“

„Ja, daran kann man sich erinnern. Da schaute niemand weg. Darüber kann man sprechen, wegen dem kann man Dich ansprechen. Aber über die Verletzungen damals, über die körperliche Gewalt Deiner Mutter, darüber spricht keiner bis heute nicht. Sie schauen weg bis heute.“

„Ja, das tun sie tatsächlich. Alle – meine Familie und auch die, die ich von früher her noch kenne. Da hat sich nichts geändert. Nur über meinen Absturz – da reden sie bis heute.“ Tom streichelt sanft über sein Ich-Kissenbezug:

„Aber ich schaue nicht mehr weg: Ich weiß jetzt, dass nichts normal war. Ich weiß, was mir passiert ist und wie sehr ich darunter gelitten habe.“

 

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