ICH und „die Summe meiner Lebenserfahrungen“

‚Identität‘ ist ein Schlüsselbegriff für mich. Es ist die Frage nach dem „wer bin ich“, der ich immer wieder kognitiv nachsinne, emotional nachfühle und körperlich nachgehe.

Dabei ist es weniger der Begriff an sich, der mich beschäftigt. Diesem begegne ich immer wieder, in den Lehrplänen der bayerischen Schulen, in verschiedensten Konzepten sozialer Einrichtungen, in den Sozialgesetzbüchern, wie beispielsweise im Kinder und Jugendhilfegesetz, in den Homepages von Therapeuten, Coaches, Heilpraktikern, …

Allen geht es offenkundig um die Förderung einer Indentitätsentwicklung.

Ich bin befasst mit der konkreten Bedeutung von ‚Identität‘. Denn es ist kein sich selbst erklärender Begriff.

(Manchmal fordere ich Studierende oder Teilnehmer von Seminaren auf, ins analoge Zeitalter zurückzukehren und einen kurzen Lexikonartikel über ‚Identität‘ zu schreiben… Doch eine konkrete Benennung und Bezeichnung mit Wörtern erweist sich zuweilen als unerwartet schwer.)

Wir wissen zwar ungefähr, was mit ‚Identität‘ gemeint ist und was wir mit ‚Identität‘ meinen, aber was genau?

Demzufolge bedarf ‚Identität‘ einer konkreten und klaren Definition. Ich finde sie immer wieder in Franz Rupperts scheinbar einfachen und prägnanten Wörtern:

Identität ist die Summe all unserer Lebenserfahrungen.

Demnach bezieht sich ‚Identität‘ auf das, was in der Vergangenheit gewesen ist, was in der Gegenwart gerade ist, und was in der Zukunft noch sein wird. Das „wer bin ich“ beinhaltet alle drei Zeitebenen.

Ich bin also zugleich das, was ich nicht mehr verändern kann, andererseits aber gerade gestalte und darüber hinaus zukünftig will und plane und wünsche.

‚Identität‘ ist demzufolge ein Prozess, dem eine Dynamik innewohnt, die nie zu Ende ist.

Was bedeutet das, wenn Menschen nicht wissen, was sie bisher in ihrem Leben erfahren haben? Besser gesagt: erlitten haben?

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Maria ist eine jetzt 49 jährige Frau, mit der ich schon seit 10 Jahren arbeite. Ihr Anliegen, mit dem sie damals zu mir kam, war „Wer bin ich wirklich? Was will ich wirklich in meinem Leben?“ Will ich wirklich mein Geschäft führen?“ und „Soll ich bei Josef, meinem Mann, bleiben oder nicht?“ Maria wollte für sich mithilfe von Aufstellungen eine Antwort finden, um endlich sicher sein zu können, dass das, was sie beruflich und privat tut, ihr eigener Wille ist.

Ausgehend von diesen zentralen Fragestellungen setzte sich ein für mich und für Maria ungeahnter Prozess in Gang, der bis heute andauert.

„Gut, dass ich das damals nicht ganz überblickt habe, was da auf mich zukommt. Ich weiß nicht, ob ich mich auf diesen Prozess eingelassen hätte.“

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Die ersten Jahre waren sehr intensiv und extrem: Maria stellte in diesen 5-6 Jahren sehr oft auf. Es waren Aufstellungen in Gruppen und im Einzelsetting. Viele der Aufstellungen konnte ich als Beobachterin oder Stellvertreterin oder als Leiterin miterleben. In jeder einzelnen dieser Arbeiten zeigten sich Schrecken der Vergangenheit, Horrorszenarien, emotionale, körperliche und sexuelle Gewalt in all ihrer Grausamkeit. Allerdings wechselten mit jeder Aufstellung und jedem Anliegen die Schauplätze und die entsprechenden Gewaltopfer und Gewalttäter. Manchmal zeigte sich das, was Maria selber erlebt hatte, manchmal das, was eine Uroma, ein Onkel, eine Großmutter, die Mutter, eine Schwester, der Vater, der Großonkel oder Marias Kind erlitten oder getan hatte – und alles, was sich da zeigte und sich durchaus auch mehr oder weniger verifizieren ließ, schien unmittelbaren Einfluss auf Maria zu nehmen.

Ich hatte längst schon den Überblick verloren – alles schien immer wieder anders zu sein, schien sich zu widersprechen und doch wieder zu bestätigen. Selbst meine eigenen Wahrnehmungen als Stellvertreterin in ihren Arbeiten waren in sich nicht stimmig. Der einzige rote Faden, den ich finden und halten konnte, war eine immer wiederkehrende Gewalt und ein allgegenwärtiger Wahnsinn. Und so blieb meine einzige Hypothese: Maria ist in einer Familie aufgewachsen, in der Gewalt und Wahnsinn über mehrere Generationen hinweg alltäglich waren.

„Mir reicht’s jetzt mit der ganzen Aufstellerei. Was hat mir das denn jetzt gebracht?! Nichts. Ich bin keinen Millimeter weiter gekommen. Dass ich jetzt weiß, dass bei uns alles nur Wahnsinn und Gewalt ist? Dankeschön, das hab ich vorher auch schon geahnt. Also, da kann ich jetzt auch ohne Gruppe alleine weiter machen. Christina, was meinst Du?“

„Was soll ich sagen: Es stimmt. Du hast derart viele Aufstellungen gemacht, die allesamt ein – für mich von außen betrachtet – schier unerträgliches Maß an Gewalt und Wahnsinn zeigten. Du hast Dich derart angestrengt und abgemüht mit und in den Aufstellungen. Ich weiß nicht, ob Du mit einfach so Weitermachen wie bisher, wirklich zu Dir kommst. Was willst Du Neues erfahren, was Du in den vergangenen 6 Jahren nicht schon erfahren hast? Macht es Sinn, auf die eine Aufstellung zu warten, die den großen Aha-Effekt bringt, den alle anderen Aufstellungen nicht bewirkten?“

Einige Monate später rief mich Maria an.

„Ich will nur Deine Einschätzung hören: Es ist alles so weit so gut, alles im Übrigen normalen Wahnsinnsbereich. Aber es geht mir ganz gut. Was heißt, ganz gut, ich kann mich in dem Wahnsinn um mich rum ganz gut über Wasser halten. Da lasse ich mich nicht mehr so hineinziehen wie noch vor einem Jahr. Da hat sich doch was getan. Meinst Du, ich kann so weitermachen, oder soll ich doch wieder eine Aufstellung machen?“

„Willst Du eine Aufstellung machen?“

„Nein, eigentlich will ich nicht.“

„Dann sollst Du auch keine Aufstellung machen. Wenn Du Dich zu einer Aufstellung zwingst, dann tust Du Dir Gewalt an.“

Ein Jahr später meldete sich Maria wieder: Sie rief mich an, um mir zu sagen, dass sie jetzt endlich ihre tatsächliche Bestimmung gefunden hätte. Anstatt immer um sich selbst zu kreisen, hätte sie nun ein Ehrenamt in der Bewährungshilfe angenommen. Es wäre ihre wahre Aufgabe im Leben, sich um straffällig gewordene Menschen, um Täter zu kümmern.

Ich war sprachlos – und suchte nach meiner Fassung. (Damit hatte ich nie und nimmer gerechnet.)

„Du tust was? Was meinst Du, ist Deine wahre Bestimmung im Leben?“

„Ich betreue Täter und verhindere dadurch, dass die Gesellschaft weiterhin durch sie zu Schaden kommt. Das ist so eine Vision von mir, ich könnte die Täter gewissermaßen entschärfen.“

Ich war immer noch sprachlos. (Weniger, ob des Ehrenamtes an sich, mehr ob Marias Idee, ihrer Absicht dahinter.)

„Nein, Du musst nichts sagen. Mir ist selber in einem Anteil klar, dass da etwas nicht mehr ganz stimmt. Deswegen hab ich ja angerufen. Ich muss und ich will auch weiterarbeiten in meinem Prozess.“

Gott sei Dank – und ich konnte immer noch nichts sagen.

In dem folgenden Jahr kam Maria immer wieder zu Einzelstunden:

Zunächst einmal konnte Maria für sich klären, dass sie mehr Mitgefühl mit den Tätern hat, als mit den Opfern, und mehr noch: Sie fühlt mehr mit den Tätern mit als mit ihr selbst, als mit der kleinen Maria. Über diese Erkenntnis ist sie sehr erschrocken und sichtlich betroffen: „Ja. So ist es wohl. Das muss ich jetzt so akzeptieren. So ist es.“

Aber warum ist das so? Wie kann das sein?

Offenbar gab es in Marias Leben gefährlichen Menschen – Täter – vor denen die Familie(?), vor der Maria selbst geschützt werden musste. Und offenbar ist Maria überzeugt, dass sie das tatsächlich kann oder können muss.

„Jetzt muss ich doch wieder in die Gruppe, um Aufstellungen zu machen, oder?“

„Nein, du musst immer noch nichts.“

Maria weiß durch Aufstellungen, durch verschiedene andere Therapien und eigene Nachforschungen sehr viel über ihre eigene Biographie und die ihrer Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, auch über ihre Tanten und Onkeln. Es ist ein emotionales, körperliches und auch kognitives Wissen. Aber es ist ein unvollständiges Wissen, das wie lose Bruchstücke ist, die nicht miteinander verbunden sind. Es ergibt keine zusammenhängende Geschichte. Es erschließt sich ihr kein zusammenhängender Bezug zu ihrem Leben und keine wirklich relevante Bedeutung für ihr Leben. Alle Fakten und Informationen, Gefühle und Körperempfindungen ergeben für sich noch keinen Sinn. Es ist ein Durcheinander. Auch für mich.

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Marias Wissen braucht einen Rahmen. Es muss geordnet, sortiert und bewertet werden.

Und so schlage ich Maria vor, für jede für sie wichtige Person ein DIN-A4 Blatt zu nehmen und die wesentlichen biographischen Information und Traumainhalte zu notieren. Maria beschriftet Blatt für Blatt. Sie überlegt, was sie über diesen verwandten/bekannten Menschen bereits weiß, was sie durch die Aufstellungen erfahren hat und für sie auch stimmig ist, aber auch was sie nicht weiß und gerne wüsste – vor allem aber: Was ist für mich und mein bisheriges Leben wichtig zu wissen und zu erfahren?

Am Ende dieses Prozesses lagen 24 Blätter am Boden, 24 Biographien, mehr oder weniger geprägt durch Verlust und Trauer, Gewalt und Wahnsinn,  24  Leben von Menschen, die offenbar alle für Maria wichtig sind. Interessanter Weise ist das ICH-Blatt von Maria nur mit Informationen gefüllt, die sich mit der Zeit vor ihrer Geburt befassen: Zeugung – Schwangerschaft – verlorene Drillingsbrüder – Vaterschaft.

(Für mich war das eine unerwartet intensive Erfahrung: Mit jedem Blatt, mit jedem Menschen, mehr im Raum, wurde es für mich körperlich und emotional immer enger. So als bliebe immer weniger Raum und Platz für mich.)

Angesichts dieser sichtlichen Überfüllung frage ich Maria, welche dieser Menschen für sie tatsächlich relevant sind. Und so nimmt sie die Blätter von Mama, Papa, ICH (Maria), und die ihrer beiden Drillingsbrüder, die sie mit Jakob und Benedikt benannt hatte. Von ihnen weiß Maria kognitiv nichts, jedoch spürt und fühlt sie beide deutlich.

„Da fehlt noch jemand! Der Huber Max fehlt. Der ist sehr wichtig. Der war aber noch nie wirklich Thema. Komisch, dass mir der jetzt einfällt.“ Maria fügt ein 25. Blatt hinzu.

„Wer ist das?“

„Das ist ein sehr guter – hm. Ja, was eigentlich -. Ja, ein sehr guter Freund meines Vaters. Da geht es schon los… Ja, ich hab den auch gekannt. Der ist später durch einen Autounfall ums Leben gekommen. Da dachte ich lange Zeit, der wäre mein Vater.“

„Und?“

„Nein. Da hab ich doch nach einer Aufstellung den Vaterschaftstest gemacht. Nein, der Papa ist schon der Papa.“

„Was ist mit dem Huber Max?“, frage ich Maria.

„Das möchte ich auch gerne wissen.“

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In den folgenden Einzelstunden gelang es Maria in einer für mich beeindruckenden Weise, sich an verschiedene einzelne Begebenheiten ihrer Kindheit zu erinnern, diese mit ihrem heutigen Wissen zu verbinden und darüber hinaus, lang bekannte Erinnerungen neu zu bewerten:

Der Huber Max war ein enger Freund von Marias Vater. Und nicht nur das: Er war auch ihrer Mutter sehr nah und vertraut, womöglich hatten beide auch ein Verhältnis – weswegen Maria in Aufstellungen immer wieder damit konfrontiert wurde, dass ihr Vater nicht ihr Vater wäre. Zumindest war Marias Vater sehr, sehr eifersüchtig. In einem Umfeld von Alkohol und Rausch, Feiern, exzessiver Gefühle bis hin zu Wahnsinn eskalierte die Situation: Ihr Vater spricht in seiner Eifersucht voller Hass einen Fluch aus, dass der Huber Max „verrecken soll“/“sich ‚darennen‘ soll. Und das ist tatsächlich geschehen: In der Nacht nach der Eskalation ist der Huber Max tödlich verunglückt. Maria war als Mädchen bei dieser Auseinandersetzung dabei, erlebte ihre beiden Eltern in einem emotionalen Ausnahmezustand, noch dazu sehr betrunken:  Erlebt den Hass, die Eifersucht, die Liebe und den Wahnsinn, den alkoholtrunkenen Rausch, erlebt mit wie derjenige, dem der Tod gewünscht wird, tatsächlich verunglückt und stirbt.

