ICH und die Ohnmacht und Hilflosigkeit

Für einen Moment wusste ich nicht mehr, was ich tun kann, was ich tun soll:

Ich saß Zoe gegenüber, mit der ich schon längere Zeit arbeite. Zuweilen nimmt auch ihre Mutter an meinen Seminaren mit einem eigenen Anliegen teil. Daher ging ich davon aus, mich recht gut in der Traumalandschaft dieser Familie auszukennen.

Und doch bin ich an eine Grenze gekommen.

Zoe möchte in dieser Arbeit herausfinden, was da los ist in ihrer jetzigen Familie, warum ihre drei Kinder außer Rand und Band sind. Sie ist sichtlich in großer Not und Verzweiflung. Gleich zu Beginn überfällt Zoe eine massive Panikattacke. Sie kann nicht mehr sprechen, bekommt keine Luft und droht zu ersticken. Nachdem diese wieder vorüberging, nimmt sie einen zweiten Anlauf:

„Das Thema ist mir wirklich wichtig. Ich will diese Aufstellung machen. So kann und will ich nicht mehr weitermachen.“ (Ja, so kann es tatsächlich nicht mehr weitergehen. Die Situation zuhause droht zu eskalieren.)

Und wieder fällt sie in ihre Panikattacke: Es ist ihr nicht möglich, trotz allen Willens und Bemühens eine Aufstellung zu machen. Und mir fällt auch nichts mehr ein.

„Was soll ich denn noch tun?! Ich tu‘ und tu‘ und schau‘ hin. Ich bemühe mich wirklich. Ich will wirklich etwas verändern! Und ändern tut sich nichts! Nichts!“

Das stimmt. Ich konnte ihr nicht wirklich widersprechen.

Ich kann mich noch gut an Zoes erstes Anliegen erinnern: Zoe will ein glückliches Leben haben. Besser gesagt, sie will fühlen, wie gut es ihr in der Gegenwart eigentlich geht: Sie ist beruflich erfolgreich, hat einen Mann, den sie liebt, und drei Kinder, ein Haus. Aber es geht ihr trotzdem nicht gut. Sie leidet unter Angst und ist einfach nicht glücklich. Ihren Lebensalltag erlebt sie immer wieder als überaus anstrengend und chaotisch, überfordernd.

Im Laufe einiger Arbeiten zu ihrem großen Bedürfnis „mit ihrer jetzigen Familie glücklich sein“ zeigte sich ein Bild ihrer Kindheit, das sich mit ihrem bewussten Wissen deckte und auch von ihrer Mutter so bestätigt wurde:

Zoes Vater verbrachte die meiste Zeit zuhause in seiner eigenen Welt, zurückgezogen in seinem Zimmer. Tauchte er im normalen Familienleben auf, so war er immer wieder emotional grausam und körperlich gewalttätig. Ihre Mutter Eva konnte weder sich selbst noch ihre Kinder ausreichend schützen. Immer wieder wurde sie selbst und die Kinder Opfer seiner Gewaltausbrüche. Die Situation eskalierte als sich Eva ihrem Mann trennte: Dieser drang völlig außer sich in ihre Wohnung ein, bedrohte Frau und Kinder mit einem Messer und zerschlug die Wohnungseinrichtung. Eva und ihre halbwüchsigen Kindern konnten gerade noch fliehen und die Polizei rufen.

Vor eineinhalb Jahren kam Zoe mit dem Anliegen, sich die Beziehung zu ihrem Vater anschauen zu wollen. Ich war überrascht: Es war das erste Mal, dass sich Zoe mit ihm direkt auseinandersetzen wollte. Als sie eine Stellvertreterin (!) für ihren Vater auswählte, wird sie plötzlich von einer massiven Panikattacke überwältigt: Sie kann nicht mehr sprechen, bekommt keine Luft mehr und droht sichtlich zu ersticken. Derart in Not geraten, konnte Zoe keine Aufstellung machen.

In den folgenden Anliegen näherte sich Zoe beharrlich der Gewalt und Aggression ihres Vaters an: Immer wieder zeichneten die jeweiligen Stellvertreter eine Kindheit voller überwältigender Gefühle – Angst, Todesangst, Scham, Wut. Es zeigten sich immer wieder lebensbedrohliche Situationen:  Zoe und ihre kleine Schwester mussten das immer wieder mitansehen, wie ihre Mutter fast umgebracht wurde, ohne dass sie ihr wirklich helfen konnten. Zudem deuteten sich auch eigene körperliche Gewalterfahrungen über den bewusst erinnerten emotionalen Sadismus hinaus.

Doch so voller Wut und Panik und Todesangst die Stellvertreter auch immer sind, so wenig fühlt und spürt Zoe davon. Es scheint, dass sie trotz aller Aufstellungen keinen wirklichen emotionalen oder kognitiven Zugang zu ihrer lebensbedrohlichen Kindheit und Jugend hat.