Viele Jahre später inszeniert sich dieser Liebeswahnsinn in Marias Leben in einer für mich erschreckenden Genauigkeit: Maria beginnt eine extrem leidenschaftliche Affäre mit einem Mann, der all das verkörpert, was ihr Ehemann nicht ist. Marias Mutter verfluchte daraufhin den außerehelichen Geliebten von Maria – „wenn er sich doch darennen täte“, der ebenso wie der Huber Max daraufhin mit dem Auto verunglückt – allerdings wie durch ein Wunder überlebt. Und auch Marias Kind muss dies miterleben.

Zeitgleich zu Marias innerem Prozess verschlechterte sich der körperliche und vor allem der psychische Zustand von Marias Eltern. Ein Zustand zwischen Demenz und Psychose – ein Zustand der für Maria und die Umgebung schier nicht aushaltbar war. Ihr Vater, krankhaft eifersüchtig, sieht in der Wohnung lauter fremde Männer… Ihre Mutter beschimpft ihn, macht ihn lächerlich. Sie streiten sich, schlagen sich, versöhnen sich und haben Sex miteinander. Fast jeden Tag auf ein Neues und wieder von vorne…

Und jetzt erst verstehe ich die vielen Aufstellungen von Maria: Dort zeigte sich immer wieder ein Wahnsinn und Irrsinn in genau dieser Intensität und Qualität wie in der elterlichen Wohnung.

Nachdem Maria für sich Ordnung in ihre Erinnerungen und in ihre Aufstellungen geschaffen hatte, wurde sie mehrmals darauf angesprochen, wie sie das als Kind in dem Wahnsinn ausgehalten hätte, wie sie das heute so gut aushalten könnte, wie schlimm das schon immer gewesen wäre, …

Zu guter Letzt wagte Maria auszuziehen, auszuziehen aus der gemeinsamen Wohnung und alleine für sich zu wohnen. Ein Schritt von dem sie immer wieder gesprochen hatte, seit ich sie kenne. Und jetzt hat sie es geschafft.

Ich freute mich so sehr für diesen Schritt und alle anderen Schritte zuvor – für Marias Mut und Konsequenz sich zu erinnern, und aus dem Chaos ein Narrativ zu schaffen, schmerzhaft zu erkennen, was dieser Liebeswahnsinn ihrer Eltern für einen Einfluss auf ihr Leben hat – bis heute…

(… und ich bin durchaus froh und erleichtert und für mich sehr zufrieden…)

aber dann:

„Christina, jetzt will ich eine Aufstellung machen, wie das wirklich war mit dem Huber Max und wie das war mit seinem Unfall.“

(Wie? Das haben wir ja die ganze Zeit erarbeitet, dachte ich mir, und dann überlegte ich mir nicht ohne Angst sogleich, was ich nur machen könnte, wenn sich ganz was anderes zeigte… und dann dachte ich mir, nun, wenn es denn stimmte, was wir bearbeiteten –  dafür sprechen sehr viele Faktoren –  dann wird es sich zeigen… andernfalls… und dann dachte ich nicht mehr.)

Ich war tatsächlich gespannt:

Nachdem Maria über drei Jahre in keiner Gruppe mehr gewesen ist, kannte außer mir und ihr niemand ihre neu entdeckte Geschichte. Die folgende Aufstellung – mit keinem Satz, sondern mit Schlüsselbegriffen ihrer Geschichte – ist für mich eines der eindrücklichsten Erfahrungen mit dieser Methode.

Niemand wusste und doch spiegelten die Stellvertreter und Stellvertreterinnen derart genau das wieder, was wir im Einzelsetting erarbeitet hatten. So zog sich der „Huber Max“ in der Aufstellung eine Lederjacke einer Teilnehmerin an und Maria berichtete sogleich, dass der Huber Max immer eine solche Lederjacke trug, und dass sie, Maria, nach seinem Tod lange Zeit genau eine solche Lederjacke immer trug, so dass das schon aufgefallen wäre.

Und doch ging die Aufstellung über das bereits Gewusste hinaus: so deutete sich an, dass an dem Auto vom Huber Max etwas manipuliert wurde, etwa an den Bremsschläuchen. Maria meinte, dass es immer hieß, es wäre schon merkwürdig gewesen, der Unfall an genau dieser Stelle.

Nach diesem Aufstellungswochenende wurde Marias Vater stationär aufgenommen wegen seiner psychischen Zustände. Als ihn Maria in die Klinik brachte, meinte er sehr aufgebracht und aufgeregt zu ihr, sie solle unbedingt, bevor sie heimfährt, das Auto kontrollieren, nicht dass etwas nicht stimmt mit ihrem Auto. So etwas hatte er noch nie zu ihr gesagt.

„Christina, ich glaube, so ist es gewesen, genau so.“

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Ja, das stimmt.

„Und jetzt will ich wissen, was mit mir ist, was mir passiert ist. Damit ich endlich mein Leben leben kann.“

Marias Identität, ihre Summe an Lebenserfahrungen war ein un/bewusstes Durcheinander. Ein Sammelsurium von 25 verschiedenen Leben, aus denen sie beharrlich und mutig ihre eigenen Lebenserfahrungen gesucht und gefunden hatte, um aus ihnen – wie ich aus meinen 1000 Puzzleteilen – ihr Bild ihrer zurückliegenden Biographie zu zeichnen, ihr ICH zu finden.

Wer ist Maria? Wie wird es sein, wenn Maria sich selbst lebt? Wenn Maria lebt?

 

 

 

 

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ICH verloren in der Täter-Opfer-Dynamik

Ich bin wieder einmal oder immer noch mit der Täter-Opfer-Dynamik beschäftigt. Neulich meinte ich zu den Studierenden in meinem Hochschulseminar, dass das für mich die vielleicht schwerwiegendste Folge von Gewalt ist. Menschen, die Gewalt erlitten haben, drohen über kurz oder lang selber Gewalt anzuwenden – entweder gegen sich selbst oder gegen andere. Aus Gewalt entsteht Gewalt, woraus wieder Gewalt entsteht. So wie in Gertrude Steins Gedichtzeilen: A rose is a rose is a rose is a rose. Gewalt zerstört und sie bleibt auch zerstörerisch. Es entsteht ein fürchterlicher Kreislauf der Gewalt: Opfer werden zu Tätern und Täterinnen, die wiederum immer neue Opfer schaffen, die wiederum zu Tätern und Täterinnen werden, die dann … und so weiter.

„Und kann man da überhaupt aussteigen?“, fragte mich daraufhin eine Studentin. „Es erscheint mir wie ein endloser Kreislauf.“

„Doch – natürlich gibt es eine Möglichkeit da auszusteigen.“

Doch dazu müssen Opfer und Täter die Tat und deren Folgen klar und wahrheitsgetreu benennen. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Diese Geschehen muss als solches stehenbleiben können. Ohne dass es sich auflösen soll, gesühnt werden soll, versöhnt werden soll, wieder gut werden soll oder gar ungeschehen gemacht werden soll. Das, was geschehen ist, soll auch wirklich geschehen sein, damit es nicht wieder geschehen muss.

Wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mich auf meine Seminare vorbereite und Folien erstelle, oder wenn ich die Lebensgeschichten meiner Klienten und Klientinnen erfahre, dann begegne ich immer wieder auch mir und meinen un/verarbeiteten Erfahrungen. So wie gestern:

„Du weißt ja, wir sind aus dem Sudetenland vertrieben worden und als Flüchtlinge nach dem Krieg in dieses bayerische Dorf gekommen. Ich war immer einsam. Mit mir wollten die anderen Dorfkinder nicht spielen. Und dann kam noch erschwerend hinzu, dass mein Vater der Lehrer in der Schule war. Mir einem Flüchtlingskind spielen, das so komisch redet, und dann noch mit einem Lehrerskind?! Nein, ganz gewiss nicht. Irgendwann habe ich dann begonnen, mich als etwas besseres zu halten: Ich bin viel gescheiter als die Dorfkinder. Ich komme aus einer Lehrersfamilie und nicht aus dem Bauernhof, so wie die da alle.“

Und damit war sie in mir wieder da, meine Referendariatszeit an einem Gymnasium in Regensburg Ende der 1990er.

Mit 20 Jahren Abstand kann ich sagen – ein Lehrstück einer Täter-Opfer-Dynamik.

Ich hatte mich für das Referendariat in Deutsch und Geschichte angemeldet und wollte unbedingt in Regensburg bleiben. Und so freute ich mich sehr, als ich meine Seminarschule zugeschickt bekam. Regensburg, was für ein Glück, dachte ich noch. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Max, einem Kommilitonen, freudig erzählte, an welche Seminarschule ich kommen werde. Doch dieser freute sich überhaupt nicht. Im Gegenteil:

„Oh, da sind doch X und Y Seminarrektoren. Das sind richtige Arschlöcher dort. Geh‘ da nicht hin. Da hast du keine Chance. Der für Deutsch, der X, hasst niederbayerisch sprechende Menschen und überhaupt sind die sehr, sehr konservativ!“

Doch das kam für mich nicht in Frage. Ich wollte ja in Regensburg bleiben und außerdem konnte ich mir das nicht vorstellen, dass ich von vornherein keine Chance haben könnte. Ich dachte mir, wenn ich mich nur genug anstrenge, dann überzeuge ich durch meine Leistung. Da war ich mir sehr sicher.

Ich trat das Referendariat nach den Faschingsferien an. Und so fuhr ich mit meinem Rad und meinem Rucksack anstatt zur Uni einfach zur Seminarschule. Dort wurden wir angehenden Deutschlehrer von X mit den Worten eingeführt: Kinder und Jugendliche müssten in Zeiten einer immer schlimmer werdender Rollendiffusion in ihren geschlechtsspezifischen Rollen wieder gestärkt werden. Frauen sollten wie Frauen ausschauen, demnach mit langen Haaren, Röcken und entsprechenden Schuhen, und Männer mit Anzügen unterrichten.

Ich musste lachen. Einen Bezug zu mir, zu meinem Aussehen – kurze Haare, Jeans und T-Shirt, Turnschuhe – und zu dem Aussehen der anderen Referendare konnte ich nicht herstellen. Und so kam ich auch am nächsten Tag – wie immer – in die Schule, um dort festzustellen, dass alle anderen Referendare ihre Kleidung demgemäß angepasst hatten. Ich war sprachlos. Zumal Simon, den ich von der Uni flüchtig kannte, zu mir meinte, ich müsste mich unbedingt anders anziehen, weil ich sonst keine Chance hätte. Ich musste wieder lachen.

Nein, das mach ich ganz bestimmt nicht.

Ein paar Wochen später sollte ich eine Deutschstunde in einer 5.Klasse vorführen. Ich stand vorne vor der Klasse und hinten saß das Deutschseminar und besagter Seminarlehrer X. Danach wurde meine Stunde besprochen, was ich didaktisch anders hätte machen können/sollen, wie ich anders auftreten sollte, etc. … Das übliche Vorgehen nach einer Vorführstunde. Ich war ganz froh und zufrieden, wie es gelaufen war. Ganz zum Schluss bemerkte der Seminarlehrer noch vor allen anderen, ich hätte drei mal den Dialektausdruck ‚ebs‘ (für etwas) verwendet. Das wäre unmöglich in einem Deutschunterricht an einem Gymnasium. Das würde er hier unter keinen Umständen dulden. Ich hingegen war sehr überrascht und meinte mehr zu mir selbst gesprochen: „Nur dreimal?“ Daraufhin beendete er die Besprechung. Als alle bereits den Raum verlassen hatten, rief er mich zu sich an den Pult, verschränkte seine Arme vor der Brust und meinte zu mir: „Frau Freund, Sie wissen schon, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Herkunftsort und der Intelligenz gibt.“

„Wie bitte?“

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Intelligenz und dem Herkunftsort. Die Menschen aus dem Bayerischen Wald sind geistig doch etwas minder bemittelt.“

Ich fragte ihn, ob er das noch einmal wiederholen könnte.

„Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Intelligenz und dem Herkunftsort. Die Menschen aus dem Bayerischen Wald sind geistig doch etwas minder bemittelt. Frau Freund, überlegen Sie sich doch mit welcher Sprache sie zukünftig sprechen und unterrichten wollen.“

Ich verließ den Raum mit den Worten, dass dies wohl für verschiedene Herkunftsorte gültig zu sein scheint.

Ich sprach immer wieder von meinen Erlebnissen. Und immer wieder hörte ich die gleichen Ratschläge: Diejenigen innerhalb dieses Systems, meine Mitreferendare rieten mir, mich unbedingt endlich anzupassen, weil ich so keine Chance hätte. Menschen außerhalb des Systems, wie zum Beispiel meine Eltern, Andreas, Freunde und Bekannte hingegen redeten auf mich ein, hier aufzuhören und im Herbst an einem anderen Gymnasium wieder anzufangen. Ich hätte keine Chance dort.

Doch ich war nicht erreichbar, für nichts und niemanden mehr. Ich war längst schon inmitten einer Täter-Opfer-Dynamik. Hineingezogen in die Täterenergie von X, dieses Seminarlehrers für Deutsch. Und so machte ich weiter, einfach weiter in einem Kampf, in dem ich nur verlieren konnte.

Im Mai sollte meine erste Lehrprobe stattfinden. In Geschichte in der Unterstufe. Ich bereitete mich unglaublich akribisch vor. So als ginge es um mein Leben und gleichzeitig ahnte ich, dass ich keine Chance haben würde. Am Nachmittag vor der Lehrprobe bereitete ich das Klassenzimmer vor. Ich hielt meine Stunde vor zwei mir lieb gewonnenen Mitreferendare. Danach ging ich ins Lehrerzimmer, um meine Sachen zusammenzupacken. Da kam der eigentliche Geschichtslehrer dieser Klasse auf mich zu und meinte, ob ich noch Hilfe benötigen würde für morgen. Als ich verneinte, meinte er noch im Gehen zu mir, dass er sich grundsätzlich aus Benotungen raushalten würde. Das wollte er nur gesagt haben. Wenige Minuten später kam der Direktor auf mich zu und meinte, er wäre morgen nicht dabei, weil er ja Naturwissenschaftler wäre und keine Ahnung von Geschichte hätte. Statt seiner nähme nun der Seminarlehrer für Deutsch teil. Deutsch wäre ja wie Geschichte eine Geisteswissenschaft.

(Die Prüfungskommission bildet sich üblicherweise aus dem Direktor, dem Seminarlehrer des jeweiligen Faches und dem eigentlichen Lehrer, der das Fach in dieser Klasse unterrichtet.)

Ich war also verloren. In diesem Moment trat der Seminarlehrer für Deutsch an meinen Tisch im Lehrerzimmer und beugte sich über mich und meinte zu mir: „Frau Freund, wir sollten Ihre morgige Lehrprobe besprechen.“

Wie ferngesteuert bot ich ihm den Stuhl neben mir an, obwohl ich ganz bestimmt nicht mit ihm meine Stunde besprechen wollte.

„Nein, nicht hier.“ Dabei berührte er meinen Arm. „Wir sollten uns einen schönen Abend machen in einem angenehmen Ambiente.“

Daraufhin sagte ich nur „Nein. Das sollten wir ganz bestimmt nicht.“ Mehr konnte ich dazu nicht mehr sagen. Ich weiß bis heute nicht, was danach passierte und wie und wann ich zurück in mein Studentenzimmer kam. (In einer Aufstellung, mit dem Anliegen ‚Was ist da in dem Lehrerzimmer passiert?‘ deutete sich an, dass – wie auch immer – die Szene weiterging.)

Die Lehrprobe lief perfekt, genauso wie in meiner Verlaufsplanung angegeben. Danach standen die Schüler auf und applaudierten. Die Prüfungskommission verließ fluchtartig den Raum. Und ich bekam noch eine große Packung Gummibärchen.

Danach stürzten drei Mitreferendare auf mich zu. Sie berichteten von einem Gespräch, dass sie zufällig mitgehört hatten: X meinte vor meiner Lehrprobe zu Y, ich müsse unbedingt eine Fünf bekommen, denn dann würde ich nicht in den Zweigschuleinsatz kommen und das ganze Referendariat über an der Seminarschule bleiben.

So war es auch. Ich bekam tatsächlich eine Fünf. Mangelhaft bedeutet: „Eine an erheblichen Mängeln leidende, im ganzen nicht mehr brauchbare Leistung.“ Bei der Begründung hieß es unter anderem, dass meine Stunde viel zu leicht war, da alle Schüler und Schülerinnen meinem Unterricht folgen konnten und miteinbezogen waren.

„Frau Freund, sie sind nicht in der Lage einen kognitiv hochstehenden Unterricht, wie es sich für ein Gymnasium ziemt zu gestalten.“ Ich sollte doch eher an einer (damals noch sogenannten) Hauptschule unterrichten und nicht an einem Gymnasium, das ausschließlich für die Förderung der Eliten zuständig wäre.

Ich war fassungslos und wütend: „Ja, klar. Die depperten und dummen Lehrer zu den depperten und dummen Schülern in der Hauptschule.“

Da meinte X: „Warum weinen Sie nicht? Ich habe doch Ihr Leben zerstört mit dieser Note.“

Das letzte, was ich an diesem Tag, noch schaffte, war zu sagen: „Sicher nicht. Ich hätte ein Problem, wenn ich von Ihnen eine gute Note bekommen hätte.“ Daraufhin warfen sie mich raus und beendeten die Besprechung. Danach verließ ich die Schule und radelte zur Donau und setzte mich ans Ufer und weinte.

Ich bin tatsächlich zum Opfer geworden, zum Opfer eines Mannes, der mich meiner Herkunft wegen zutiefst hasste. Warum, wusste ich damals noch nicht. Es ist genau das eingetreten, was mir immer und immer wieder vorausgesagt wurde. Ich konnte nicht aussteigen. Ich musste weitermachen, bis zu dieser Lehrprobe. Offenbar ließ ich mich zum Opfer machen.

Am nächsten Tag wurde mir mehr und mehr bewusst, wie sehr mir Unrecht geschehen ist. Ich erinnerte mich an die Aussagen der drei Referendare und fasste neuen Mut.

Ich wusste damals aber noch nichts über Täter-Opfer-Dynamiken, nichts darüber, wie sehr die Täterenergie eines einzelnen Menschen ganze Systeme beherrschen und manipulieren können, bis hin zu Rechtsbeugungen. Ich war mir sicher, dass ich mich zur Wehr setzen könnte, dass ich nachträglich Recht bekomme würde. Ich hatte ja die Aussage über die zuvor schon festgelegte Note. Erst jetzt mit meiner intensiven Auseinandersetzung in den letzten Jahren, beginne ich zu verstehen, was damals passiert ist, in was ich da hineingezogen wurde und mich hineinziehen ließ.

So rief ich im Bayerischen Ministerium für Kultus und Unterricht an und schilderte dort meine Erlebnisse.

„Ach ja, wieder der X. Das wissen wir schon. Unter uns gesagt: Das kam schon öfter vor. Es haben sich auch schon Referendare in seinem Seminar umgebracht. Wissen Sie, der geht in drei Jahren in Pension. Da haben Sie keine Chance. Da steht Aussage gegen Aussage. Und da macht sich sowieso niemand mehr die Mühe. Das wird ausgesessen. Der geht bald. Und ich sage es Ihnen gleich, sie wissen ja, X ist der Leiter der gesamten Seminarlehrer für Deutsch in Bayern. Wenn sie woanders anfangen, der hat überall seine Finger im Spiel.“

Noch am selben Tag erhielt ich Anrufe dieser drei Referendare, auf deren Aussage ich mich verließ und verlassen wurde. Sie teilten mir alle drei mit, dass man ihnen mitgeteilt hätte, dass sie schweigen sollten, andernfalls würden sie das Referendariat nicht gut beenden. Es täte ihnen sehr leid, aber sie wollen unbedingt Lehrer werden, also werden sie offiziell nicht bestätigen, was sie gehört hätten. Dafür sind sie dann tatsächlich mit ungewöhnlich guten Noten bezahlt worden.

Ich erhielt auch Anrufe zweier Lehrer, die mir beide ähnlich mitteilten, wie schlimm sie es fänden, was mir durch X widerfahren wäre, dass ich nicht die einzige bin, dass sie es aber im Laufe der Zeit leid wären, sich für Referendare einzusetzen. Diese gehen dann weg und sie müssten aber mit diesen beiden Herren weiterarbeiten. Das tun sie sich nicht mehr an, so leid es ihnen für mich täte.

So wusste ich also, woran ich war. Ich konnte nicht mehr. Ich resignierte und ließ mich längerfristig krankschreiben.

Mein Vater, ein Mann mit Erfahrungen mit Beamten und Ministerien, und Andreas, mein jetziger Mann, ein Lehrer, waren entsetzt und meinten, ich müsste rechtliche Schritte einleiten. Sie würden mich unterstützen. Das ginge so nicht. Das könnte ich nicht mit mir machen lassen.

Aber ich konnte nicht. Leider. Ich war zusammengebrochen. Ich verstand mich selber nicht.

Es dauerte Jahre bis mir bewusst wurde, warum ich mich nicht rechtlich wehren konnte, warum ich auch nicht an die Öffentlichkeit ging:   Eben deswegen, weil X – eben wie Täter es üblicherweise machen – mich und das ganzen Schulsystem bis hinauf ins Ministerium manipulierte. X erschien übermächtig. Alle ordneten sich dem unter. Wie ich erst vor ein paar Jahren erfahren habe, war dieser Machtmissbrauch von X in Regensburg bekannt, weswegen mich auch mein Studienkollege Max derart klar gewarnt hatte. Die Öffentlichkeit wusste Bescheid, doch niemand hat je etwas dagegen unternommen. Ich habe mich dieser scheinbaren Übermacht komplett unterworfen. Mich zum Opfer gemacht und zum Opfer machen lassen.

Nachdem meine Krankmeldung für das gesamte restliche Schuljahr an der Schule ankam, rief mich X zuhause an: „Frau Freund, kommen Sie doch zurück an die Schule. Wir lassen Sie in Ruhe, es gibt keine Unterrichtsbesuche mehr, sie bekommen regelmäßig ihr Gehalt und bestehen das Referendariat.“

„Wie bitte, Sie haben mir eine Fünf gegeben, mir also völlige Inkompetenz attestiert, und jetzt soll ich eineinhalb Jahre eigenständigen Unterricht machen?! Die Schüler schädigen?! Das geht doch nicht. Nein, definitiv nicht.“ Ich habe einfach den Hörer aufgelegt.

Zwei Jahre Später: Ich hatte soeben mit meinem neuen Studium der Sozialen Arbeit begonnen, als mich eine Nachricht einer Bekannten erreichte. X war mit einem Herzinfarkt im Lehrerzimmer zusammengebrochen und anschließend gestorben, während er zuvor sein nächstes ‚Opfer‘ ähnlich wie mich terrorisiert hatte.

Was war da los?

Durch einen Zufall erfuhr ich, dass X als Kind von Heimatvertriebenen in einem Dorf im Landkreis Freyung-Grafenau aufgewachsen ist. Ganz in der Nähe bin ich auch aufgewachsen. Er wurde wegen seiner Sprache und seiner Familie immer wieder misshandelt. Sein Vater und/oder sein Onkel – ich weiß es nicht genau – war Schulrat, und war wie mir berichtet wurde ein ’scharfer Hund‘. Und so rächten sich die Dorfkinder an ihm, dem kleinen Jungen mit der komischen Sprache, für etwas, was sein Vater bzw. Onkel ihnen angetan hat. Sie verprügelten ihn immer wieder.

Und da komme ich an seine Schule, genau aus dieser Gegend mit dieser Sprache und bin nicht gewillt mich dafür zu schämen und mich zu bemühen, meine Herkunft zu verbergen. Und noch dazu mit einem starken Überlebensanteil – wie Bruce Springsteen es ausdrückte „no retreat, baby, no surrender.“ Kein Rückzug, nicht aufgeben, immer weiter kämpfen – bis zum bitteren Ende. Auch wenn dieser Kampf nicht zu gewinnen ist.

Das ist die Täter-Opfer-Dynamik. Und sie bezieht sich eben nicht nur auf das Opfer und den Täter. Sie bindet ein gesamtes soziales Gefüge und zerstört es. Darin ist keine wirkliche Hilfe und Unterstützung, kein Schutz zu erwarten.

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Mit dem Wissen von heute würde ICH gar nicht erst dort anfangen, aufhören, spätestens nachdem ich wegen Sprache und Herkunft derart beleidigt wurde, allerspätestens aber nach dem sexuellen Übergriff im Lehrerzimmer. Und selbst wenn ich zur Lehrprobe noch angetreten wäre, würde ich mich danach juristisch wehren. Zumindest hoffe ich, dass mich mein Wissen über mich, über den Täter und über die Täter-Opfer-Dynamik schützen würde.

Mit dem Wissen von heute über mich und meine entsprechenden Überlebensstrategien will ich mich an der Hand nehmen und mich in Sicherheit bringen.

 

 

 

 

ICH und das überlebte Leben

Ich war wandern. Stundenlang den Grenzkamm entlang, vorbei an so vielen toten Fichtenstämmen. Es sind die Reste eines dichten Waldes, der sich schier unendlich über die Berghänge entlang zog. Wald, nichts als Wald.  Doch er hatte keinen Bestand. Diese viel zu dicht aufeinander gepflanzte Monokultur fiel dem Borkenkäfer und nachfolgenden Stürmen zum Opfer.

Übrig blieben ganze Berghänge voller Totholz.

Die Erinnerung an unendliche Bergwälder schmerzt mich jedes Mal wieder. Sie schienen mir so unergründlich tief, so standhaft. Eine trügerische Illusion.

Es ist ein Schmerz, der mich während des Gehens an Nina erinnert.