Das überrascht mich immer wieder: Gibt es doch tatsächliche Fakten (jenseits von eines erarbeiteten Therapiewissens), die belegen, wie gewalttätig ihr Vater der Familie immer wieder gegenüber war und wie ohnmächtig und handlungsunfähig auch ihre Mutter ihrem Mann gegenüber gewesen war. Und dennoch scheint es in Zoe bis jetzt kein ständig verfügbares Wissen darüber zu geben, dass ihre Mutter, ihre jüngere Schwester und sie selber immer wieder in akuter Lebensgefahr waren.

Was ist da nur los?

In einer Einzelsitzung mit Zoes Mutter fragte ich, warum sie mit ihren Kindern nicht viel eher gegangen war:

„Ich wollte unbedingt eine Familie, eine glückliche Familie. Eine ganz andere Familie, als ich sie in meiner Kindheit erlebt hatte. Ich wollte es schaffen, unbedingt, für die Kinder, für mich, eine glückliche Familie zu haben. An diesem Wunsch habe ich festgehalten bis es nicht mehr ging.“

Es war die tiefe Traurigkeit in ihrer Antwort, die über die Einzelsitzung hinaus in mir zurückblieb, die mir nahe ging. Und die mich Wochen später erkennen ließ: Die Beziehung zu ihrem Mann mit deren Kinder, ihre Familie muss glücklich sein, muss bestehen bleiben. Sie muss es schaffen, mit einem gewalttätigen Mann sich und ihre Kinder am Leben zu halten und eine glückliche Familie zu sein. Sie muss. Andernfalls drohte sie in ihrem alten Kinderzimmer wieder aufzuwachen: Trostlos, lieblos, freudlos, hoffnungslos.

Erst vor kurzem fragte ich Eva, wie viele Aufstellungen sie schon über ihre Ehe gemacht habe:

„Keine -, nein, stimmt nicht. Eine Aufstellung habe ich damals bei Dir gemacht.“

(Ja, da kann ich mich noch sehr gut erinnern, weil der Stellvertreter eben dieses Mannes aufgrund dessen fürchterlicher Energie noch tagelang verstört war…)

„Aber dann habe ich an diesem Thema nicht weitergemacht. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil es ja immer um die Kindheit ging, die Geburt, dann das Vorgeburtliche und all das.“

Ich bin verwundert: Warum beschäftigt sich Eva derart intensiv mit den Traumaerfahrungen in der Kindheit, an die sie sich nicht wirklich erinnern kann? Und warum beschäftigt sie sich so wenig mit einem derart massiven und doch halbwegs bewussten Trauma? Und ich bin verwundert über mich selbst, dass ich mich darüber nicht nachhaltiger gewundert habe.

Erst einige Tage nachdem Zoe sich für mich völlig überraschend vor der Aufstellung mit ihren Panikattacken zu schützen schien, obwohl sie doch so viel Hoffnung in eben diese setzte, beginne ich eine Ahnung zu entwickeln, was da los ist.

Es ist schlimm für Eva, dass ihre Beziehung zum Vater der Kinder nicht „glücklich“ war und auch nicht mehr „glücklich“ wird; und zwar so schlimm, dass sie sich bis heute eher mit ihrer trostlosen und lieblosen Kindheit auseinandersetzt, als damit. Vielleicht um eine Antwort darauf zu finden, warum sie nicht geklappt hat? Aber kann eine Beziehung zu einem derartig gewalttätigen Mann überhaupt glücken?

Auch ihre Tochter Zoe will eine „glückliche“ Beziehung. Und auch sie arbeitet ihre zweifelsohne traumatisierende Kindheit – die „nicht glückliche“ Beziehung ihrer Eltern und deren Scheitern – auf, um endlich selber eine glückliche Familie zu haben.

Und doch ändert sich an ihrer Gegenwart nichts.

Die Aufarbeitung der eigenen Kindheitserfahrungen liegt, wenn ich erwachsen bin, zum Glück in meiner Verantwortung allein. Da bin ich handlungsfähig. So wie es Zoe Schritt für Schritt gelingt, sich damit auseinanderzusetzen, auch wenn es schwer ist, auch wenn sie dabei Traumalandschaften betreten muss, die ihre Mutter bisher weitestgehend vermieden hat zu betreten. Nicht, weil sie nicht hinschauen will, sondern weil der Schrecken für sie bisher nicht aushaltbar zu sein scheint.

Will ich jedoch eine „glückliche“, eine glückende Beziehung leben, dann liegt das niemals alleine in meiner Verantwortung. Ich bin angewiesen auf das Dazu tun meines Gegenübers.

Und manchmal bin ich dann wie ausgeliefert. Ohnmächtig und hilflos. Und das ist schwer aushaltbar. Für Zoes Anliegen braucht es auch ihren Partner. Doch das liegt nicht in Zoes Hand. Sie ist diesbezüglich ohnmächtig und hilflos – und gerät in Panik.

20180129_180014.jpg

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s