Nina ist eine 58 jährige Frau, deren Leben völlig in Ordnung zu sein scheint. Erfolgreich. Selbstbestimmt. Selbstständig. Eine Geschäftsfrau, die mich vor ein paar Jahren wegen einer Frage bezüglich ihrer weiteren beruflichen Karriere kontaktierte: Soll sie weiterhin  – wie in ihrem Metier üblich – mit diversen Partnern zusammenarbeiten? Oder soll sie gänzlich unabhängig ihre Produkte verkaufen?

Nach dem sie mir von ihrem bisherigen beruflichen und privaten Leben erzählte, wollte sie mithilfe einer Aufstellung für sich eine Antwort finden. Währenddessen beschlich mich eine tiefe Traurigkeit, die ich nicht zuordnen konnte: Sie passte weder zu ihrem Gesagten, noch zur folgenden Aufstellung. Ich fragte sie nach meinem Gefühl der Traurigkeit im Kontakt mit ihr. Sie schüttelte nur den Kopf und sagte nichts dazu.

Als Nina zwei Wochen später zu einem Aufstellungsseminar kam, um mit Menschen in der Gruppe ihr berufliches Anliegen aufzustellen, tauchte diese bodenlose Traurigkeit wieder auf in mir. Und wieder zeigte sich nichts in ihrer Aufstellung – weder bei ihr selbst, noch bei den diversen Stellvertreterinnen. Im Gegenteil: Nina fuhr sichtlich zufrieden und zuversichtlich nach Hause mit einer Idee: Sie will zukünftig beruflich Neuland beschreiten.

In der Folgezeit hatte ich mit Nina ein paar Mal telefonischen Kontakt bezüglich ihrer konkreten praktischen Umsetzung der Aufstellungsergebnisse. Alles schien in bester Ordnung zu sein, wenn da nicht dieses beständiges Gefühl der Traurigkeit gewesen wäre, immer dann, wenn ich mit Nina in Kontakt war. Warum empfinde ich Traurigkeit, wenn sich doch in Ninas Aufstellungen nichts davon zeigt?

Ich beschäftigte mich immer wieder mit Nina und diesem Traurigkeitsgefühl: Etwas stimmte da nicht. Ganz und gar nicht. Wo ist dieser traurige Nina-Anteil? Warum zeigt er sich nie? Und: Was ist überhaupt derart traurig? Was ist das für ein Schmerz, den ich wahrnehme?

Nach zwei Jahren kam Nina erneut in eine Einzelstunde. Ihr Geschäft lief immer schlechter. Einige Kunden zahlten Rechnungen nicht und so mancher Geschäftspartner zog sie über den Tisch. Sie musste zusehends von ihren Ersparnissen leben. Sie wusste nicht mehr ein noch aus. Als sich dann noch ihr Ehemann wegen einer anderen Frau von ihr trennte, brach sie psychisch und körperlich zusammen:

„Was soll ich denn noch alles machen? Ich verstehe das nicht, ich habe die ganzen Themen der Familienseele doch schon bearbeitet. Nicht nur bei Dir, sondern schon zuvor immer wieder bearbeitet. Ich beschäftige mich mit dem Systemischen und mit mir seit ich 23 bin. Damit bin ich durch. Da bin ich auch richtig tief eingestiegen. Ich bin da wirklich fertig mit.“

„Hm. Offenbar nicht.“

„Nein, offenbar nicht.“, meint Nina ratlos zu mir.

„Nina, was ist Dir passiert? Was ist der kleinen Nina passiert?“

„Also, mir?! Mir ist – . Also meiner Mutter ist als Kind…“ Nina beginnt, ausführlich  von den traumatischen Lebenserfahrungen ihrer Mutter, ihres Vaters, ihres älteren Bruders und ihrer Großeltern zu erzählen.

„Nein, nein. Ich meinte, was ist Dir passiert? Warum bist Du so traurig?“

Für mich völlig unerwartet beginnt Nina zu weinen: „Ich weiß es nicht. Mir ist eigentlich so nichts passiert.“

Ich schlage ihr vor, das zu malen, was sie so bitterlich weinen ließ. Wortlos malt Nina das Körperschema eines kleinen Kindes und danach mit schwarzer Farbe mit unglaublicher Brutalität die Zerstörung dieses kleinen Kinderkörpers bis der schwarze Stift eingedrückt ist. „Jetzt ist er kaputt.“, meint Nina mit abwechselnden Blick auf das, was sie soeben auf dem Papier ausgedrückt hat, und auf den kaputten Stift.

Ich bin erstaunt über diese Klarheit ihres Bildes und zugleich zutiefst erschüttert: „Nina, was hast Du da gemalt?“

„Die Zerstörung eines Kindes. Meine Zerstörung als Kind. Meine körperliche Zerstörung.“

„Was meinst Du mit Zerstörung? Was machen die vielen schwarzen Striche mit dem Körper der kleinen Nina?“

Nina findet in dem folgenden Prozess ihre eigenen Wörter für ihr Gemaltes:

Es gelang ihr tatsächlich sich zu erinnern, wie sie mit sieben Jahren in den Sommerferien zwei oder dreimal von einem entfernten Verwandten vergewaltigt wurde. Sie blieb allein mit den körperlichen Verletzungen. Niemand half ihr. Ihre Eltern und die anderen Erwachsenen ahnten und konnten oder wollten doch nichts ahnen. Sie wussten und konnten oder wollten doch nichts wissen. Sie blieb allein.

„Wie hast Du das alleine geschafft? Wie ging das mit Deinem verletzten Unterleib?“

„Ich weiß nicht. Ich spüre: Ich bin dann aus meinen Körper gegangen. Ich bin da einfach raus gegangen. Ich spüre den Moment ganz deutlich: Ich bin raus aus dem Körper. Seitdem bin ich weg.“

„Wo bist Du denn? Wo ist die Nina, die diese Vergewaltigungen erleben musste?“

„Ich weiß es nicht. Einfach weg. Der Körper, also die Hülle, die blieb zurück. Die hat dann weitergelebt. Irgendwie. Bis heute.“

„Hast Du von diesen Vergewaltigungen geahnt oder gewusst? Oder bist Du völlig überrascht von Deinem Bild?“

Nina schaut lange auf ihr gemaltes Bild und den kaputten schwarzen Stift. Sie beginnt leise zu weinen: „Nein, davon wusste ich nichts. Das war weg. Einfach weg.“

Ich frage sie, wie es ihr jetzt nach diesem Einzeltermin mit ihrer unerwarteten Erinnerung an diese Vergewaltigungen geht.

„Ich bin geschockt und zugleich bin ich froh, dass ich jetzt weiß. Es geht nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Jetzt ist es gut.“

 

 

Während meiner Wanderung sah ich so viele dieser Baumskelette. Einige berührte ich mit meinen Händen, an einige klopfte ich. Sie klingen ganz hohl. Sie sind auch innen ganz hohl. Sie haben keine Substanz mehr. Da ist nichts mehr. Ich könnte sie ganz leicht umwerfen, sind sie doch nur noch eine hölzerne Hülle, die mit der Zeit immer morscher und dadurch brüchiger wird. Bis sie irgendwann zusammenbrechen und in sich zusammenfallen.

 

 

Mir fallen die ersten beiden Arbeiten mit Nina ein, während denen ich eine so tiefe Traurigkeit spürte. Wenn ich Nina bei ihrem eigenen Wort nehme, sie ernst nehme, dann kam eine leere körperliche Hülle zu mir. Es ist diese leere Hülle, die ihr berufliches Anliegen aufstellt. Die eigentliche Nina – die, die diesen Schrecken erlitten hatte – die war Nina nicht mehr zugänglich. Deswegen zeigte sie sich nicht einmal in den Aufstellungen. Es waren ihre Überlebensanteile, die Nina gänzlich vor dem Schrecken, vor den Schmerzen der traumatisierten Anteile schützten.

Wenn nicht diese Traurigkeit, dieser Schmerz gewesen wäre… . Dann wäre nichts von ihrem erlebten Schrecken fühlbar und spürbar gewesen. Nichts für Nina selber und nichts für mich. Dann hätte ich diese durchaus smarte Hülle mit Nina verwechselt. Das wäre schlimm gewesen. Denn dann wäre es so gewesen wie damals, als diese zerstörerische Gewalt nicht passiert sein konnte und nicht passiert sein sollte. Dann wäre die verletzte kleine Nina ein weiteres Mal vernichtet.

In den folgenden Monaten erinnerte sich Nina immer genauer an diese Sommerferien, immer mehr Details der Vergewaltigungen tauchten in Träumen und in Bildern auf. Zudem fielen ihr sehr viele nachfolgende Geschehnisse ein, die mit Wissen um die erlittene Gewalt eine neue Bedeutung bekamen. Wie zum Beispiel ein Schulaufsatz, den Nina in der dritten Klasse über ihre schönsten Sommerferien schreiben sollte. Darunter durfte sie auch ein Bild malen.

„Weißt Du, ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich da geschrieben und gemalt habe, nur dass danach meine Mutter zu meiner Lehrerin kommen musste. Darüber wurde nie mehr gesprochen. Meine Mutter sagte nichts dazu. Ich hab mich immer wieder mal gefragt, warum. Jetzt kann ich mir schon vorstellen, warum.“

Diese kleine verletzte Nina, welche die erwachsene Nina ein halbes Jahrhundert später derart zerstört auf Papier sichtbar werden ließ, fügte sich auf diese Weise immer mehr in Ninas erlebte Wirklichkeit ein:

„Weißt Du, das ist für mich auf eine bestimmte Weise sehr schön. Es stärkt mich. Es bestärkt mich. Das klingt vielleicht komisch für Dich, so schlimm es ist, so gut fühlt sich das jetzt, heute für mich an.“

Es war und ist nicht die kleine traumatisierte Nina, die der großen erwachsenen Nina Probleme bereitet, wie sie eigentlich erwartet hätte. Im Gegenteil. Nein, es ist diese leere Körperhülle, die Nina jetzt an ihre Grenzen bringt: Diese überlebte die Vergewaltigungen. Sie lebte danach weiter – verlassen, im Stich gelassen, alleine.

Es sind ihre Überlebensanteile, die seit damals mit dem Nichauszuhaltenden täglich umgehen. Es sind ihre Überlebensanteile, welche die kleine traumatisierte Nina täglich bekämpfen und ständig aufpassen, dass sie ja nicht ins Bewusstsein kommt, dass ja nichts sichtbar wird. Es sind die Überlebensanteile, die ein ganzes Leben lang versuchen, den längst geschehenen Schrecken zu verhindern und ungeschehen zu machen. Es sind die Überlebensanteile, die sie bedingungslos vor dem schützen, was längst passiert ist.

Es ist dieses bewusste Wissen um ein überlebtes Leben, das derart schmerzhaft ist für Nina und für andere Menschen.  Ein Wissen um das, was ich mir selber mein Leben lang antue, um nicht wissen, spüren und fühlen zu müssen, was ich längst schon erlebt habe.

Überlebensanteile sind einzig ausgerichtet auf die Vergangenheit. Sie binden (fast) die gesamte Lebensenergie. Diese schreckliche Vergangenheit wird ganz ausgelöscht und verleugnet und sie ist doch nicht weg. Nie wieder darf so etwas passieren. Lege ich jedoch den Fokus meiner Aufmerksamkeit auf die Vergangenheit, um dadurch in Zukunft in Sicherheit zu sein – die Zukunft im Voraus zu kontrollieren – dann verliere ich meine Gegenwart ganz aus meinen Augen. Das ist mitunter eine bittere Erkenntnis. Denn: Die Gegenwart ist die einzige Zeit, die ich tatsächlich aktiv mit meinem Willen gestalten kann. Ein Leben im Überlebensmodus ist so betrachtet ein ungelebtes Leben. Norbert, ein langjähriger Klient, meinte neulich zu mir:

„Ich weiß nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen nicht zu wissen. Da bliebe mir wenigstens die Illusion von einem tatsächlich gelebten Leben. So stehe ich da, mit einer wirklich bitteren Erkenntnis, 73 Jahre nicht gelebt zu haben. Wie viele Jahre bleiben mir denn noch?“

Ja, das stimmt. Das ist tatsächlich bitter. In vielerlei Hinsicht. Ich kann Norbert nicht widersprechen.

Und nun? Was sollen Nina und Norbert tun? Was kann ich tun angesichts dieses überlebten Lebens?

Die toten Bäume bleiben einfach stehen. Bis sie aufgrund ihres inneren Verfalls umfallen oder vom Wind umgerissen werden. Sie bleiben einfach liegen und vertrocknen, vermodern, verfaulen. Sie wandeln sich zu Moder und Mulm.

Überlebensanteile sollen einfach so sein können, wie sie tatsächlich sind.

Einfach? Nein, einfach ist das sicher nicht.

Denn klar zu erkennen, wie lange ich schon nicht lebe, sondern mein Trauma überlebe, und zu welchem Preis, ist sehr schmerzhaft. Und doch: Wenn es mir gelingt, ohne dass ich gegen diese Erkenntnis ankämpfe, ohne dass ich meine Überlebensanteile bekämpfe oder sie beiseite schaffe, ohne dass ich mich dafür selbst anklage oder schäme, meine Trauer zu fühlen und meinen Schmerz zu spüren…

… dann können sich meine Überlebensanteile selbst überleben.

Wenn ich mich in meiner Gegenwart, im Moment, jetzt geschützt und sicher fühle, mich angenommen und geliebt fühle, dann kann ich über meine Überlebensanteile hinauswachsen.

Und am Ende bleibt nichts mehr vom Totholz übrig. Außer, dass sie zum Nährboden für all das Grün, das tatsächlich nach wächst. Das Totholz, das allen Widerständen zum Trotz stehen und liegen bleiben durfte, ist die Voraussetzung für das Wachsen eines gesunden Waldes am Grenzkamm. Eines Waldes, von dem niemand wissen konnte und bis heute nicht genau weiß, wie er tatsächlich einmal  ausschauen wird. Ich bin gespannt, wie es sein wird in 5 oder 10 Jahren da entlang zu wandern.

Genau so bin ich gespannt, wie sich Nina und Norbert, wie ich mich selber entwickeln werde, wenn ein Leben jenseits von Überleben beginnt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ICH und das NichtsKind

„Nein, ich arbeite nicht mehr mit Narzissten. Das tu‘ ich mir nicht an.“ meinte unlängst eine langjährige Psychotherapeutin in einem Gespräch über ihren Praxisalltag zu mir und fragte mich anschließend, ob ich mit Narzissten arbeite.

Ich? Hm. Ich weiß nicht. Ich fragte sie daraufhin, wie sie denn diejenigen erkenne.

„Das merke ich schon ganz am Anfang. Da hab ich schon beim Telefonieren und spätestens dann, wenn sie zur Türe hereinkommen, eine deutliche körperliche Abwehrhaltung.“

Aha, dachte ich mir.

Doch was bedeutet Narzissmus überhaupt? Ist das die viel zitierte überzogene Selbstbezogenheit und Selbstliebe? Ist es eine diagnostizierbare Persönlichkeitsstörung? Ist es gar eine gesellschaftlich erwünschte und geförderte Haltung?

Für mich ist es zunächst ein allumfassendes Leiden: Ein Leiden derer, die so sein sollen, und derer, die mit ihnen wie auch immer in Beziehung sind.

Warum?

Sonja trennte sich vor 13 Jahren von Max, ihrem langjährigen Partner und Vater ihrer gemeinsamen Tochter Ina. Sonja hielt seine wiederkehrenden Beschimpfungen und Abwertungen nicht mehr aus. Es dauerte lange, bis Sonja mit ihrer vierjährigen Tochter auszog. Sie wollte nicht, dass Ina ohne ihren Vater aufwachsen muss. Und so hielt sie aus, bis sie nicht mehr aushalten konnte. Im Zusammenbrechen begriffen, packte sie ihre Koffer, nahm ihre Tochter an der Hand und kehrte in ihren Heimatort zurück. Dort angekommen spürte und fühlte Sonja die ganze seelische und körperliche Verzweiflung der letzten Jahre.

Rückblickend berichtet mir Sonja in einer Einzelstunde über diese Zeit: „Ich konnte nicht mehr. Überhaupt nichts mehr. Nichts.“

Ina schrie hingegen lautstark nach ihrem Vater: „Ich will zu meinem Papa! Sofort zu meinem Papa! Sofort!“

Sonja konnte das Leiden ihrer Tochter nicht mehr mit ansehen und mit anhören. Sie fühlte sich schuldig, so als wäre sie eine schlechte Mutter. Sie war es ja, welche die Beziehung beendet und dadurch dem Kind den Vater genommen hatte. „Ich hab‘ dann einfach nachgegeben. Ich konnte sie nicht mehr ‚Papa‘ schreien hören. Dann hab ich sie halt immer wieder für ein paar Stunden zu Max gebracht.“

Max seinerseits ist völlig in sich zusammengebrochen. Tagelang weinte er, sprach von Suizid und davon, dass er ohne Sonja nicht leben kann. Nichts und niemand konnte ihn aufrichten. Es sei denn, Ina war bei ihm. Dann ging es ihm für eine Zeit lang wieder etwas besser.

„Weißt Du, es hatte tatsächlich den Anschein, ich hätte Max umgebracht, als ich ihn verlassen hatte. Er litt so unglaublich unter der Trennung, dass die ganze Welt – wirklich alle, seine Eltern, seine Freunde, meine Eltern, meine Geschwister, meine Freunde, einfach alle – meinten, ich hätte ihm Furchtbares angetan. Und dann ging es ja bald mit Ina los.“

Ina begann bald schon nach der Trennung ihre Mutter auf das Übelste zu beschimpfen. Sie tobte, schrie alle erdenklichen Schimpfwörter und schlug ihre Mutter immer wieder. „Du, …! Du bist schuld! Du … ! Du bist eine schlechte Mutter! Du hast alles kaputt gemacht!“ Und so ging es jahrelang. „Ich will zu meinem Papa!“ Doch Max hatte kein Interesse mehr an seiner Tochter. Weder zahlte er Unterhalt, noch wollte er sie sehen oder sich um sie kümmern. Doch das änderte nichts am fürchterlichen Hass Inas auf ihre Mutter. Einem ausdauernden Hass, der über zwölf (!) Jahre lang anhält.

Ich frage Sonja, ob das tatsächlich stimmte, was sie mir immer wieder berichtete, oder ob, sie übertriebe oder etwas überspitzt formulierte. „Nein, das stimmt leider schon, im Prinzip bin ich seit der Trennung die ganze Zeit übel beschimpft worden. Ich schäme mich auch ganz furchtbar dafür. Was bin ich nur für eine Mutter, die so lange so übel von ihrer Tochter beschimpft wird?!“

Hm. Ich bin so überrascht und fassungslos: Zwölf Jahre lang?! „Hm. Und wo ist die Ina, die ihre Mama lieb hat?“

„Doch die gibt es schon auch. Die taucht immer wieder einmal ganz kurz auf. Die ist dann ganz überschwänglich, so wie ‚Mama, ich hab‘ Dich so lieb!‘ und so weiter. Aber das hält nie lange an.“

Diesem Gespräch gingen einige Aufstellungen voraus, in denen Sonja entweder daran arbeiten wollte, ihrer Tochter endlich eine „gute Mutter“ sein zu können, oder für sich in ihrem Leben ankommen wollte – mit einem Beruf, den sie gerne und erfolgreich ausführt, einer positiven und erfüllenden Partnerschaft. Dabei tauchte immer wieder: Sonjas Vater als zentrale Person auf: Sonja fürchtete sich sehr vor ihrem gewalttätigen und allem Anschein nach psychisch schwer kranken Vater. Es zeigte sich sehr deutlich, dass der Hass von Ina mit den Kindheitserfahrungen von Sonja zu tun habe. Deswegen ging Sonja Anliegen für Anliegen in ihre Kindheit und Jugendzeit zurück. Schritt für Schritt begegnete sie dabei ihrer Todesangst, ihrem Schmerz und ihrer Trauer über diese Kindheit in Angst und Schrecken.

Für mich war das ein sehr intensiver und herausfordernder Prozess. Nicht zuletzt, weil die überwältigenden Traumagefühle weniger bei den Repräsentanten auftauchten, sondern viel mehr in Sonja selbst da waren. Es war, als ob der Schrecken jetzt hier stattfinden würde. Was unter anderem auch dazu führte, dass Sonja immer in der Gegenwartsform sprach.

Und doch glückte es Sonja mehr und mehr, die Zeitebenen zu sortieren:

Da ist die Vergangenheit mit ihrer ausweglosen Kindheit und Jugend in Angst und Schrecken. Da ist aber auch die Gegenwart, in der Sonja zwar immer wieder von der Vergangenheit ‚heimgesucht‘ wird, sie aber doch zunehmend damit umgehen lernt. (Die Vergangenheit ist tatsächlich vergangen. All das, was da an Schrecklichem passiert ist, ist ihr schon längst passiert und all das, hat sie auch schon überlebt). Und es gibt auch eine Zukunft, die Sonja als erwachsene Frau ohne Angst und Schrecken, gewissermaßen ohne ihren Vater gestalten kann.

Diese Entwicklung freute mich sehr. Nicht zuletzt deswegen, weil Sonja kürzlich  unerwartet und überraschend mit ihrem Vater in der Realität konfrontiert war. Er ist ihr aufgelauert. Sie hatte ihn lange schon nicht mehr gesehen. Und nach den ganzen Aufstellungen ist es ihr gelungen, ihm zu begegnen, ohne von entsprechenden Traumagefühlen überwältigt zu werden. „Ja, es ist tatsächlich passé. Er ist mir heute nicht mehr gefährlich. Das ist schon sehr entlastend.“

Aber warum ändert sich trotz all dieser positiven Entwicklungen nichts am Verhalten von Ina? Warum dauert der Hass an? Wenn doch beinahe jede Aufstellung überdeutlich  zeigt, dass dieser Hass, diese Ablehnung mit der Beziehung von Sonja zu ihrem Vater zu tun hat. Da ist die Beziehung in einer für mich erstaunlichen Weise geklärt – sie kann ihm unvorbereitet begegnen – und der Hass bleibt bestehen.

Warum? Ich war ziemlich irritiert.

Sichtlich resigniert fragt mich Sonja, ob sie noch einmal eine Aufstellung machen solle zu ihrem Vater.

„Wozu willst Du denn eine Aufstellung bezüglich Deinem Vater machen, wenn Du doch soeben das geschafft hast, was Du als Anliegen immer wieder formuliert hast?“

„Ich weiß nicht. Ich bin so müde, aber da könnte ich wenigstens etwas tun. So ist es für mich nicht aushaltbar.“

Während dieses Gespräches mit Sonja musste ich immer wieder an eine Begegnung mit Ina denken. In dieser bin ich auf eine für mich ungeahnt radikale Weise mit Inas Hass auf ihre Mutter konfrontiert worden. Ich war sehr erschrocken und betroffen.

Wirklich mit Inas Hass?

In mir war da noch ein anderes Gefühl. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich es als Wut und Ärger erkennen konnte. Aber warum bin ich wütend und ärgerlich auf ein Kind, auf eine Jugendliche? Ich wusste es nicht.

Was ich allerdings wusste war, dass ich nicht mehr an Sonjas „guter Mutter sein“ arbeiten wollte. Denn: Mit jeder Aufstellung mehr schien Sonja schwächer zu werden. So als ob sie dadurch immer nur noch mehr verfestigen würde, dass sie eine schlechte Mutter sei.

„Das stimmt. Ich komme mir ja wirklich vor, als wäre ich eine ganz furchtbare Mutter, die ihrer Tochter schreckliche Gewalt antun würde. So als ob ich sie verprügeln wurde.“

„Ja, den Anschein hat es tatsächlich. Das könnte man durchaus meinen.“

„Aber das stimmt nicht.“ Sonja wurde immer verzweifelter. „Vor einiger Zeit sagte Ina sogar, dass ich sie geschlagen hätte.“

„Und hast Du Ina geschlagen?“

„Nein! Das ist ja das Verrückte. Und jetzt sagen die auch noch, ich wäre verrückt!“

Die? „Wer ist ‚die‘?“

„Ja, der Max und meine Tochter. Die sind sich ja einig, dass ich furchtbar und völlig durchgeknallt bin. Sie ist auch so eifersüchtig auf meine neue Beziehung, als ob meine Beziehung etwas mit ihrer Position als meine Tochter zu tun hätte. Sie ist ja immer meine Tochter, egal, wen ich liebe.“

Sonja wird immer verzweifelter. Fast schreiend schildert sie mir eine Anschuldigung nach der anderen, während ihr ganzer Körper unter enormen Stress zu stehen schien. An ihrem Hals zeichnen sich deutliche rote Flecken ab. Während Sonja so völlig außer sich war, spürte ich immer deutlicher, dass hier etwas ganz und gar verkehrt läuft.

„Glaubst Du das, was die beiden zu Dir und über Dich sagen?“

„Eigentlich spricht ja bloß die Ina wirklich zu mir. Mit Max bin ich ja fast nicht mehr in Kontakt. Was Max sagt, erfahre ich durch meine Tochter.“

„Und glaubst Du das?“

„Nein -. Ja, doch -. Nein, natürlich nicht – oder doch schon irgendwie. Ich muss ja schuld daran sein, wenn sich meine Tochter so verhält, wie sie sich verhält. Aber so schlimm bin ich doch gar nicht?! Aber ich bin ja die Mutter. Ich muss ja den Fehler oder die Schuld bei mir suchen.“

„Nein. Das hast du zwölf Jahre lang getan. Und es hat sich nichts getan, außer dass Ina immer mehr zu Max II, zu seinem Sprachrohr wurde.“

„Wie meinst Du das?“, meinte Sonja plötzlich gefasst und ruhig. „Was meinst Du mit MaxII?“

Max ist offenbar mit der Trennung völlig in sich zusammengebrochen. Es schien, als würde er sterben. So als könnte er tatsächlich nicht ohne Ina leben. Diese existenzielle Intensität eines Trennungsschmerzes ist nicht normal für einen erwachsenen Menschen. Denn ein erwachsener Mensch kann durchaus eine Trennung und den dazugehörigen Schmerz aushalten und überleben. Es sei denn, es gibt ihn gespürt und gefühlt gar nicht:

Wenn ein Mensch von seinem Lebensanfang an von seinen Eltern als ein Nichts behandelt wird, dann wird er zu einem ‚Nichts‘. Aus einem ‚Du bist für mich ein Nichts. Uns so gehe ich mit Dir auch um, wie mit einem Nichts‘ wird ‚Ich bin ein Nichts. Es gibt mich nicht‘. Und das ist schrecklich. Denn solange ich als Kind abgelehnt oder sogar gehasst werde, gibt es mich zumindest. Das ist ebenfalls schrecklich. Und doch unterscheiden sich für mich diese beiden Schrecken der Kindheit in den Folgen für die betroffenen Menschen. Während ich als abgelehntes Kind zu einer (negativen und/oder positiven) Projektionsfläche anderer Menschen werden kann, kann ich das als ein NichtsKind nicht: Denn es gibt ja nichts, worauf andere Menschen etwas projizieren könnten.

Aber wie kann ein NichtsKind überleben? Wie kann ich als Nichts leben?

Wenn ich ein Nichts bin, dann brauche ich existenziell etwas im Außen, beispielsweise andere Menschen, über die ich mich zunächst konstituieren und in der Folgezeit auch definieren kann. Dann erst gibt es mich. Ich kann mich spüren und fühlen, indem ich etwas im Außen nacheifere, liebe, verehre, hochachte oder aber auch hasse, verfolge, verachte und ablehne. Allerdings drohen Menschen natürlicherweise immer wieder zu verlassen, zu übersehen, zu kritisieren, abzulehnen, sich zu distanzieren oder sich gar zu trennen. Und dann bin ich nicht nur allein, was schlimm genug sein kann, sondern es gibt mich wieder nicht mehr. Ich stürze in mein bodenloses NichtsSein. Bis ich wieder etwas im Außen finde, das mich vor dem NichtsSein rettet, bis es mich wieder… .

So wie Max, der sich durch Sonjas Trennung ausweglos im unaushaltbaren NichtsSein feststeckt und nur mit Hilfe seiner vierjährigen Tochter immer wieder rausfindet:

„Ich habe schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass es nicht gut war, Ina unmittelbar nach der Trennung zu Max zu geben. Aber sie hat ja so nach ihm geschrien. Und ich war auch froh um die wenigen Stunden, die ich allein für mich sein konnte, um mich zu sortieren.

In seiner existenziellen Not heraus benützt Max seine Tochter als ‚Rettungsring‘:  Ina wird zu seinem Sprachrohr, zu ‚Max II‘.

An seiner statt kämpft nicht Ina gegen das NichtsSein, sondern das von Max geschaffene Sprachrohr ‚Max II‘ . Dieses beschimpft und wertet Sonja ab. Und trifft zielgenau Sonjas wundesten Punkt: ‚Sie sei eine schlechte Mutter.‘ Demnach ging es hier nie wirklich um die tatsächliche Qualität des Mutter seins von Sonja, sondern immer um die Paarbeziehung. Die Mutter-Tochter-Beziehung ist nur der ausgelagerte Schauplatz des Überlebenskampfes von Max, geführt von seiner benützten Tochter. Auf diese Weise kann Max einerseits die Trennung aufheben, ist er doch über einen zwölfjährigen Kampf weiterhin mit Sonja verbunden, und kann andererseits ohne dem schrecklichen NichtsSein in einer neuen stabilen Partnerschaft leben.

Ein derartiger Überlebenskampf gegen das NichtsSein – genaugenommen gegen das NichtsKind – findet immer anderswo statt. Denn es gibt ja kein ICH und kein MICH, sondern nur ein DU/IHR und ein DEIN/EUER. Das ist fürchterlich für alle Beteiligten.

Abschließend meinte Sonja traurig zu mir: „Ich habe tatsächlich immer mehr an mir gezweifelt. Ich dachte schon, ich bin verrückt. Ich gehöre in die Klappse. Soweit ging das. Auf die Idee, dass meine Tochter in ihrem Hass gar nicht meine Tochter ist, sondern Max II, auf das wäre ich nicht gekommen. Aber es macht so viel Sinn.“

(Es ist tatsächlich so, dass Sonja in Zustände geraten ist, die durchaus zu Einweisungen führen können.) Und wie geht es weiter?

„Also, das mache ich nicht mehr mit. Ich zweifle nicht mehr an mir. Das ist ja entsetzlich. Ich werde mich mit Max und Max II nicht mehr befassen.“, flüstert Sonja und beginnt bitterlich zu weinen, „Jetzt muss ich erstmal mich suchen. Und dann suche ich meine Tochter.“

Insofern ist für mich die alltägliche Aussage der „überzogenen Selbstliebe“ eines Narzisten nicht stimmig: Es gibt einen ‚Narzissten‘ ja nicht. Er ist nicht existent. Wenn etwas tatsächlich übersteigert ist, dann diese alternativlose, weil existenzielle Bezogenheit auf ein Außen, auf ein DU/IHR. Liebe im eigentlichen Sinne ist das nicht, sondern eine bedingungslose Abhängigkeit.

Es ist dieses Licht - Detail 19

 

Nachdem ich diesen Blog geschrieben habe und durchgelesen habe, könnte ich die Frage der Psychotherapeutin beantworten:

Ich begegne in meiner Arbeit sehr vielen Opfern von erwachsenen NichtsKindern. Aber ich arbeite mit keinen Narzissten längerfristig, nicht im Einzelsetting. Das ist aber keine bewusste Entscheidung von mir, die entsprechenden Menschen kommen einfach nicht mehr. Sie können offenbar die Aufmerksamkeit auf ihr NichtsKind nicht aushalten. Gibt es jedoch eine grundsätzliche Bereitschaft sich mit dem eigenen NichtsSein zu beschäftigen, dann ist meines Erachtens nicht mehr von ‚Narzissmus‘ zu sprechen.

 

 

 

 

 

ICH und KontaktAbbrüche?

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die auf der Suche sind nach sich selbst, die sich also die Frage stellen:

Wer bin ich? Wer bin ich wirklich? Wer bin ich nicht?

So wie neulich Eva, die in ihrer ersten Einzelstunde feststellte, dass sie gar nicht sie selbst ist, dass sie gar nicht in sich selbst ist, dass sie von der tatsächlichen Eva getrennt ist.

Ich fragte sie, wo sie denn dann wäre, wer sie denn dann wäre, wenn nicht die Eva, die mir gegenüber sitzt.

„Ich bin dann irgendwie viel jünger, kleiner, auch schwächer. Irgendwie total unterlegen. Ich finde mich dann auch nicht hübsch. Dann weiß ich auch gar nicht, was ich anziehen soll. Ich weiß schon so vom Kopf her, dass mit mir alles ganz normal ist, dass es die erwachsene Eva gibt.  Die ist völlig in Ordnung ist, aber in der bin ich nicht.“

Warum? Ich meinte zu Eva, dass es dafür einen Grund geben muss, warum sie nicht in sich drinnen ist.

Eva erzählt mir daraufhin ihren verschiedenen Aufstellungen, die sie bereits gemacht hat, ohne dass sich daran etwas geändert hätte: Es gibt diese erwachsene kompetente junge Frau, die sie eigentlich wäre, aber nicht ist. Und es gibt diese unterlegene, kleine und schwache Eva, die sie zu sein scheint, aber eigentlich nicht ist. (Ich frage nach, ob sich durch die Aufstellungen tatsächlich nichts geändert hat, also nichts besser oder schlechter geworden ist. Eva schüttelt den Kopf und meint, da hat sich nichts geändert, sonst hat sich schon einiges getan.)

Eva wurde sehr wahrscheinlich mit 12 während einer Klavierstunde sexuell traumatisiert. Was niemand in ihrer Umgebung wissen wollte. Auch nicht ihre Eltern. Denn der potentielle Täter ist eine stadtbekannte Persönlichkeit, mit dem sich bis heute niemand  auseinandersetzen will. Auch nicht ihre Eltern. Unmittelbar nach dem Gewalterlebnis hörte Eva abrupt auf mit dem Klavierspielen und entwickelte eine Essstörung. Sie magerte derart ab, dass sie in eine Klinik zwangseingewiesen und dort zwangsernährt wurde.

Seitdem hat Eva fürchterliche Angst, dass jemand bemerken könnte, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Dass ihr jemand die Magersucht ihrer Jugend ansehen könnte. (In Wirklichkeit ist Eva eine normal schlanke junge Frau, der die überwundene Magersucht nicht anzusehen ist.)

Und so darf auch niemand wissen, dass sie wegen diesem Thema zu mir oder zu jemand anderem geht. Davor habe sie panische Angst, genauso, wie wenn jemand ihr ansehen könne, dass sie Magersucht hatte.

Warum? Warum ängstigt Eva das so sehr?

„Dann würde meine Mutter sagen: ‚Oh Gott, sie hat es immer noch nicht überwunden!‘ und das ist ganz schlimm für mich.“

In der folgenden Einzelarbeit wollte Eva etwas für sie völlig Neues ausprobieren, nach dem sie einige Gruppenseminare in der letzten Monaten machte: Sie will sich mit der „verdeckten KissenAufstellung“ sich auf die Suche nach ihrem eigentlichen ICH machen.

„Ich bin in mir und mir geht es gut mit mir.“

Es zeigt sich tatsächlich, dass die Mutter und deren (un)ausgesprochene Forderung „Du musst so  sein, als wäre nichts passiert!“ für Eva unaushaltbar ist. Und so spürte Eva dem Mutter-Kissen (ohne dass sie wusste, dass es das Mutter-Kissen) gegenüber Wut.  (Ich war sehr überrascht, habe ich doch von allen möglichen Gefühlen bei Eva noch nie Wut miterlebt.) Nach dem Eva einige Minuten ihre Wut spürte, nahm sie das Kissen und warf es mit Kraft in die Ecke:

„Dich brauche ich nicht mehr. Du bist mir keine Hilfe. Im Gegenteil.“

Davon ausgehend klärte sich erschreckend klar, warum Eva nicht die erwachsene Eva sein kann, warum sie nicht in sich sein kann:

Das, was Eva erlitten hat, das darf in den Augen ihrer Mutter und der restlichen erwachsenen Welt nicht so sein, wie es ist: nämlich eine schlimme Gewalterfahrung, die bis heute für Eva leidvoll spürbar ist. Wenn es sie überhaupt gibt, dann nur als etwas, was nicht so schlimm war, schon lang vorbei ist, … . Und so meint Eva zu dem Kissen ’sexuelle Gewalt‘ (wieder ohne zu wissen) auch: „Das ist etwas Unbedeutendes. Das ist unwichtig. Das hier ist nicht der Rede wert.“

Wenn dem so ist, wenn also das, was ich erlebt habe, nicht sein darf, wie es war und wie es ist, dann kann ich nicht ICH sein. Dann kann ich nicht mein ICH leben, nicht in meiner Identität leben. Mit Identität meine ich, die Summe aller Lebenserfahrungen eines Menschen.

Daher führt eine Auseinandersetzung mit dem ICH, mit der eigenen Identität unweigerlich auch zu einer Auseinandersetzung mit der Qualität der Beziehung zu sich selbst und zu anderen Menschen:

Wie ist mein Kontakt zu mir selbst? Kann ich, darf ich und will ich da sein, mit alle dem, was ich erlebt habe?

Wie ist der Kontakt zu anderen Menschen? Zu meinen Eltern? Zu meinen Geschwistern? Zu meinen Partnern und Partnerinnen? Zu meinen erwachsenen Kindern? Zu Freunden und Freundinnen? Zu Therapeuten und Therapeutinnen? Zu Kollegen und Kolleginnen? Kann ich, darf ich und will ich da sein, mit alle dem, was ich erlebt habe?

Was bedeutet das, wenn ich nicht da sein kann, darf oder will?

Eva schaut auf das Mutter-Kissen, das sie eine halbe Stunde zuvor voller Wut in die Ecke schmiss:

„Ja, das ist tatsächlich so. Sie war und ist mir keine Hilfe da mit mir. Im Gegenteil. Es wirft mich immer wieder zurück, wenn ich mit ihr rede, hab ich das Gefühl. Hm: Was heißt das für mich jetzt? Darf ich mich von meiner Mutter distanzieren?“

Diese Frage freute mich zutiefst. Nicht, weil ich will, dass sich Eva distanziert und womöglich den Kontakt zu ihrer Mutter abbricht. Nein, ich freue mich, dass in Eva die Idee entstanden ist, dass ein Kontakt, eine Beziehung ihr nicht gut tut, mehr noch: ihr sogar in der Gegenwart schadet. Dass eine Beziehung verändert werden kann, dass sie nicht „für immer und ewig“ bedeutet. Und ich freue mich darüber hinaus, dass in Eva eine Ahnung entstanden ist, dass sie sich überhaupt schützen kann.

Das bedeutet: Eva misst sich selbst einen Wert bei. Sie ist schützenswert. Wenn dem so ist, dann ist Eva doch schon etwas in sich. Es ist ihr gesundes ICH, das weiß: wenn ich mich mit meinen traumatischen Erlebnissen Dir nicht zeigen darf, dann tut der Kontakt zu dir mir nicht gut.

Eva beendet ihre Einzelstunde mit der Feststellung: „Ich kann und darf mich von meiner Mutter distanzieren.“

Wie wird das konkret ausschauen? Wird Eva den Kontakt zu ihrer Mutter einschränken? Wird sie ihn abbrechen? Wird sie vielleicht mit ihr nicht mehr über sich und ihre Verletzungen sprechen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass sie in ihrer Arbeit für sich spüren und fühlen konnte, dass ihr die Beziehung zu ihrer Mutter unter der Bedingung „Du sollst wieder normal sein, als wäre nichts passiert!“ schadet.

Soll Eva den Kontakt zu ihrer Mutter einschränken? Soll sie ihn abbrechen?

Auch das weiß ich nicht. Das soll ich auch nicht wissen. Denn das kann nur Eva selbst für sich wissen: Wie will ICH meine Beziehung gestalten? Es ist mir wichtig, dass Menschen es wagen, zu spüren, fühlen und denken, dass Beziehungen so zu gestalten sind, dass sie ihnen gut tun und nicht schaden. Dass sie grundsätzlich dürfen. Denn das ist für mich eines der Kennzeichen eines gesunden ErwachsenenICH, im Unterschied zu einem KinderICH, das natürlicherweise immer auch abhängig ist von der Beziehung zu Mutter, Vater, …

Was weiß ich denn dann überhaupt in meiner Position als Begleitung?

Ich weiß, dass Menschen im gesunden ErwachsenenICH grundsätzlich die Möglichkeit haben, ihre Beziehungen gestalten: ICH kann immer wieder prüfen, ob mir meine Beziehungen und Kontakte zu mir und zu anderen Menschen gut tun. Dementsprechend kann ICH immer wieder korrigierend eingreifen. ICH kann Kontakte intensivieren, sie einschränken, sie abbrechen und sie wieder aufnehmen. Je nach dem.

Und so gibt es für mich keine allgemeingültige Position.  (Mit einer gewichtigen Ausnahme: Menschen, die sich in ihren Beziehungen zu sich und zu anderen akut selbst- und/oder fremdgefährden.)

Und so erlebe ich in meiner Praxis immer wieder ein Ringen, ein Ausbalancieren, um gesunde Beziehungen und Kontakte:

Manchmal erwies sich ein KontaktAbbruch als der entscheidende Schritt in Richtung gesundem ErwachsenenICH, manchmal ist es eine Einschränkung eines Kontaktes, und manchmal sogar die Intensivierung einer Beziehung:

So wie bei Hans, der mir mitteilte, seinen in der Kindheit gewalttätigen Vater jetzt in dessen letzten Monaten intensiv begleiten zu wollen, obwohl er immer wieder verbal extrem  ausfällig wird.  Hans kämpfte jahrelang mit sich, sich von ihm zu abzugrenzen und sich vor der psychischen Gewalt seines Vaters zu schützen. Vor einigen Jahren schaffte Hans es tatsächlich und es ging ihm sehr, sehr gut, ohne Kontakt zu seinem Vater. Und nun eine derartige Kehrtwende.

Ich war völlig überrascht und irritiert, sodass ich zu ihm sagte: „Da bin ich tatsächlich überrascht. Damit hätte ich nicht gerechnet.“

„Du bist dagegen, oder?“

„Nein, ich bin irritiert. Mir ist nicht klar, was Du damit bezweckst, aber etwas wirst Du bezwecken.“

„Stimmt, ich weiß nicht, warum ich das tun werde. Ich weiß nur, dass es wichtig ist für mich.“

Nach der Vater gestorben war, kam Hans wieder zu einem Einzeltermin:

„Ich weiß jetzt, warum ich das tun musste. Es war die Hölle für mich. Es war furchtbar. Aber es war tatsächlich wichtig: Stell Dir vor, einmal als ich ihn im Krankenhaus besuchte, beschimpfte er mich derart, dass die Krankenschwester schon einschritt und ihn mäßigen wollte. Er schrie sie nur an, was einmal gesagt werden muss, muss gesagt werden: ‚Ich hätt‘ Dich damals derschlagen sollen.‘ Und dann stand ich da und wusste plötzlich ganz sicher, es stimmt, was ich immer ahnte und was in den Aufstellungen immer rauskam. Anscheinend musste ich das einmal von ihm hören.“

Ja, offenbar. „Und dann?“

„Dann habe ich zur entsetzten Krankenschwester gesagt, dass es so war und so ist. Und dann hab‘ ich ihn angeschaut, seinen Hass im Gesicht gesehen. ich hab mir nur gedacht, nein, der meint nicht mich, und bin gegangen.“

„Und dann?“

„Dann? Bin ich nach Hause gefahren und habe geweint. Um mich geweint. Und um die Schrecken einer solchen Vater-Sohn-Beziehung.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ICH und objektive und subjektive Wahrheiten

Vor ein paar Wochen bekam ich völlig überraschend Post von der Kriminalpolizei. Eine Vorladung. Ich sollte eine  Zeugenaussage  bezüglich „sexuellen Missbrauchs“ machen.

Die Grundlage für diese Zeugenbefragung waren Gespräche, die ich vor 10-15 Jahren noch größtenteils während meines Studiums führte. Ich hatte große Mühe, mich überhaupt daran zu erinnern.

Ich war irritiert: Was soll ich machen? Eine Zeugenaussage? Das kann und will ich überhaupt nicht machen. Doch (leider) stellte sich die Frage gar nicht:

„Ich muss Sie darüber aufklären, dass Sie keine Angaben zur Sache machen müssen, wenn Sie mit dem Betroffenen verwandt oder verschwägert sind. Weiterhin können Sie die Antwort auf solche Fragen verweigern, deren Beantwortung Sie selbst oder einen nahen Angehörigen in die Gefahr bringen würde, wegen einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit verfolgt zu werden.“

Danach wurde ich zwar freundlich, aber bestimmt belehrt:

„Wenn Sie Angaben zur Sache machen können, sind Sie gehalten die Wahrheit zu sagen,
andernfalls könnten Sie sich strafbar machen. Haben Sie die Belehrung verstanden?“
Ja, das hatte ich. Allerdings. Aber was ist Wahrheit?
Im Duden steht, dass die Wahrheit „das Wahr sein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit“ sei und zudem sei sie ein „wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand“.
„Können Sie Angaben zur Sache machen?“
Nein, das konnte ich nicht wirklich:  Ich konnte nicht sagen, wann, was, wie oft und durch wen passiert ist. Ich konnte nur sagen, dass wir damals über „sexuellen Missbrauch“ gesprochen hätten; und ich konnte sagen, dass ich mir durchaus vorstellen könnte, dass etwas passiert ist. Aber was?
Der Kripobeamte meinte, es ginge hier nicht um subjektive Annahmen und Wahrheiten, sondern um gesicherte Angaben. Was wurde mir gesagt bezüglich: Wann ist der sexuelle Missbrauch passiert? Was genau wurde gemacht? Wie oft ist es geschehen? Wurde der Täter benannt?
Meine Vernehmung endete damit, dass ich nichts strafrechtlich Relevantes aussagen konnte.
Das, was ich zu diesem Fall (und zu vielen anderen Fällen) zu sagen habe, ist im Sinne der Strafverfolgung nicht relevant.
Das gibt mir sehr zu denken:
Denn  in meiner täglichen Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sichtlich an ihren Lebenserfahrungen leiden, sich aber nicht daran erinnern können. Sie suchen nach der Wahrheit ihrer Kindheit. Und sie finden sie durchaus im Laufe ihres therapeutischen Prozesses: Es ist die emotionale, körperliche und sexuelle Gewalt durch (nahe und geliebte) Menschen, die sie zutiefst verletzte und an deren Langzeitfolgen sie leiden. So wie Emil.
Emil ist ein 47 jähriger Mann, der sein Leben lang auf der Suche nach dem ist, was ihm in der Kindheit widerfahren ist. Mit 18 Jahren ist er wegen einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme gekommen. Das letzte woran er sich noch erinnern konnte, ist, dass plötzlich in ihm ein Film ablief, in dem er seinen Vater sah und sich als Kind. Er weiß nicht mehr, was er da vor seinen inneren Augen gesehen hatte, nur dass er gleichermaßen erleichtert wie erschrocken war. Stunden später fand er sich in der Notaufnahme wieder. Emil ist sich sicher, dass er damals tatsächlich etwas wieder erlebte, was er tatsächlich als Kind erlebte. Seitdem versucht er, sich mit den verschiedensten therapeutischen Methoden wieder zu erinnern. Und so ist er irgendwann auch auf mich und meine Aufstellungsarbeit gestoßen:
Immer wieder lautete sein Anliegen: „Was ist mir mit meinem Vater passiert?“
In den einzelnen Aufstellungen zeigten sich die verschiedensten Gewaltszenarien: Demütigung und Verachtung, verbale Gewalt, körperliche Gewalt und schließlich auch eine brutale Vergewaltigung:
Emils Vater kam sturzbetrunken von einer Kneipentour zurück, legte sich zu Emil ins Bett und vergewaltigte ihn irgendwann in der Nacht. Emils Mutter war bei einer Freundin über Nacht. Das machte sie immer wieder, wenn er zum Saufen ging.
Nach dieser Kissenaufstellung meinte Emil zu mir: „Das ist das, wonach ich gesucht habe. Das ist mir passiert. Jetzt weiß ich wieder.“
Einige Tage danach erzählte mir Emil, dass er sich danach wieder hemmungslos betrunken hatte. So wie damals.
Eine Vergewaltigung ist im psychologischen Sinne eine sexuelle Traumatisierung und im juristischen Sinne ein Verbrechen. Ein Sexualdelikt, das bei Bekanntwerden verfolgt und geahndet wird, so wie andere Straftaten auch. In Deutschland ist körperliche Gewalt immer eine Straftat, sexuelle Gewalt fast immer, und emotionale Gewalt zumindest in schweren Fällen. Das bedeutet: Dem Täter oder der Täterin –  manchen Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, … meiner Klienten – droht bei polizeilichen Ermittlungen eine Strafe.
Und ich kann nichts strafrechtlich Relevantes dazu aussagen? Nein, das kann ich nicht.
Zu den Studenten und Studentinnen meines Seminars über sexuelle Gewalt meinte ich kürzlich, dass ich gerade deswegen nicht im Bereich der Strafverfolgung tätig sein wollte.
Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist im Strafgesetzbuch den „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ untergeordnet. Es sind überwiegend Verbrechen, die im Stillen und Verborgenen stattfinden. Das hat weitreichende Konsequenzen:
  • Es gibt keine Zeugen: Denn jeder, der Zeuge wird, der also zweifelsfrei gesehen hat, wie ein Kind sexuell traumatisiert wird, ist immer auch ein Mittäter oder eine Mittäterin, müsste sich also selbst belasten. (Es sei denn, er oder sie schreitet ein und hilft dem Kind bzw. verständigt die Polizei.)
  • Es gibt häufig keine Beweise: Denn körperliche Verletzungen und Spermaspuren müssten sofort nach der Tat gesichert werden, so es sie überhaupt gegeben hat. Aber welches Kind wird unmittelbar nach der Tat zum Arzt gebracht? Zudem: Eine Vielzahl sexueller Gewalttaten hinterlässt keine körperlichen Verletzungen und auch keine verwertbaren Spuren.
Und so steht in der Regel in Gerichtsprozessen Aussage gegen Aussage, wenn nicht der Angeklagte geständig ist. Verkürzt ausgedrückt: Es obliegt dem Richter oder der Richterin, wessen Aussage glaubwürdiger bewertet wird. Hinzu kommt noch der Grundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten), wonach im Strafprozess ein Angeklagter nicht verurteilt werden darf, wenn dem Gericht Zweifel an seiner Schuld verbleiben.
Aber wie glaubwürdig erscheint ein Opfer, das sich nicht mehr an den genauen Tathergang erinnert? Das keine anderen Beweismittel vorbringen kann als seine Erinnerung? Das keine genauen Angaben zu Datum, Uhrzeit oder Ort machen kann? Das angibt, sich erst im Rahmen einer Therapie wieder an die sexuelle Gewalt erinnern zu haben? Das unter Traumafolgestörungen, wie Depression, Sucht, Psychosen leidet? Das vielleicht Medikamente nimmt?
Was ist, wenn sich ein Opfer irrt? Wenn es sich nicht um sexuelle Gewalt handelt, sondern um körperliche Gewalt? Wenn der Täter nicht der Vater ist, sondern der Großvater? Wenn die sexuelle Gewalt zwar passiert ist, aber nicht dem Opfer, sondern seiner Mutter? Wenn also die Erinnerung nicht wahr ist?
Aus diesen und noch anderen Gründen birgt der juristische Prozess der Wahrheitssuche für alle Beteiligten mitunter unheilvolle Konsequenzen.
Eine der Studentinnen fragte mich: „Und nun? Was folgt daraus? Was soll man nun machen als Opfer? Sollen Täter und Täterinnen nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden? Das geht doch auch nicht!“
Ich weiß es nicht. Und nun?
Emil konfrontierte seine Eltern einige Monate nach der Aufstellung mit seiner wiedergefundenen Wahrheit: Seine Mutter glaubte ihm nicht. Sie lachte ihn aus und meinte, er wäre wohl verrückt geworden. Das wäre nun das Ergebnis seiner jahrelangen Therapien. Sein Vater schaute ihn hasserfüllt an und sagte nur, er sollte besser mit dem Saufen aufhören und seinen Mund halten.
Ich fragte Emil, was diese Reaktionen seiner Eltern mit ihm gemacht hätten.
„Ich bin zutiefst enttäuscht, vor allem von meiner Mutter. Sie hat mich wieder im Stich gelassen und verraten. Und mein Vater, was soll ich dazu noch sagen? Da erübrigen sich alle Worte. Ich habe für mich meine Wahrheit gefunden. Darüber bin ich sehr, sehr froh. So hart es ist, es ist meine Geschichte. Ich kann jetzt mit meinem Leben beginnen.“

Darum geht es mir, für mich selbst und für die Menschen, die ich in ihrem Prozess begleite: Um das (Wieder)erinnern der eigenen Geschichte. Um das (Wieder)finden der eigenen Wahrheit. Um das eigene Leben.

Es geht mir nicht darum, Anklage zu erheben und Gerechtigkeit zu suchen, indem Täter oder Täterinnen zur Verantwortung gezogen werden und bestraft werden. Denn dadurch verknüpfe ich erneut mein Wohl und Weh mit dem Täter oder der Täterin. Ich bleibe gebunden an mein Gewalttrauma.

Nein, es geht mir darum, in mein eigenes Leben zu finden. So wie Emil. In ein Leben jenseits von OpferHaltungen und TäterHaltungen.

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ICH und das Wegschauen und Hinschauen

 

Es war ein Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung vom 9.Februar 2018 über (sexuelle) Gewalt und Machtmissbrauch im österreichischen Skiverband, der mich einmal mehr über das Wegschauen nachdenken ließ. Das Wegschauen so vieler beteiligter Menschen, die wussten oder zumindest ahnten, die hätten wissen können, die hätten nachfragen können, … . Was wäre, wenn nicht weggeschaut worden wäre? Wenn nicht weggeschaut wird?

Und da fällt mir Tom ein.

Tom ist ein 48 jähriger Mann, der seit einem Jahr einmal im Monat zu einer Einzelstunde kommt. Tom lernte mich auf einem Aufstellungsseminar kennen. Einige Jahre später rief er mich an. Gleich zu Beginn fragte er mich:

„Kann ich zu Dir zu Einzelstunde kommen und muss ich da unbedingt Aufstellungen mit und ohne Anliegensatz machen?“

Ich war sehr verwundert. Denn Tom ist immer wieder bei Aufstellungsseminaren dabei. Ich habe ihn dabei als einen sehr einfühlsamen Stellvertreter und einen durchaus begeisterten Verfechter der ‚Identitätsorientierten Psychotraumatheorie‘ von Franz Ruppert erlebt.

„Nein, natürlich nicht. Wir können auch Gespräche auf der Basis der Psychotraumatheorie führen. Je nachdem, wie Du die Einzelstunde für Dich nützen möchtest.“

Und so vereinbarten wir einen ersten Termin.

Ich frage nach Toms bisherigen Leben und Tom antwortet mir unaufgeregt. Ich fühle seinen Antworten nach und frage nach, ob ich ihn richtig verstanden habe. Tom antwortet immer genauer auf mein Nachfragen. Ich erschrecke über seine Antworten, worüber nun Tom seinerseits erschrickt:

„Weißt Du, für mich ist das normal. So war das halt. So ist das halt. Ich habe dem bis heute keinen besonderen Wert beigemessen. Und sonst auch niemand. Mit mir war ja immer soweit alles ganz normal. Was sollte ich schon haben?“

„Nein, das ist nicht normal.“

Und so zeigt sich mit jedem Gespräch mehr, in welchem Schrecken Tom aufwachsen musste, welchem Terror er hilflos ausgeliefert war: Tom wurde regelmäßig die ganze Kindheit hindurch schwer misshandelt. Sein Körper war immer wieder deutlich sichtbar gezeichnet von der brutalen Gewalt, die er erlitten hatte. Es war seine Mutter, die ihn mit ihren Fäusten und Füßen, mit allem, was sie in ihre Hände bekam, niederschlug und auf ihn einprügelte. Sein Vater schaute weg.

Tom ist in einem kleinen Dorf in der Nähe einer Kleinstadt aufgewachsen – in einem Dorf, in dem jeder jeden kennt, in dem man von einander weiß. Und so wusste das Dorf, dass Toms Mutter jähzornig und unberechenbar ist und immer wieder ausfällig wird und ausrastet, wenn man nicht ihrer Meinung ist. Aber das Dorf hat seinen Umgang mit ihr gefunden: Es geht ihr aus dem Weg und legt sich mit ihr nicht an. Es vermeidet jedwede Auseinandersetzung mit ihr. Von Toms Vater wusste das Dorf, dass der ein ganz armer Mann ist, dass er einem wegen dieser Frau leidtun muss, oder dass er gar kein richtiger Mann ist, weil er seine Frau nicht im Griff hat.

Und auch von Tom und seinem geschundenen Körper wusste das Dorf auch:

In einem der Gespräche frage ich Tom, wie das möglich ist, eine derartige Gewalt zu erleben, ohne dass das jemandem aufgefallen ist, ohne dass jemand etwas unternommen hätte.

„Da wurde ja nichts vertuscht. Nicht von meiner Mutter. Es ist ja gar nicht heimlich passiert.“ Tom schüttelt seinen Kopf und schließt seine Augen: „Einmal, daran erinnere ich mich gerade: Ich sehe mich gerade vor mir, da war ich wohl sieben Jahre alt, da hat sie mich mitten auf der Straße windelweich geprügelt. Sie hat ganz furchtbar geschrien und ich auch. Mitten in aller Öffentlichkeit.“

„Wie? Deine Mutter hat Dich in aller Öffentlichkeit zusammengeschlagen?“

„Ja, das kam öfter vor.“

„Und was ist dann passiert?“

„Nichts. Was soll passiert sein? Die, das mitbekommen haben, sind schnell in ihre Häuser verschwunden und haben die Vorhänge zugezogen.“

„Und Du? Was ist mit dem siebenjährigen Tom und seinem verletzten Körper passiert?“

„Ja, nichts. Der ist halt irgendwann wieder aufgestanden und nach Hause gegangen. Zuhause sagte dann mein Vater zu mir, ich solle die Mutter nicht immer so reizen. Das war’s dann. Bis zum nächsten mal.“

„Und was war am nächsten Morgen. Wie bist Du denn in die Schule gekommen, so verletzt wie Du warst?“

„Das ging schon. Nur, wenn’s zu schlimm war, dann musste ich zu Hause bleiben, auch wenn ich gar nicht zu Hause bleiben wollte.“

Nach einem längeren Moment des Schweigens fragt mich Tom ernsthaft: „Was hätte denn sein können? Was hätte denn passieren können?“

„Es hätte jemand die Polizei und den Krankenwagen rufen müssen. Es hätte jemand einschreiten müssen und Deine Mutter bändigen müssen. Es hätte jemand sich um den verletzten kleinen Jungen kümmern müssen. Es hätte jemand das Jugendamt verständigen müssen. Es hätte jemand Dir erklären müssen, dass das schlimm ist, was Deine Mutter Dir immer wieder antut… . Es hätte viel passieren müssen und nichts von dem ist offenbar passiert.“

Tom schaut mich lange an und fragt mich dann erstaunt: „Wer hätte das denn tun sollen?“

„Dein Vater, deine Lehrerin, die Nachbarn, der Kinderarzt, der Pfarrer, die Dorfleute, die Eltern Deiner Freunde, Deine Großeltern, … . Es hätte jeder tun sollen, der davon wusste.“

Tom beginnt ganz leise und still zu weinen. „Nein, es ist nichts passiert. Nichts davon.“ Und nach längeren Schweigen schaut er mich erschrocken an: „Ich habe ja auch nichts getan. Einmal wurden wir in der Schule untersucht. Und da hat mich der Schularzt dreimal gefragt, woher die vielen blauen Flecken kommen. Ich habe immer gesagt, ich wäre die Treppe hinuntergefallen. Der Arzt schüttelte den Kopf und sagte traurig zu mir, wenn ich ihm nicht die Wahrheit sagen würde, könnte er mir nicht helfen. Ich habe geschwiegen. Die Lehrerin und die Klasse auch.“

Ein Wegschauen, wie es Tom in seiner Kindheit erlebte, hat weitreichende Konsequenzen für die Opfer der Gewalt, aber auch für die Täter der Gewalt. Denn dann hört die Gewalt nicht auf. Ein Gewaltausbruch folgt dem nächsten Gewaltausbruch. Täter werden dann immer wieder zu Tätern und Opfer werden immer wieder zu Opfern gemacht. Die Gewalt bleibt.

Aber nicht nur das.

Toms Lebensgeschichte lässt mich noch weiter über das Wegschauen nachdenken.

Für mich scheint das Wegschauen ein (un)bewusstes Verneinen dessen zu sein, was Menschen gerade gesehen haben: Ich sehe etwas und schaue weg, schaue an etwas vorbei, schaue über etwas hinweg. Warum mache ich das? Vielleicht deswegen, weil ich mich dann nicht beziehen muss, auf das, was ich gesehen habe. Ich muss dann nicht reagieren, auf das, was ich gesehen habe. Ich sehe und habe doch nicht gesehen. Ich muss nicht einschreiten, helfen, schützen… Das, was ich gesehen habe, hat keine Konsequenz.

Tom wird auf offener Straße unter den Augen einiger Dorfbewohner von seiner Mutter zusammengeschlagen und es erfolgt – nichts. Er steht auf und geht nach Hause. Trotz aller vor den Ohren der ganzen Klasse und der Lehrerin geäußerten Zweifel des Schularztes ob der massiven Blutergüsse erfolgt – nichts. Tom geht Tag für Tag zur Schule, als wäre nichts passiert.

Und so manifestiert sich langsam: Ist denn überhaupt etwas passiert? War da was Schlimmes? Nein, nein. Es war alles ganz normal. Es war nichts.

Aber was ist dann, wenn das nichts oder nicht war, was so oft passiert ist?

Nach einigen Gesprächsterminen möchte Tom mit meinen Kissenbezügen arbeiten: Dabei nähert sich Tom zum ersten Mal seinen massiven körperlichen und emotionalen Schmerzen direkt an. (Zuvor haben wir nur über die erlittene Gewalt gesprochen, wie sie sich für ihn angefühlt haben mag und wie sie sein Leben bis heute beeinflusst.)

Tom kommt in Kontakt mit seinen unaushaltbaren körperlichen Schmerzen, mit seinen unerträglichen Gefühlen von Todesangst und Scham. Und er ahnt zum ersten mal in sich eine riesige Wut auf seine Eltern.

Ich bin sehr berührt und überrascht, wie achtsam Tom mit sich und seiner erlittenen Gewalt in Kontakt gekommen ist. Tom ist sichtlich zufrieden über seine Selbstbegegnung und ich auch. Ich freue mich sehr für ihn.

Doch plötzlich erkenne ich einen Wingsuit in der Art und Weise, wie Tom die Kissenbezüge angeordnet hat. (Das ist ein spezieller Anzug für Fallschirmspringer und Basejumper. Dabei sind die Flächen zwischen den Armen und Beinen wie Flügel.)

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Wingsuit Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Bild von http://www.tonywingsuits.com)

Und ich verstehe endlich:

Einige Termine zuvor erzählte Tom mir von seinem Absturz. Er ist beim Basejumping abgestürzt. Eine Windböe hat ihn gegen einen Felsen gedrückt und dann konnte er offenbar den Fallschirm nicht mehr richtig öffnen. Berglatschen bremsten seinen Aufprall. Wie durch ein Wunder überlebte Tom – allerdings sehr schwer verletzt: Mit einigen inneren Verletzungen und unzähligen Knochenbrüchen. Er wurde mit einem Hubschrauber in ein Unfallkrankenhaus geflogen. Die Polizei kam und ermittelte den Unfallhergang. Die Presse berichtete.

Ich frage Tom, ob er jemals wieder gesprungen ist.

„Nein, das hörte plötzlich auf. Es war gut. Ich war nicht traurig darüber und habe es auch nicht vermisst. Ich habe dann ganz andere Sachen gemacht. Nicht, weil ich mich gefürchtet hab oder weil ich vernünftig geworden wäre. Nein. Es war einfach vorbei und gut so.“

Toms Verletzungen sind sichtbar geworden – das, was Tom immer in sich gefühlt hatte, ist im Außen sichtbar geworden, hat seine Entsprechung im Außen gefunden. Und nicht nur das, sie werden gesehen – von der Familie, von den Ärzten, von der Polizei, sogar von den Dorfbewohnern.

„Viele Jahre später fragte mich einer auf einer beruflichen Fortbildung, von woher ich eigentlich komme. Ihm käme mein Dialekt so bekannt vor. Als ich ihm dem Namen des Dorfes sagte, meinte er, er käme aus dem Nachbardorf. Stell Dir vor, dann fragte er mich, ob das nicht der Ort sei, wo da mal vor vielen Jahren einer beim Basejumpen abgestürzt ist und wie durch ein Wunder überlebt hat. Stell Dir das mal vor, das fragt der mich!“

„Ja, daran kann man sich erinnern. Da schaute niemand weg. Darüber kann man sprechen, wegen dem kann man Dich ansprechen. Aber über die Verletzungen damals, über die körperliche Gewalt Deiner Mutter, darüber spricht keiner bis heute nicht. Sie schauen weg bis heute.“

„Ja, das tun sie tatsächlich. Alle – meine Familie und auch die, die ich von früher her noch kenne. Da hat sich nichts geändert. Nur über meinen Absturz – da reden sie bis heute.“ Tom streichelt sanft über sein Ich-Kissenbezug:

„Aber ich schaue nicht mehr weg: Ich weiß jetzt, dass nichts normal war. Ich weiß, was mir passiert ist und wie sehr ich darunter gelitten habe.“